Film "Free to Run": Als der Laufsport erste Schritte machte

Stefan Reinke
Der Film "Free to Run" wirft einen Blick auf die Entwicklung des Laufsports und die Entstehung des Marathons in New York.
Der Film "Free to Run" wirft einen Blick auf die Entwicklung des Laufsports und die Entstehung des Marathons in New York.
Foto: Pierre Morath
Der Laufsport ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Rund ums Laufen ist ein Milliarden-Business enstanden. Der Film "Free to Run" wirft einen beeindruckenden Blick in einer Zeit, als Läufer noch als verrückt galten und und Frauen gar nicht laufen durften.

Essen. Laufen ist Volkssport. Sobald die Sonne ihre ersten Strahlen zu Erde schickt, bevölkern Menschen in Sportklamotten die Gehwege und Parks. Sie laufen, rennen, joggen - jeder, wie er kann. Läufer gehören zum Straßenbild.

LaufblogDass das nicht immer so war, zeigt der Film "Free to Run" des Filmemachers Pierre Morath eindrucksvoll. Denn in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts war es absolut unüblich, dass Menschen in knapper Kleidung mitten in der Stadt Sport trieben. Läufer wurden kritisch beäugt, galten als verdächtig und latent exhibitionistisch. Laufen war etwas für die Tartanbahn, Marathon war Leistungssportlern vorbehalten.

Die Geschichte einer Bewegung

Morath erzählt im doppelten Sinne die Geschichte einer Bewegung. Er zeigt, wie Laufen zur Lebenseinstellung und zum gesellschaftlichen Phänomen wurde. Er blickt auf die Anfänge des New-York-Marathons und lässt europäische Lauf-Pioniere wie die Macher des französischen Magazins "Spiridon" ihrem manchmal verzweifelten Kampf gegen gesellschaftliche Normen erzählen. Der Film nimmt den Zuschauer mit auf eine Zeitreise, an deren Ende klar wird: Dass Laufen heute eine Massenbewegung und ein Milliarden-Business ist, verdanken Sportler in aller Welt einem relativ kleinen Haufen Verrückter, die vor 40 Jahren einfach nur Sport treiben wollten.

Die Geschichte des Laufsports, das wird schnell klar, ist eng mit der Emanzipation der Frau verbunden. Der Kampf für Gleichberechtigung fand nicht nur in der Gesellschaft statt, sondern auch auf der Laufbahn. Morath widmet sich intensiv der Amerikanerin Kathrine Switzer, die gegen alle Widerstände unaufhaltsam für etwas heute völlig Selbstverständliches kämpfte: das Startrecht für Frauen bei Marathons.

Der lange Kampf der Frauen

Heute sind rund ein Viertel der Finisher der großen Marathons Frauen. 1967 war es beim Boston-Marathon eine - eben Switzer. Frauen war es damals nur gestattet, an Rennen bis 800 Metern teilzunehmen. Für alle Distanzen darüber sei der weibliche Körper nicht geschaffen, behaupteten Mediziner und Sportfunktionäre unisono. Doch Switzer wollte Marathon laufen. Sie meldete sich unter ihren Initialien als "K. V. Switzer" an, bekam einen Startplatz und ging ins Rennen. Was darauf geschah, ging in die Geschichte des Marathons ein: Unmittelbar vor den Augen der mitfahrenden Presse versuchte die Rennleitung mit Gewalt, Switzer die Starnummer abzureißen und die Frau am Weiterlaufen zu hindern. Mit Hilfe ihres mitlaufenden Freundes konnte Switzer ihr Rennen fortsetzen und kam mit einer Zeit 4:20 Stunden ins Ziel.

"Free to Run" erzählt, wie es mit dem Laufsport und laufenden Frauen in den USA und in Europa weiterging und welche Kämpfe Läufer und insbesondere Läuferinnen noch auszufechten hatten, bis ihr Sport mitten in der Gesellschaft ankam. Erst 1984 durften Frauen erstmals bei Olympischen Spielen Marathon laufen.