Die große Chance

Björn Goldmann
Julia Symannekkämpft heute in Bangkok um den WM-Titel im Thaiboxen. Samstag ging der Flieger Richtung Thailand, heute kämpft sie vor dem Königspalast gegen die Schwedin Victoria Garcia. Foto: Heinrich Jung WAZ FotoPool
Julia Symannekkämpft heute in Bangkok um den WM-Titel im Thaiboxen. Samstag ging der Flieger Richtung Thailand, heute kämpft sie vor dem Königspalast gegen die Schwedin Victoria Garcia. Foto: Heinrich Jung WAZ FotoPool
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Die Bottroper Thai-Boxerin Julia Symannek kämpft am Mittwoch,4. Dezember, auf demGeburtstagsturnier des thailändischen Königs um die WM-Krone

Bottrop.  Der bedeutendste Verband, das bedeutendste Turnier und der bedeutendste Titel. Manchmal glaubt Julia Symannek noch immer, dass sie träumt. Dass eine Chance wie diese einfach nicht real sein kann. Dann macht sich Töchterchen Alena bemerkbar. Der Vierjährigen ist langweilig, sie beginnt zu quengeln. Dann weiß Symannek: Ich träume nicht, das ist die Realität. Und die Chance auf den WM-Titel, sie ist immer noch da.

Am heutigen Mittwoch ist die Zeit für Träume ohnehin vorbei. Jetzt wird es ernst. In Bangkok wird sie der Schwedin Victoria Garcia gegenüberstehen. Im Sanam Luang Park vor dem Königspalast. Vielleicht sogar vor den Augen des thailändischen Herrschers Bhumibol Adulyadej, zu dessen Ehren das Turnier jährlich veranstaltet wird. Es geht um die Weltmeisterschaft in der Gewichtsklasse -63 kg. Nicht um den Titel eines der unzähligen kleinen Verbände, von denen es ähnlich wie im Boxen fast so viele wie Sandsäcke in den Kampfsportklubs gibt. Nein, der Verband WPMF ist der einzige Weltverband, der auch in Thailand, dem Mutterland des Kampfsports Muay Thai, anerkannt ist.

Deshalb ist Julia Symannek nun hier. Als erste deutsche Kämpferin überhaupt. „Es gibt in Thailand vier große Veranstaltungen im Jahr. Das Geburtstagsturnier des Königs ist die größte davon. Wer dort den Titel holt, kann in diesem Sport eigentlich nicht mehr erreichen“, sagt Julias Trainer und Ehemann Thomas Symannek.

Vor zehn Jahren mit demKampfsport begonnen

Die 34-Jährige selbst ist derweil voll konzentriert. Die Chance auf den Titel, sie kam vor drei Wochen wie aus heiterem Himmel. Eilig musste sie ihr Training umstellen, musste nicht einen, sondern gleich mehrere Gänge höher schalten. Eine Chance wie diese bekommt man wohl nur einmal im Leben. Und so bearbeitete sie den Sandsack härter denn je, schlug und trat auf die Schlagpolster ihrer Trainer Thomas Symannek und Igor Fedorkov ein. Nur das große Ziel vor Augen.

Keine zehn Jahre ist es her, dass Symannek mit dem Kampfsport begann. Erst mit dem Boxen, um nach der Geburt ihrer ersten Tochter Lisa wieder in Form zu kommen. Schon da war das Talent für den Faustkampf erkennbar. Auch heute noch sind die Fäuste ihre stärkste Waffe. Auch beim Thaiboxen, diesem thailändischen Nationalsport, der durch den Einsatz von Ellenbogen und Knietechniken als besonders spektakulär – und brutal – gilt. Das dachte auch Symannek anfangs. „Damals habe ich ja noch mit Ellenbogenschonern und Kopfschutz angefangen. Mittlerweile denke ich beim Kämpfen nicht mehr an Verletzungen. Ich will gewinnen, da schaltet man alle anderen Gedanken ab.“

Mehrere andere Titel kann sie inzwischen in ihrer Sammlung aufweisen, Symannek ist Europameisterin des Verbands WKN und K1-Weltmeisterin im Verband WFMC. Doch der Weltmeistertitel im Thaiboxen, noch dazu im Geburtsort dieses Kampfsports – es wäre die Krönung.

Ihre Gegnerin, Victoria Garcia aus Schweden, ist für Symannek eine große Unbekannte. Seit September ist Garcia die amtierende Weltmeisterin der -63-kg-Klasse, seit vergangenem Jahr lebt und trainiert sie in der thailändischen Hauptstadt. Ein schwerer Gegner, keine Frage. „Der lange Flug, der Jetlag – wir müssen mit allem rechnen“, sagt Thomas Symannek. „Aber wir haben Julia so gut es geht vorbereitet. Nur dabei zu sein ist eine Ehre. Aber dann auch noch zu gewinnen, das wäre richtig toll.“