Der Sport fühlt sich allein gelassen

Gibt es auch  nicht mehr: Das Dortmunder 6-Tage-Rennen (hier mit Erik Zabel und Rolf Aldag)
Gibt es auch nicht mehr: Das Dortmunder 6-Tage-Rennen (hier mit Erik Zabel und Rolf Aldag)
Foto: WR
Wie ist es um den Sport in Dortmund bestellt? Dieser Frage gehen wir in einer neuen Serie auf den Grund. Die Serie soll mehr sein als eine verklärte nostalgische Rückschau. Sie soll zum Nachdenken anregen. Heute: Abschluss unserer Serie „Sportszene im Wandel“.

Dortmund.. Die Wirtschaft boomt, viele Firmen und Unternehmen sind nicht nur mit einem blauen Auge, sondern gestärkt aus der Krise hervorgegangen. „Bei uns ist davon nichts angekommen“, sagen die kleinen Leute. Die Sportvereine singen das gleiche Lied. Sie bieten wahlweise Hochleistungssport, Sport im mittleren Bereich oder Hobbysport an – und zwar nicht als Selbstzweck. Sport in Vereinen, das bedeutet Freizeitvergnügen für Zuschauer, Vorbilder für die Jugend, die ihren Idolen nacheifert, Gemeinschaftsgefühl, ehrenamtliche Arbeit im Sinne der Volksgesundheit und des sozialen Miteinanders, weil Erfolgserlebnisse und ein vielleicht sonst nie gekanntes Wir-Gefühl Aggressionen abzubauen helfen. Der Sport in Dortmund fühlt sich allein gelassen. Schade, dass eine solch große Metropole mit einem ehemaligen Aushängeschild (wie beim „Vorgänger“ Bier) national kaum noch wahrgenommen wird. Ausnahme natürlich der BVB.

Dortmund hat sich in der Zeit, als das große Sterben der Bundesligisten ein (vorläufiges) Ende nahm und die Vereine zuerst in Resignation, dann in Lethargie verfielen, ein schönes Konzerthaus gebaut, den Phönix-See realisiert und den U-Turm umgestaltet. Die sogenannten Leuchtturmprojekte sind gut und wichtig. Doch warum gibt es keines für den Sport, warum wird er im Zweifel immer an die Seite gedrängt? Weil er keine Lobby hat? Wo sind die Männer und Frauen, die im Sport Visionen entwickeln und sie dann auch umsetzen?

Der Sport lebt vom Wechsel. Der eine wird heute hoch gespült, der andere verschwindet lautlos in der Versenkung. Disziplinen, die vor zwanzig oder vierzig Jahren „in“ waren, können heute „out“ sein. Damit muss man sich abfinden. Aber der Wandel erfolgt zu einseitig. Zu viele gingen, zu wenige kamen, und die, die gingen, traten überwiegend nicht freiwillig den Rückzug an, sondern weil sie den Etat so weit zusammenstreichen mussten, bis sie nicht mehr konkurrenzfähig waren. Dabei fehlten in der Regel überschaubare Beträge. Die Basketballer, die Rollhockeyspieler des TV Mengede, die Ringer des ASV Heros und AC Hörde – über sie ging die Zeit einfach hinweg.

Guter Sport hat seinen Preis. Und er muss heute erstklassig verkauft werden. Es reicht nicht, das Tor, den Korb oder das Kinn des Gegners mit traumwandlerischer Sicherheit zu treffen. Zum Sport gehört ein angemessenes und angenehmes Ambiente für die Sponsoren, die, wenn sie schon nicht im Fernsehen auftauchen, irgendeinen Nutzen als Gegenleistung für ihre Unterstützung erwarten dürfen.

Während sich die Situation bei den Amateurfußballern durch die Umwandlung vieler Sportplätze von Asche zu Kunstrasen gebessert hat, beklagen die Hallensportler zu Recht ihre Situation. 30 Jahre hat sich nichts getan, der Reparaturstau in den Sporthallen ist immer noch riesengroß. Seit mehr als zehn Jahren wird geredet und geplant und wieder verworfen. Die Spanne vom Jahr 2000 – plus/minus zwei Jahre – bis heute, das ist genau der Zeitraum, in dem die Stagnation des Dortmunder Sports einsetzte. Und Stagnation heißt Rückschritt. Rien ne va plus - nichts geht mehr.

Na klar, der BVB ist deutscher Meister, das hat eine ganze Stadt glücklich gemacht, Dortmund hat auch immer noch Frauenhandball und Tischtennis, eine Damen-Turnriege, die in die zweite Liga aufsteigen kann, gute Einzelsportler und jetzt einen Baseball-Bundesligisten, dessen Weg nach oben mangels Konkurrenz allerdings nicht so schwer war wie in anderen Sportarten. Aber es werden noch viele Jahre ins Land gehen, bevor ihre Tribünen mit Popcorn, Chips und Cola verzehrenden Zuschauern gefüllt sind. Nicht jede Adaption aus dem Amerikanischen gelingt.

Neben den Vereinen sind auch Veranstaltungen in Dortmund, zum Teil mit riesiger Tradition, von der Bildfläche verschwunden. Die Rad-Bundesliga ist in den 90-ern aufgelöst worden. Erstklassige Radfahrer hatte Dortmund immer, Weltmeister und Olympiateilnehmer, Europa- und deutsche Meister. Von Kemper, Marsell, Claußmeyer, Gröne bis hin zu den Bölts-Brüdern.

Und Dortmund hatte bundesweit anerkannte Events, wie es neudeutsch heißt: die Leichtathletik-Sportfeste in der Roten Erde und der Körnig-Halle, das Sechstagerennen, den Großen Weihnachtspreis, den Union-Preis, die Fernfahrt Rund um Dortmund, das von Erni Claußmeyer initiierte Continentale Classic. Aber da wurden ihm soviele Knüppel zwischen die Beine geworfen, dass er resigniert aufgab und nach Bochum „auswanderte“. Dort erfreut sich die Veranstaltung in der City immer noch großer Beliebtheit. Zwei Tage lang mit 300 000 bis 400 000 Zuschauern. Heute hält das Team Nutrixxion mit dem großen Talent Grischa Janorschke die Radsportfahnen hoch.

Der Sport in Dortmund ist arm geworden. Und er ist arm dran. Vielleicht regt diese Serie zum Nachdenken an, vielleicht weckt sie in dem einen oder anderen den Trotz, vielleicht hilft sie auch, Dinge zu beschleunigen (eine vernünftig ausgestattete Sportstiftung) und zu planen (Hallenbau). Oder sie bewegt Unternehmen dazu, sich im Sport zu engagieren. Damit es in Zukunft wieder heißt: „Nicht nur der deutsche Fußballmeister kommt aus Dortmund...“

 
 

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