Rolle vorwärts - Szaundra Diedrich kämpft sich auf die große Judo-Bühne

Szaundra Diedrich (JC 66 Bottrop) belegt am 24. März 2012 in Bad Blankenburg (Thüringen) den zweiten Platz beim internationalen Thüringen Pokal. Im Bild mit den Trainern Frank Urban (li.) und Martin Drechsler.
Szaundra Diedrich (JC 66 Bottrop) belegt am 24. März 2012 in Bad Blankenburg (Thüringen) den zweiten Platz beim internationalen Thüringen Pokal. Im Bild mit den Trainern Frank Urban (li.) und Martin Drechsler.
Foto: Dirk Hein

Bottrop. Die Hände zieht Szaundra Diedrich nur langsam von ihrem Kopf zurück. „Ich bin einfach mitgelaufen! Ziemlich doof!“ Die 18-Jährige steht am Mattenrand - sammelt sich, während neben ihr die Hektik der Kämpfe weitergeht. Trainer brüllen Anweisungen auf die Matte. Kampfrichter geben Wertungen ab.

Gerade hat die Bundesligakämpferin des JC 66 Bottrop beim Thüringen Pokal in der Landessportschule Bad Blankenburg das Finale des international besetzten Judo-Turniers bestritten. Nur eine kleine Unachtsamkeit hat den Kampf entschieden. Während sich ihre Gegnerin Lisa Schneider mit ihrem Trainer freut, ärgert sich Szaundra kräftig: „Ein zweiter Platz ist zwar gut - aber letztlich willst du solch ein gut besetztes Turnier auch gewinnen!“

Deutsche Meisterin - "Hausaufgaben erledigt"

Szaundra Diedrich ist ehrgeizig. Und sie hat große Ziele auf der Judo-Bühne. Zuletzt sicherte sie sich die Deutsche Meisterschaft der Altersklasse U20. „Hausaufgaben erledigt“, nennt das ihr Trainer Martin Drechsler, der Szaundra - die im Sportinternat Köln trainiert - bei ihrem Weg an die Spitze betreut. Langfristiges Ziel: Olympische Spiele. Kurzfristig: Internationale Spitze in der Frauenklasse. Das Turnier in Thüringen ist eine gute Gelegenheit, sich mit ausländischen Top-Judoka zu messen. Sind die bisher so guten Resultate eine Belastung? „Nein“, sagt Martin Drechsler. „Szaundra weiß, dass sie eine der stärksten Starter ist.“

Die Turnierphase beginnt für Szaundra meistens immer gleich. Vorbereitung, Gewicht machen, Anreise. Es ist eine intensive Vorbereitung: Manche Konkurrentinnen werden gar per Video analysiert. „Jeder hat vor den Kämpfen so seine Tricks“, erzählt Szaundra. „Schon abends gehen einige das Turnier gedanklich durch. An der Matte konzentriert man sich dann aber ganz auf den Kampf!“

Hektisches Durcheinander - Szaundra bleibt cool

Das scheint aber gar nicht so einfach. Gut 500 Starterinnen wuseln durch die engen Gänge der Turnhalle. Auf sechs Matten laufen die Kämpfe parallel. Zuschauer applaudieren von der Tribüne. Es wird gerufen, gepfiffen, gejubelt. Ein ziemliches Durcheinander. Doch Szaundra bleibt cool. „Ich höre zwischendurch Musik - das lenkt ab!“ Vor ihren Kämpfen geht es in einen Nebenraum - hier ist es ruhiger. „Warm machen!“ Mit Partnerübungen werden die Muskeln auf Betriebstemperatur gebracht. Allerdings darf das nicht zu lange dauern. Ab und an rennen Betreuer hektisch herbei: „Mensch! Du bist jetzt dran!“

Emotionen gehören nicht nur bei den Judoka selbst dazu, sondern eben auch bei den Übungsleitern. Auch Frank Urban, der Szaundra als Bundesliga-Trainer in Bottrop kennt und die gebürtig Brilonerin bereits in der Altersklasse U17 auf Landesebene betreut hat, ist in den Thüringer Wald gereist. „Man fiebert bei jedem Kampf mit. Selbst wenn sie im Ausland antritt, sitze ich manchmal vor dem Computer und verfolge den Ausgang der Kämpfe!“

Würgetechnik entscheidet den Kampf

Auf der Matte bleibt Szaundra dagegen allein - los geht’s: Der Blick ist konzentriert. Ihre Gegnerin Michelle Schellekens aus den Niederlanden beachtet sie vorab kaum. Doch die bemerkt dagegen schnell, wer vor ihr steht. Nach wenigen Sekunden ist der Kampf schon vorbei. Eine Würgetechnik entscheidet. Szaundra macht kurzen Prozess. Trainer Drechsler ist zufrieden: „Es ist das erste harte Vergleich des Jahres - hier siehst du, wo du international stehst und ob sich die Vorbereitung gelohnt hat!“

Sie hat sich gelohnt: Szaundra kämpft sich bis ins Finale vor. Bis zu der einen Unaufmerksamkeit. Bis zum Mitlaufen. Dem Ärgern! Doch das verfliegt schnell. Die Silbermedaille ist ein gutes Ergebnis. „Gegen eine deutsche Gegnerin zu verlieren, ist immer doof“, sagt Szaundra, die nach der Siegerehrung schon wieder lachen kann. Denn: Nicht nur hierzulande möchte sie ihre Spitzenposition behaupten. Die „Rolle vorwärts“ ihrer Karriere soll weiter gehen.

 
 

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