„München 1972 blieb ein Experiment“

Der Lüner Hans Georg "Hennes" Simon nahm 1972 und 1976 an den Olympischen Spielen als Wasserballer teil. Hier (h.4.v.l.) mit seinen Teamkollegen.
Der Lüner Hans Georg "Hennes" Simon nahm 1972 und 1976 an den Olympischen Spielen als Wasserballer teil. Hier (h.4.v.l.) mit seinen Teamkollegen.
Foto: WR

Lünen. Morgen werden die Olympischen Sommerspiele in London eröffnet. Zugleich wird allerorten auf Olympia 1972 in München zurück geblickt. Das machen auch wir und trafen uns dazu mit dem Lüner Wasserballer Hans-Georg „Hennes“ Simon. Der 65-Jährige war 1972 und 1976 in Montreal beim größte Sportereignis der Welt als Aktiver hautnah dabei, 1976 war er sogar Kapitän der Deutschen Auswahl.

Welche Spiele waren denn schöner?

Eindeutig München. Aber leider nur bis zum großen Knall, bis zum Überfall auf die israelische Mannschaft und das bittere Ende.

Wie haben Sie die Katastrophe erlebt?

In der Nacht des Überfalls waren wir gar nicht im Olympischen Dorf. Wir hatten uns am Vortag das Wasserball-Finale der Männer angeschaut, wir selbst waren Vierter geworden und hatten das Turnier schon einen Tag vorher beendet. Die besagte Nacht haben wir dann mit den Schwimmern in einem privaten Penthouse eines der Schwimmer gefeiert. Auch die hatten an dem Tag ihre Wettbewerbe beendet. So haben wir dann auch in der Wohnung geschlafen.

Wie haben Sie von dem terroristischen Überfall erfahren?

Am Morgen wollten wir mit dem Taxi zurück ins Olympische Dorf. Vom Fahrer haben wir dann ungefähr erfahren, was los war. Da hatte die Polizei aber das gesamte Dorf schon abgesperrt, wir mussten zwei Kilometer laufen, um zum Appartement zu kommen. Überall standen auf einmal bewaffnete Polizisten.

Wie man hört, hatte es die vorher dort gar nicht gegeben?

Richtig. In den ersten Tagen hatte die Polizei recht lustige blaue Uniformen an und trug keine Waffen. Genau das aber hat das besondere Flair von Olympia in München ausgemacht. Alles war offen freundlich, das olympische Dorf ein Weltdorf mit lauter gut gelaunten Menschen. Das war fantastisch.

Und diese schöne Atmosphäre war dann über Nacht verschwunden?

Ja. Die kam nicht wieder. Es hat keinen Spaß mehr gemacht, alle waren einfach nur traurig und bedrückt. Ich habe noch an der Trauerfeier im Stadion teilgenommen, dann bin ich abgereist. Dabei hatten wir uns als Wasserballmannschaft noch viel ansehen wollen. Besonders guten Kontakt hatten wir zu den Handballern, Hockeyspielern und Ringern. Aber auf einmal hatte man keine Lust mehr drauf.

Das Flair von 1972 stellte sich vier Jahre später in Montreal nicht mehr ein?

Das genaue Gegenteil war der Fall. Wir waren in Kanada einkaserniert, vollkommen isoliert. Alle 20 Meter stand einer mit einem Maschinengewehr. München 72 war ein einmaliges Experiment gewesen. Allein die Eröffnungsfeier werde ich nie vergessen. Bis wir endlich ins Stadion einmarschieren durften, haben wir fünf bis sechs Stunden in der prallen Sonne gestanden. Aber als der Einmarsch dann losging: Unbeschreiblich, diese Atmosphäre hat einen völlig ergriffen. München wird einmalig bleiben.

Sie meinen Hochsicherheits-Spiele wie jetzt in London, die streng bewacht werden?

Ja. München war wie gesagt ein Experiment in Sachen Lebensfreude, das haben die Attentäter nachhaltig und für immer zerstört. Ich habe das selbst wie schon geschildert in Montreal erlebt, aber auch auf der Wasserball-WM 1975 in Kolumbien. Da sind wir sogar mit dem Militär zu Training und Spiel eskortiert worden, wie die Schwerverbrecher. Alles eine Folge des Attentats.

Werden Sie die Spiele von London verfolgen?

Aber sicher. Leider läuft das nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Unsere Wasserballer sind nicht dabei, weil sie in der Qualifikation an Montenegro und Griechenland gescheitert sind. Das haben sie glorreich versemmelt. Nun muss man mal sehen, was vom Wasserball überhaupt gezeigt wird.

Die Wasserballer sind ja nicht die einzigen Ballsportler, die fehlen.

Leider. Ich hätte gern auch Handball und Basketball angeschaut. Nun sind nur noch Hockey, Volleyball und Tischtennis dabei. Eine ganz traurige Entwicklung ist das.

Und woran mag es liegen?

Wir hatten 1972 vor dem Olympischen Turnier drei Monate Zeit für die Vorbereitung. So etwas ist heutzutage kaum noch denkbar.

Was werden Sie auf keinen Fall verpassen?

Die Schwimmwettbewerbe und die Laufentscheidungen bei den Leichtathleten. Und vor allem Rudern. Unser Achter ist ja aus Dortmund, vor der Leistung der Ruderer hatte ich schon immer höchsten Respekt.

Noch eine Frage an den Wasserballer Simon. Der SV Brambauer ist als Teil der SGW in die Erste Liga aufgestiegen. Ihre Meinung?

Ich freue mich darüber und hoffe, dass sie drin bleiben. Das wird schwerer als der Aufstieg.

 
 

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