Wenn weniger mehr ist – Barfußschuhe von Joe Nimble im Test

Die Power Toes von Joe Nimble bieten Schutz für die Füße.
Die Power Toes von Joe Nimble bieten Schutz für die Füße.
Foto: Joe Nimble
Läufer verpacken ihre Füße gerne in gedämpften Schuhen. Dabei ist weniger oft mehr – etwa mit Barfußschuhen. Unser Laufblogger hat ein Paar getestet.

Dortmund.. Zurück zur Natur! Das Motto ist uralt, fast immer richtig und wird doch gerne links liegen gelassen. Natur – das klingt nach Schmutz und hat unfassbar wenig Glamour. Nicht umsonst lieben Läufer ihre Schuhe. Schuhe sind nicht nur chic, sie schützen uns auch vor den Unbillen der Natur und geben unseren Füßen Halt. Dabei vergessen wir eines: Wer den Füßen mit gestützten und gedämpften Schuhen zu sehr hilft, verhält sich in etwa so, als würde er einem Drittklässler die Lösungen für alle Klassenarbeiten verraten. Denn unsere Füße sind klüger als wir denken. Und Schuhe machen – oder halten – sie dumm.

26 Knochen stecken in unseren Füßen. Bewegt, gestützt und gelenkt werden sie von mehr als 30 Muskeln. Die Fußsohle reagiert extrem sensibel auf Unebenheiten im Boden und hat Dank einer Fettschicht bereits einen eingebauten Stoßdämpfer. Kurzum: Schuhe sind eigentlich überflüssig, es sei denn sie sollen Schutz vor Dreck, Stößen oder anderen Gefahren bieten. Mit jedem Schritt lernt das Nervensystem, blitzschnell zu reagieren und den Körper zu stabilisieren. Der aufrechte Gang des Menschen wäre gar nicht möglich, wenn die Füße nicht so intelligent und kräftig wären.

Der Fuß ist ein Bewegungswunder

Dass der menschliche Fuß ein echtes Bewegungswunder ist, hat sich in der Laufszene längst herumgesprochen. Immer mehr Läufer entdecken, dass es durchaus wohltuend sein kann, zumindest ab und an mal barfuß zu laufen oder zu gehen. Ich bin ja begeisterter Baltrum-Urlauber und genieße es in jedem Sommer, beinahe den ganzen Tag barfuß unterwegs zu sein. Die Vorteile machen sich unmittelbar bemerkbar: Der Rücken wird gerade, die Knie schmerzen nicht. Das bestätigen viele Barfußläufer. Rückenschmerzen, Fehlhaltungen oder Knieprobleme seien durch den Umstieg auf das Barfußlaufen verschwunden.

Aber ich bin auch ein Prinzesschen mit super-empfindlichen Füßen. Muscheln, Steinchen, Stöckchen – beim Barfußgehen bin ich sehr leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch für Leute wie mich haben verschiedene Hersteller den Barfußschuh entwickelt. Was sich zunächst widersinnig anhört, hat natürlich einen Sinn. Denn Barfußschuhe sollen wirklich nur als zusätzliche Fußsohle wirken und gegebenenfalls für Halt auf glitschigem Boden, nicht aber für Stabilität und Dämpfung sorgen.

Oft haben Barfußschuhe tatsächlich die Form einen Fußes, inklusive einzelner Zehen, wie bei einem Handschuh. Das Tragegefühl mag ich aber nicht. Einer der Hersteller, die auf eine eher klassische Schuhform setzen, ist Joe Nimble. Ich habe um ein sportliches Testpaar gebeten und eines bekommen.

Test: So läuft es sich mit den Powertoes von Joe Nimble

Auf den ersten Blick sieht der Schuh nicht gerade minimal aus, sondern wirkt sehr robust. Das Obermaterial aus Gummi ist stabil und bietet zusammen mit der Schnürung sicheren Halt. Aber beim genauen Hinschauen wird doch klar, dass es sich hier um einen Schuh handelt, der auf ein puristisches Laufgefühl setzt. Die Sohle ist profiliert, aber dünn. Alles ist darauf ausgelegt, den Füßen, und besonders den Zehen, Schutz und Bewegungsfreiheit zu geben.

Allen voran die als extra breit beworbene Zehenbox bietet dem Vorfuß reichlich Platz, laut Hersteller ein Alleinstellungsmerkmal. Die Zehen werden durch die breite Box nicht zusammengedrückt, haben stattdessen viel Platz und Bewegungsfreiheit, im Gegensatz zu herkömmlichen oder modischen Schuhen, die sich nach vorne verjüngen. Wer sich einmal die Füße von Barfußläufern ansieht, wird feststellen, dass der Vorfuß deutlich kräftiger ist als bei Menschen, die immer Schuhe tragen. Kein Wunder, schließlich lastet beim Barfußgehen und -laufen der größte Druck auf den Zehen und dem Ballen. Nicht umsonst hat die Natur den Fuß gerade dort am dicksten gemacht und eben nicht an der Ferse. Die breite Zehenbox lässt den Füßen dort Raum, wo sie ihn brauchen, allerdings – und das ist wichtig – ohne zu scheuern oder hin und her zu wackeln. Blasen sind so gut wie ausgeschlossen. Die Zehen nutzen den Raum nur, wenn sie ihn brauchen. Beim Gehen oder Laufen können sie sich breit fächern und so für eine optimale Dämpfung bei der Landung und einen starken Abdruck sorgen – eben wie beim Barfußgehen.

Schweiß kann zum Problem werden

Beim ersten Trageversuch fällt allerdings bald ein Manko auf: Wider Erwarten sollten die Schuhe mit Socken oder Füßlingen getragen werden. Denn leider ist das Obermaterial nicht atmungsaktiv oder gar als leichtes Mesh gearbeitet, wie man es von modernen Laufschuhen gewohnt ist. Schweiß ist die Folge, der für ein etwas unangenehmes Tragegefühl sorgen kann. Füßlinge schaffen Abhilfe und schaden dem Barfußgefühl keineswegs.

Die Sohle der Power Toes ist sehr flexibel und erweist sich beim Gehen als wesentlich dünner als sie aussieht. Sie gibt Bodenhaftung und schützt den Fuß vor Splittern und Spitzen. Ansonsten leitet sie jede Unebenheit, jede Kante und jedes Steinchen an die Fußsohle weiter. Das ist wichtig, um die Fußmuskulatur zum Lernen und Wachsen anzuregen. Wer viel barfuß geht und läuft, entwickelt mit der Zeit eine enorme Fußstabilität, die dann auch beim Laufen mit herkömmlichen Schuhen hilft.

Anfangs ist es ein sehr ungewohntes Gefühl, einen Schuh zu tragen und trotzdem so direkten Bodenkontakt zu haben. Jeder Schritt ist härter als mit Schuhen, aber die Füße gewöhnen sich schnell daran - es ist ihr natürlicher Job. Ich ziehe die Schuhe zur Eingewöhnung zunächst im Büroalltag an, um nicht allzu lange Strecken in ihnen zu gehen. Schon nach einem Tag mag ich das neue Laufgefühl. Nach einer knappen Woche Alltagstest wage ich einen ersten Lauf, denn schließlich teste ich hier ein Sportmodell und keinen Alltagsschuh.

Ich nehme mir eine kurze Strecke vor, weil ich weiß, dass der Umstieg von gedämpften Schuhen mit Sprengung auf Barfußschuhe der Wade und der Achillessehne zunächst viel abverlangt. Daher sei hier eindringlich davor gewarnt, es zu übertreiben. Ich laufe los und bin überrascht. Das ist noch einmal ein völlig anderes Gefühl als im Alltagseinsatz. Die Füße setzen viel härter auf, reflexartig erwarte ich, dass es wehtut – doch der Schmerz bleibt aus.

Die Zehen breiten sich bei jedem Bodenkontakt aus und fangen mein Gewicht auf. Ohne darüber nachzudenken laufe ich über den Mittelfuß, manchmal auch über den Vorfuß - also ganz natürlich. Es patscht bei jedem Schritt, weil es keine Abrollbewegung über die Ferse gibt. Obwohl jeder Tritt deutlich hörbar hart aufsetzt, spüre ich in den Knien absolut nichts. Bei einem stark gedämpften Schuh, der zum Fersenlauf verführt, würde hier jeder Schritt direkt in die Knie zielen. Mit dem Barfußschuh laufe ich einfach und muss mich angesichts der überraschenden Leichtigkeit zwingen, es nicht zu übertreiben. Nach gut vier Kilometern beende ich den Testlauf. In der Folge spüre ich keine Wadenprobleme, auch die vor kurzem noch verletzte Stelle in der Wade meldet sich nicht.

Fazit: So schneiden die Power Toes ab

Positiv: Ein komplett neues und angenehmes Geh- und Laufgefühl. Die Verarbeitung ist top. Nähte oder Druckstellen gibt es nicht. Die Füße haben Schutz und trotzdem hohe Bewegungsfreiheit. Auf glitschigem Boden wirkt die griffige Sohe.

Negativ: Als Manko bleibt das zu feuchte Klima mitsamt Schweißbildung. Insbesondere angesichts des exorbitant hohen Preises in Höhe von 205 Euro UVP hätte man da ein atmungsaktiveres und noch leichteres Material erwarten können.

Alternativen: Andere Hersteller von Barfußschuhen sind unter anderem Vibram (von dem bei Joe Nimble die Sohle stammt), Leguanos, Adidas.

 
 

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