Kicken ohne Schiris und Eltern

Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Schadenfreude. Das alles gibt es beim Jugendfußball. Einigen geht das Engagement mancher Eltern allerdings viel zu weit.  Foto: Klaus Hartmann
Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Schadenfreude. Das alles gibt es beim Jugendfußball. Einigen geht das Engagement mancher Eltern allerdings viel zu weit. Foto: Klaus Hartmann
Foto: WR, Klaus Hartmann

Lünen.. Meckernde, pöbelnde oder gar gewaltbereite Eltern sind allen, die mit dem Jugendfußball zu tun haben, schon lange ein Ärgernis. Die Fußballverbände Mittelrhein und Niederrhein haben darauf reagiert und lassen die Jüngsten nach den Regeln der „Fair Play Liga“ spielen.

Diese besagen in Kurzform: Eltern und andere Zuschauer müssen einen Mindestabstand von 15 Metern zum Spielfeldrand einhalten. Schiedsrichter sind nicht mehr vorgesehen.

Dies betrifft die allerjüngsten Kicker in den Mini- und F-Jugendmannschaften.

Im Fußballkreis Dortmund und damit auch in Lünen wird nach wie vor nach herkömmlicher Art und Weise gespielt. Unsere Zeitung hörte sich in der Szene um und fragte, was wäre wenn.

Charly Hesener, Jugendleiter des BV Brambauer: „Spontan sage ich: Lasst die Eltern ruhig 30 Meter weit weg sein! Die Eltern machen die Kinder verrückt, wenn sie das Spiel ihrer Kleinen nicht mit der nötigen Gelassenheit anschauen können. Ich fände es auch gut, wenn die Kinder allein entscheiden, was auf dem Platz während des Spiels passiert. Schiedsrichter bekommen wir in diesen Klassen sowieso nicht, also pfeifen meistens Trainer oder Betreuer. Ich fände, dass es einen Versuch wert wäre, die Kinder alles regeln zu lassen.“

Marco Neumann, Jugendleiter VfB Lünen: „Vom Grundgedanken her ist das klasse. Ich frage mich aber, wer die Sache mit dem Zuschauer-Abstand kontrolliert? So spontan kann ich mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Auch müsste einer da sein, der das Spiel in kritischen Situationen unterbricht oder kurzfristig leitet. So ein Schiedsrichter könnte den Job aber von jenseits der Auslinie machen. Alles in allem: Einen Versuch ist das durchaus wert.“

Jörg Minnerup, Leiter Jugendfußball im Stadtsportverband: „Gerade bei den Kleinsten sind überzogene Erwartungen der Eltern extrem lästig. Ich musste das bei meinem Sohn beobachten, als der mit 15 Jahren anfing, Spiele zu pfeifen. Ich habe ihn zu den Plätzen gefahren, stand am Rand und es war teilweise unsäglich, was sich da abspielte.

Für die Lüner Stadtmeisterschaft kann ich aber sagen, dass es im Vergleich zu früheren Jahren wesentlich ruhiger geworden ist. Meine Erfahrung: Wie sich Trainer und Betreuer benehmen, so benehmen sich auch die Eltern. Hat man aufbrausende Trainer, ist auch das Umfeld aufgeheizt. Ich fände es gut, wenn wir die Fair Play Liga mal zur Beobachtung einführen, denn wir sollten wieder näher an die Ideale des Straßenfußballs heran. Sobald es nämlich um Punkte geht, ist die Spielfreude dahin. Das sieht man leider auch bei unserer Stadtmeisterschaft, wenn Trainer zur Ergebnissicherung zwei Jungs nach hinten stellen und nur die anderen drei wirklich zum Fußball spielen kommen.“

Peter Anders, Kreisjugendvorsitzender Dortmund: „Wir haben vor der vergangenen Saison mal versucht, bei den Vereinen ein Meinungsbild zu dem Thema einzuholen. Wir wollte die jüngsten Spielklassen lockerer gestalten. Leider gab es kaum Resonanz, so dass man nicht weiß, ob die Clubs dafür oder dagegen waren - oder ob sie einfach zu bequem waren, eine Antwort zu schreiben. Ich finde die Idee prinzipiell gut, in allen Ligen, in denen es keine Leistungsklassen gibt, so etwas wie die Fair Play Liga zu testen und zum Beispiel auf Schiedsrichter zu verzichten. Ich frage mich aber auch, wer etwa die neutrale Zone kontrolliert.“

Stephan Polplatz, stellv. Jugendleiter Westfalia Wethmar, außerdem aktiver Schiedsrichter: „Im Kreis Lüdinghausen ist das Innenraumverbot neuerdings Teil der Durchführungsbestimmungen, was ich gut finde. Spiele ganz ohne Leitung sind allemal einen Versuch wert.“

DREI REGELN

Die Fans halten sich in einem angemessenen Abstand vom Spielfeld auf.

Durch die ca. 15m vom Spielfeld entfernte Fanzone wird die direkte Ansprache an die Kinder von Außen unterbunden. Die Kinder können so ihre eigene Kreativität im Spiel entfalten, ihnen wird das Spiel zurückgegeben. Anfeuerung ja - steuern nein.

Die Kinder sollen selbst entscheiden.

Die Regeln im Kinderfußball sind einfach. Da kein Schiedsrichter auf dem Platz ist, lernen die Kinder Verantwortung für sich selbst und Mitverantwortung für andere zu übernehmen. Sie lernen Entscheidungen zu akzeptieren.

Die Trainer begleiten das Spiel gemeinsam aus der Coachingzone heraus.

Die Trainer verstehen sich als Gegner im sportlich fairen, aber nicht im ergebnisorientierten Wettkampf. Sie verstehen sich als Partner und Vorbilder im Sinne der Kinder. Sie geben nur die nötigsten Anweisungen und helfen den Kindern bei der Regulierung des Spiels.

 
 

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