Kuhglocken in Melbourne

Maximilian Tillmann schaute sich auch eine Partie im Suncorp Stadium an.
Maximilian Tillmann schaute sich auch eine Partie im Suncorp Stadium an.
Foto: ungeklärt
Ende September 2011 machte sich WR-Mitarbeiter und Spieler des Fußball-Bezirksligisten Geisecker SV, Maxi Tillmann, auf den Weg zu einer fünfmonatigen Reise durch Australien.

Mit Hilfe des „Working-Holiday-Visums“ ist es ihm möglich, durch „Down Under“ zu reisen und zu arbeiten. Gestartet in den Urwäldern um Cairns, in dessen Nähe sich derzeit Ailton und Co. mal wieder im RTL-Dschungelcamp bis auf die Knochen blamieren, führte der Weg ihn die gesamte Ostküste herunter. Außer etlichen landschaftlichen Highlights wie die Whitsunday Islands mit dem weißesten Sandstrand der Welt, und dem atemberaubenden Feuerwerk zu Neujahr in Sydney am Opera House, durften für einen Sportbegeisterten wie Maxi Tillmann natürlich sportliche Höhepunkte nicht ausbleiben.

Während in Deutschland der trübe Winter eingekehrt ist und die Schwerter Tennisspieler in die warme Halle flüchten, haben sich viele Rucksacktouristen aus Europa satt gesehen an den unzähligen Stränden und Outback-Landschaften. Satt sehen an europäischen Sportereignissen mit Hauptdarstellern wie Lionel Messi, Robert Lewandowski oder Wayne Rooney werden sie sich wohl nie. Da es aufgrund der neun- bis zehnstündigen Zeitverschiebung nicht immer möglich ist, die Bundesliga oder die englische Premier League live zu verfolgen, muss man sich auf den nationalen Sport konzentrieren. Rugby und Cricket sind hier die beliebtesten.

Aber Fußball gibt es auch. Am 13. November 2011 in Brisbane empfing der amtierende Meister Brisbane Roar die Wellington Phoenix aus Neuseeland, die auch in der australischen Hyundai-A-League spielen. Das Suncorp Stadium, das mit seiner Zuschauerkapazität (52500) und Modernität durchaus europäischem Niveau entspricht und auch der Bauweise vieler Arenen ähnelt, war mit knapp 17000 Zuschauern für australische Verhältnisse sehr gut gefüllt. Sogar einige Fans der Schwarz-Gelben aus Wellington fanden den Weg ins große Nachbarland. Sie verbreiteten kaum mehr Lärm als der Motor eines Kleinwagens, der an einer roten Ampel gegen den eines Porsches anzukommen versucht. Aber aufgepasst: Unter den Anhängern der „Lions“ gab es tatsächlich eine Art Fankurve.

Der Vergleich mit der Dortmunder Südtribüne allerdings wäre eine grobe Beleidigung für die Westfalen. Da lässt sich schon in Schwerte etwas Vergleichbares finden. Zwar schienen die gut 2000 in orange gekleideten Fans alles zu versuchen, um ihr Team lautstark und teilweise mit in Deutschland bekannten Melodien nach vorne zu Peitschen, doch kann die tobende Schwerter Masse bei den alljährlichen Hallenstadtmeisterschaften, oder die vielen Fans bei einem Futsal-Heimspiel der Holzpfosten getrost mithalten.

Eine Augenweide

Und das spielerische Niveau der Mannschaften ließ manchmal die Vermutung aufkommen, dass ein starkes Bezirks- oder Landesligateam aus Schwerte durchaus Chancen hätte, etwas Zählbares aus der Partie mitzunehmen. Vor allem der Gast aus Wellington zeigte zu selten, dass die Spieler Profis sind. Die Jungs vom Geisecker SV hätten die auf der Asche am Buschkampweg weggehauen.

Dagegen war das Spiel von Brisbane streckenweise eine Augenweide. Nicht zuletzt deshalb, weil ein alter Bekannter aus Deutschland im Mittelfeld die Fäden zog und von ähnlicher Wichtigkeit agiert wie Xavi beim FC Barcelona. Mit einer unglaublichen Ruhe am Ball und Übersicht leitete Thomas Broich beinahe jeden Angriff der „Roars“ ein. Der Ex-Bundesliga Profi (Gladbach, Köln, Nürnberg) wagte im Jahre 2010 den Schritt nach Australien, nachdem er in Deutschland dem täglichen Druck nicht standgehalten hatte und nur sporadisch zum Einsatz kam. Prompt folgte für Broich und Brisbane der Gewinn der Meisterschaft 2011. Darüber hinaus brach der Klub letztes Jahr einen 74 Jahre alten Rekord – er blieb 35 Spiele in Serie ohne Niederlage. Allerdings konnte Broich diesmal nicht verhindern, dass das Aufeinandertreffen gegen die Kiwis mit einer Punkteteilung endete.

Das Fußballspiel war aber nur die sportliche Vorspeise. Den Hauptgang gab es in Australiens selbsternannten „capitol of sports“ - in Melbourne. Die Australian Open, das erste von vier Grand-Slam-Turnieren des Jahres, lockte wie immer die besten Spieler der Welt an. Anders als bei Spielen einer Fußball-Weltmeisterschaft ist es hier relativ einfach, an Karten zu kommen. Es gibt die Möglichkeit mit kleinem Geld (umgerechnet 23 Euro) einen „Ground Pass“ zu erwerben, mit dem man Zutritt zu 16 der 18 verschiedenen Courts im Melbourne Park hat. Lediglich die beiden großen Stadien, die Rod Laver Arena und die Hisense Arena, sind davon ausgenommen.

Zwar spielen die Federers, Nadals und Wozniackis nur in diesen beiden Stadien, so kann man trotzdem Mitgliedern der Top 20 sowohl der Frauen als auch der Männer zuschauen. Bei zwei Besuchen des Melbourne Parks mit dem „Ground Pass“ waren einige Hochkaräter dabei. Sei es die Nummer 5 der Welt David Ferrer, der Aufschlagriese John Isner aus den USA oder Marco Baghdatis, der es im Spiel gegen den Schweizer Wawrinka in einem 25-sekündigen Wutanfall schaffte, ganze vier Schläger zu zertrümmern als seien sie aus Pappe gefertigt. Das schafft noch nicht einmal der oft emotional geladene Oliver Manz des TC Rot-Weiß Schwerte.

Extrem beeindruckend in den Stadien und auf dem gesamten Gelände war die Atmosphäre. Als Fußballverrückter lässt man es natürlich sein, eine solche Veranstaltung mit einer Weltmeisterschaft oder einem Gang ins Dortmunder Westfalenstadion zu vergleichen. Zwar treten die Emotionen beim Tennis auf den Rängen nicht so zutage wie bei einem Fußballspiel, jedoch entwickelt jeder noch so neutrale Betrachter irgendwann Sympathie für einen der beiden Athleten und fiebert für diesen mit. Zudem ist die Stille vor jedem Ballwechsel beeindruckend. Die Spannung ist zum Greifen, zu keinem Zeitpunkt münden die Emotionen in Aggressionen.

Am deutlichsten spürbar war all das beim Viertelfinal-Match vom 24. Januar zwischen Roger Federer und Juan Martin Del Potro. Nicht die Spannung in diesem Match war ausschlaggebend für das einzigartige Erlebnis, sondern vielmehr die Bewunderung der Zuschauer gegenüber „King Roger“. Die zusätzliche Unterstützung mit Hilfe von Lets-go-Roger-Rufen haben den Publikumsliebling wieder und wieder motiviert. Spanische Gesänge waren dagegen nur vereinzelt wahrzunehmen. Außerdem waren die Eidgenossen auf der anderen Seite der Welt teilweise extrem kreativ, brachten Federer zwischen den Spielen mit Kuhglocken die heimische Alm auf den Center Court.

Die Tage im Melbourne Park, ein unglaublich wahnsinnig aufregendes Erlebnis. Zudem ein toller Kontrast zum deutschen Fußballalltag, auch wenn der Besuch beim 5:1 der Borussen in Hamburg nicht schlecht gewesen wäre. Aber einen Roger Federer live zu sehen entschädigt.

Die Australier müssen in Sachen Fußball noch Einiges dazulernen, wollen sie die europäischen Rucksack-Gäste auf der Tribüne irgendwann beeindrucken. Aber die Ausrichtung des Grand-Slam-Turniers ist ein sportlicher Trumpf des Landes, und neben den unbeschreiblichen Landschaften, der atemberaubenden Tierwelt und der freundlichen Einwohner somit ein weiterer Grund, dieses einzigartige Land zu bereisen.

 
 

EURE FAVORITEN