Vor dem Berlin-Marathon steigen Vorfreude und Panik

Stefan Reinke
Die Siegessäule im Blick, 42,195 Kilometer vor sich: die Läufer beim Start des Berlin-Marathons.
Die Siegessäule im Blick, 42,195 Kilometer vor sich: die Läufer beim Start des Berlin-Marathons.
Foto: Stefan Reinke
Die Marathon-Vorbereitung ist beendet. Jetzt heißt es warten, entspannen und bibbern, dass ja kein Erkältungsvirus den Laufblogger heimsucht.

Dortmund. Die Vorbereitung auf den Berlin-Marathon ist abgeschlossen. Rien ne va plus. Was ein Läufer bis hierhin nicht geschafft hat, lässt sich nicht mehr nachholen. Längst habe ich im Kopf meine Ausrüstung für den Marathon-Tag ausgesucht. Ich weiß, welche Hose, welche Socken, welches Funktionsshirt und welches Laufshirt ich anziehen werde. Eigentlich ist alles geklärt und ich war guter Dinge, bis ich auf der Facebook-Seite des Berlin-Marathons ein Video entdeckte. Ja, ich weiß, wie weit 42,195 Kilometer sind. Auch bin ich schon die Strecke in Berlin gelaufen. Aber dieses Video veranschaulich viel zu deutlich, wie entsetzlich weit eine Marathon-Strecke ist. Aber was soll - es zwingt mich ja niemand.

Selbst die vermaledeite Schuhproblematik konnte ich zu meiner Zufriedenheit beseitigen. Ich hatte mich ja wegen ihrer Dynamik in die Cloudcruiser von On Running verguckt. Da wollte mein rechter Fuß jedoch nicht mitspielen. Ein ekeliger Druckschmerz machte das Laufen mit den Schuhen nahezu unmöglich. Rettung kam aus Bochum in Person von Orthopädieschumacher Achim Schmitt. Der hatte von meinem Problem erfahren und mir Hilfe angeboten. Nun befinden sich in den Schuhen Keile, mit denen ich einen etwas höheren Stand habe. Ein Intervalltraining, einen Halbmarathon und einen kleinen Erfrischungslauf später bin ich mir sicher: Nichts drückt mehr. Mit diesem Paket gehe ich an den Start auf der Straße des 17. Juni.

Keine Experimente!

Nachdem ich in den vergangenen Wochen den Spagat zwischen Schonung meines von einer Schleimbeutelentzündung heimgesuchten Knies und einer halbwegs vernünftigen Marathon-Vorbereitung vollbracht habe, will ich nun nichts mehr dem Zufall überlassen. Die letzten Trainingseinheiten fühlten sich bis auf das im Kopf mitrennende Schuhproblem sehr gut an. Mittwoch 30 Kilometer, dann ein Päuschen fürs Knie. Am Samstag ein kleines Intervalltraining und Sonntag ein letzter Halbmarathon. Am Montag war ich noch beim EMS und habe den Muskeln noch einen kleinen Kick gegeben. Am MIttwoch vor dem Marathon folgte noch ein kleiner Nüchternlauf, um die Fettpölsterchen anzuzapfen. Was das Training angeht, gibt es jetzt keine Experimente mehr.

Chillen ist angesagt - oder Tapering, wie die Experten es nennen. Ruhe und Regeneration sind das oberste Gebot. Der Körper macht einen guten Eindruck und wirkt, als sei das Ziel, den Marathon in weniger als vier Stunden zu laufen, realistisch. Meine Selbstdisziplin ist gefragt, vor allem, wenn es ums Essen und Trinken geht. Auf dem Speiseplan stehen Salat, mageres Fleisch und Kohlenhydrate. Passend zum Speiseplan hat die Kantine eine vegane Woche ausgerufen. Junkfood, Zuckerwasser und Alkohol sind tabu (okay, ich habe zu Hause beim Essen mal am Weißwein genippt). Freitag habe ich noch einen Termin beim Physio, um die Beinchen schön geschmeidig machen zu lassen.

Panik vor Erkältungsviren

Der Körper wird verwöhnt und geschont. An meinen Füßen trage ich nur noch gemütliche, pantoffelähnliche Sneakers. Ich tue alles, was in meiner Macht steht. Und doch bin ich nervös und hellhörig. Jedes kleine Ziepen, jeder kleine Schmerz jagt mir einen Schreck ein. Dieses Stechen im Knie - ist das neu? Woher kommt der Rückenschmerz? Warum läuft meine Nase? Muss eine Allergie sein. Bitte, lass es eine Allergie sein! Ich fühle mich fiebrig - ist bestimmt nur die trockene Luft der Klimaanlage. Kollegen, die röchelnd am Schreibtisch sitzen, machen mich panisch und bekommen meine Angst zu spüren. Ja, ich kann mürrisch sein. Und die Kinder! Die bringen doch ständig irgendwelche Keime aus der Schule mit nach Hause.

LaufblogWenn ich vor Marathons vor einer Sache wirklich Angst habe, dann vor Erkältungen. So ein fieses, kleines Virus kann einem die ganze Vorbereitung verhageln. Ich wäre nicht der erste Läufer, der wegen eines verschleppten Infekts auf der Strecke bliebe.

Die größte Herausforderung wartet am Tag vor dem Marathon

Doch negative Gedanken bringen mich auch nicht weiter. Bis ich endlich mit dem Brandenburger Tor im Rücken und der Siegessäule vor Augen im Startblock stehe, sind es nur noch wenige Tage. Die bekomme ich auch noch rum. Ich muss mich jetzt noch nicht mit den Gedanken an die richtige Trink-Taktik vor dem Lauf verrückt machen. Oder mit Grübelei, ab wann ich welches Gel in mich hinein quetsche. Mache ich aber. Schließlich will ich nicht wie bei meinem Berlin-Debüt 2013 auf den ersten zehn Kilometern dreimal ins Gebüsch hüpfen. Und einen Hungerast kann ich auch nicht gebrauchen. Bloß: Die Grübelei bringt außer einem nervösen Magengrummeln nichts. Und die größte Herausforderung wartet ohnehin am Samstag auf mich. Ich muss um 4 Uhr aufstehen, um meinen Flieger um 6.30 Uhr ab Düsseldorf zu bekommen. Das ist härter als jeder Marathon.