Die Königin von Thailand

Björn Goldmann
Die Thaiboxerin Julia Symannek ist zurück aus Bangkok und hat den Gürtel mitgebracht.
Die Thaiboxerin Julia Symannek ist zurück aus Bangkok und hat den Gürtel mitgebracht.
Foto: WAZ FotoPool
Die Bottroper Kampfsportlerin sichert sich in Bangkok den Weltmeistertitel des Verbands WPMF. Doch die brutalen politischen Auseinandersetzungen zwischen regierungskritischen Demonstranten und der Polizei in der Hauptstadt zehren an den Nerven. Symannek: „Ich hatte phasenweise richtig Angst.“

Da ist er nun. Groß, schwer und zugegebenermaßen etwas prollig. Wie es sich für einen Weltmeistergürtel gehört. In einem schmalen schwarzen Koffer liegt er vor ihr. Dieser Gürtel ist mehr als nur ein Schmuckstück. Er ist das Symbol für das Erreichen des großen Ziels. Julia Symannek hat es geschafft. Im Mutterland des Kampfsports Muay Thai hat sie die Krone in der -63-kg-Klasse des thailändischen Nationalsports erobert. Für einen Tennisspieler wäre dies mit dem Gewinn von Wimbledon, für einen Segler mit dem Gewinn des America’s Cup vergleichbar. Ein Traum ist wahr geworden.

Wasserwerfer und Tränengas

Nun ist die zweifache Mutter und Betreiberin der Bottroper Kampfsportschule Kingz Gyms froh, wieder zu Hause zu sein. Die Weltmeisterschaft hat sie gewonnen, doch es gibt Kämpfe, in denen auch Faustschläge und Tritte wenig ausrichten. Der WM-Kampf fand in Zeiten politischer Unruhen in Bangkok statt. Regierungskritische Demonstranten und Polizisten prallten aufeinander, statt mit sportlichen Regeln im Ring wurde in den Straßen der thailändischen Hauptstadt mit Wasserwerfern und Tränengas gekämpft. Da muss auch die erfahrene Kampfsportlerin, die sich bisher jeder sportlichen Herausforderung gestellt hat, zugeben: „Ich hatte phasenweise echt Angst“.

34 Grad, ein schönes Hotel – zunächst erschien der Ausflug nach Bangkok geradezu paradiesisch. Doch der Schein trog, das wusste Julia Symannek schon vorher, denn seit Tagen protestierten die sogenannten „Gelbhemden“ gegen die Regierung. Es ging um ein Amnestiegesetz, das dem gestürzten und im Exil lebenden Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra eine Rückkehr ermöglicht hätte. Die zunächst friedlichen Proteste eskalierten und die 34-jährige Bottroperin, die mit ihrem Mann Thomas und der kleinen Tochter Alena zum Titelkampf gereist war, steckte mittendrin. „Das Wiegen fand im Royal Turf Club statt, der nahe der Polizeizentrale liegt. Die wollten die Demonstranten stürmen“, erklärt die 34-Jährige. Die Gewalt eskalierte, die Polizisten setzten Tränengas ein. „Das Lazarett der Demonstranten war auch in unmittelbarer Nähe. Da kamen Frauen, wuschen sich die Augen aus und gingen wieder zurück zu den Protesten. Das war eine schreckliche Situation.“

Überhaupt war die Lage sehr angespannt. Auch bei den Kampfveranstaltern, denn die Kämpfe anlässlich des 85. Geburtstags des thailändischen Königs Bhumibol Adulydej standen durch die heftigen Unruhen kurz vor der Absage. Als die schwedische Titelträgerin Victoria Garcia ihre 1,78 Meter große Herausforderin aus Bottrop beim Wiegen erstmals zu Gesicht bekam und plötzlich nicht mehr in den Ring steigen wollte, war das Chaos perfekt. „Sie sagte, Julia sei ihr als Gegnerin zu groß. Es stimmt auch, dass Größe beim Thaiboxen wichtig ist. Der Ellbogeneinsatz ist ein entscheidender Faktor, da haben kleinere Kämpferinnen automatisch gravierende Nachteile“, sagt Julias Ehemann und Trainer Thomas Symannek.

Bald war die Zeit des Bangens jedoch vorbei. Unmittelbar vor dem Königsgeburtstag schlossen Polizei und Demonstranten einen kurzzeitigen Frieden, eine neue Herausforderin wurde gefunden und das königliche Thaibox-Turnier im Sanam Luang Park vor dem Königspalast konnte stattfinden. Es war eine Veranstaltung, die ihresgleichen sucht. Mit Tausenden Zuschauern und flankiert von Militärparaden. Im Ring sah sich die Bottroperin nun der Thailänderin Petsarocha Luk Sai gegenüber. Die erste Runde war dann auch die des vorsichtigen Abtastens. Symannek ließ die Fäuste sprechen, arbeitete dann ab der zweiten Runde auch vermehrt mit Knie- und Ellbogeneinsatz. Nun war es ein richtiger Thaiboxkampf, die einheimischen Zuschauer applaudierten selbst bei gelungenen Aktionen der Deutschen. Die schickte ihre Gegnerin in der vierten Runde zu Boden, die agile Thai wurde angezählt, rappelte sich aber wieder auf. Nach dem Ende der fünften und letzten Runde musste dann gebangt werden. Symannek: „Ich wusste, dass ich nach Punkten klar gewonnen haben musste. Aber ob die Punktrichter das auch so sahen, war die Frage. Ohne K.o. ist das immer eine wackelige Angelegenheit.“

Punktsieg nach fünf Runden

Doch wenige Sekunden später wurde ihr der Gürtel umgeschnallt. Geschafft! „Da sind mir vor Freude die Tränen in die Augen geschossen.“ Gefeiert wurde dann im kleinen Rahmen. Auf dem Hotelzimmer, die Familie orderte Pizza. „Die ganze Anspannung vorher, der Kampf – ich war einfach fertig und wollte nur noch schlafen“, sagt die zweifache Mutter.

Der Gürtel wird nun im Kingz Gym neben den anderen Titeldevotionalien der Kämpferin ausgestellt. Ein Glanzstück, das alle anderen Trophäen in seiner Bedeutung allerdings locker überstrahlt.