Amateur-Kicker wissen oft gar nicht, dass sie dopen

Auch im Amateurfußball wird gedopt. Manche Hobby-Sportler wissen nicht einmal, dass sie etwas Verbotenes tun.
Auch im Amateurfußball wird gedopt. Manche Hobby-Sportler wissen nicht einmal, dass sie etwas Verbotenes tun.
Foto: Thinkstock
Was wir bereits wissen
Doping verbinden die meisten Amateursportler mit Rad-Rundfahrten und Olympischen Spielen. Aber auch Kreisliga-Kicker tun es. Manche unbewusst, weil sie nicht wissen, dass normale Medikamente Aufputschmittel enthalten. Aber es gibt auch Vereine, die systematisch auf leistungssteigernde Mittel setzen.

Schwerte.. Wer hat denn alles schon mal gedopt? Die Spieler in der Kabine quittieren diese Frage mit einem Lächeln und Schweigen. Die Hand hebt niemand. Doping – das verbinden die meisten mit dem mehrfachen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong, dem spanischen Dopingarzt Fuentes oder Skandalen bei Olympischen Spielen, aber natürlich nicht mit sich selbst.

Eine „Dopingprobe“ beim VfB Westhofen. Der Kreisligist steckt in der Vorbereitung auf die neue Saison. Gerade hat er ein Testspiel mit 1:3 verloren. Mit Doping hat der VfB Westhofen vermutlich so viel oder wenig zu tun wie alle Schwerter Teams. Aber noch eines hat der VfB mit den anderen gemein: Über Doping Bescheid weiß kaum jemand.

Vieles, was man rezeptfrei in der Apotheke bekommt, ist Doping

Lucas Thielemann ist einer der Jüngsten im Team. Vor ihm liegen fünf Medikamente, alle würde er ohne Rezept in der Apotheke bekommen. Welche davon wohl Doping sind? „Wenn schon so gefragt wird“, sagt er, „dann tippe ich mal, zumindest zwei davon.“ Tatsächlich sind es sogar vier. Nur das Voltaren Schmerzgel ist offiziell erlaubt. Wick MediNait, Aspirin Complex, Reactine Duo und Rhinopront dagegen sind nicht nur verbreitete Medikamente, sondern auch Doping.

Ungläubiges Staunen. „Reactine Duo nehme ich zum Beispiel gegen meine Allergie“, gesteht Spielmacher Christoph Ferenc. Sein defensiver Abräumer Ergin Cenaj hat schon öfter Wick MediNait geschluckt. Dass er als Profifußballer damit eine lange Sperre riskiert hätte, wusste er nicht.

Alle vier Medikamente sollen vor allem die Nase abschwellen. Wick MediNait enthält dafür Ephedrin, die anderen Pseudoephedrin. Beide Stoffe stehen auf der Dopingliste. „Sie wirken aufputschend“, erklärt der Apotheker Benjamin Lieske, „allerdings nur in weit höherer Dosis.“ Ein Löffel Wick MediNait etwa enthält gerade einmal sechs Milligramm Ephedrin – und daneben andere Stoffe, die dafür sorgen, dass ein Patient statt aufgeputscht vielmehr schnell eingeschlafen ist. „Das Medikament wirkt also nicht leistungssteigernd, macht aber trotzdem die Probe positiv.“

Am Ende dopte die gesamte Kreisliga-Mannschaft

Benjamin Lieske führt gemeinsam mit Vater Klaus eine Apotheke in Castrop-Rauxel. Beide sind selbst Hobby-Sportler, beide kennen sich beim Thema Doping bestens aus, weil sie schon lange daran interessiert sind. Bei Klaus Lieske hat das mit Tauben angefangen. Als er noch ein Kind war, begleitete er seinen Vater hin und wieder zur Zucht, sah den Vögeln nach, die mit kräftigen Flügelschlägen in den Himmel schossen und grübelte, wie sie so schnell sein konnten. Es dauerte ein paar Jahre, ehe er herausfand, dass die Tauben nicht nur Körner fraßen, sondern auch Tropfen mit dem vielsagenden Namen „Blitz“ bekamen. „Dass im Amateurfußball manche Dopingprobe positiv wäre“, sagt er, „das kann ich mir schon vorstellen.“

Gerade Erkältungen halten viele Spieler von einem Einsatz nicht ab – egal, ob es um eine dreistellige Siegprämie geht oder einen einstelligen Tabellenplatz in der C-Liga. Mit etwas Medizin wird es schon gehen. Heroenbildung findet auch in der Kreisliga statt. Trainer feiern in der lokalen Presse den „harten Kerl“, der für die Mannschaft auf die Zähne gebissen hat. „Mit hartem Kerl hat das aber nichts zu tun“, findet Benjamin Lieske. „Ephedrin und Pseudoephedrin erhöhen den Blutdruck. Langfristig kann das zu einem Herzschaden führen.“

Dass bewusst gedopt wird, kann sich Michael Kalwa bei den eigenen Spielern nicht vorstellen. „Da bin ich mir sicher“, sagt der junge, engagierte Trainer des VfB Westhofen. Im Raum Darmstadt gibt es das aber sehr wohl. Der Sportsoziologe Mischa Kläber wollte sich in seiner Doktorarbeit 2009 ursprünglich nur mit „Doping im Fitness-Studio“ beschäftigen. Doch bei seinen anonymen Interviews stieß er per Zufall auf Fälle im Amateurfußball. Fälle, die zeigen, dass Doping schon auf dieser Ebene teils sehr bewusst und systematisch stattfindet.

Die Kontrollen beginnen erst in der Regionalliga

Doping „Ein Proband kam im Fitnessstudio mit Ephedrin in Kontakt“, erzählt Kläber. „In der Fitness-Szene wird sehr lax mit Aufputschmitteln umgegangen, das ist ja nichts Neues. Aber es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Fitnessstudios abgeschlossene Bereiche sind.“ Besagter Proband empfahl Ephedrin an zwei Kollegen aus dem Fußball-Team weiter. Am Ende dopte die gesamte Mannschaft. Ein ausländischer Mitspieler kam günstig an Tabletten aus der Türkei. Ephedrin Arsan heißen die, das spanische Pendant nennt sich Ephedrin Level. Jede Tablette enthält 50 Milligramm Ephedrin, also ein Vielfaches der Erkältungsmittel. „Manchen reichte eine Tablette, um sich aufgeputscht zu fühlen. Andere nahmen immer gleich zwei.“

Zum Problem wurde das in wenigen Wochen. Ein Spieler versuchte, das Ephedrin wieder abzusetzen und verfiel in Depressionen. Doping – das kommt vom englischen Wort „to dope“, also: Drogen verabreichen.

Ein Einzelfall ist Kläbers Entdeckung nicht. Insgesamt vier Probanden erzählten ihm von bewusstem Doping im Fußball, allesamt aus der Kreis- oder Bezirksoberliga. Während es dort noch vor allem um Spaß, Ehre und ein kühles Bier nach dem Spiel geht, können Spieler in den Oberligen monatlich vierstellige Beträge verdienen. Auch dort aber finden noch keine Kontrollen statt. Die beginnen erst in den Regionalligen. Schließlich koste jede Probe 360 Euro, erklärt der Deutsche Fußball-Bund.

Dopingskandale sind im deutschen Fußball nie bekannt geworden

Spektakuläre Fälle sind in Deutschland nie bekannt geworden. Der Fußball wahrt sein sauberes Image. „Eins muss man aber festhalten“, sagt Kläber. „Es wäre naiv zu glauben, dass Doping im Fußball keinen Sinn ergibt.“ Fußball ist nicht nur ein technischer Sport, sondern immer mehr auch ein Ausdauersport: Profis laufen in ihren Spielen teils mehr als zwölf Kilometer, müssen auch in der letzten Minute noch die Kraft für einen entscheidenden Sprint haben.

Beim italienischen Serienmeister Juventus Turin wurde Doping mit Epo 2004 gerichtsfest bestätigt. Spanischen Fußballern werden Kontakte zum Dopingarzt Fuentes nachgesagt. Bei der jüngsten Europameisterschaft gab es Gerüchte um Vergehen des Gastgebers Ukraine. Und schon der Platzwart des Berner Wankdorf-Stadions will nach dem WM-Finale 1954 leere Ampullen auf dem Rasen gefunden haben. Aber wer würde schon am „Wunder von Bern“ rütteln wollen?

Die Spieler des VfB Westhofen diskutieren derweil in der Kabine weiter. Dass auch einige von ihnen schon einmal unbewusst gedopt waren, erscheint ihnen inzwischen gut möglich. Dann geht es nach dem anstrengenden Spiel bei einem Bier unter die Dusche. Selbst dieser Alkohol steht in einigen Sportarten auf der Dopingliste, etwa im Motorsport oder beim Bogenschießen, wo jeder Schütze um eine ruhige Hand bemüht ist. Beim Fußball hingegen wird ihm wohl nie eine leistungssteigernde Wirkung nachgewiesen. Hier gehört das Bier zum Sport dazu. Erst recht in der Kreisliga.

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