Buch-Tipp: Michele Ufer erklärt Mentaltraining für Läufer

Der Extremsportler Michele Ufer aus Herdecke hat am Marathon am Mount Everest teilgenommen.
Der Extremsportler Michele Ufer aus Herdecke hat am Marathon am Mount Everest teilgenommen.
Foto: Michele Ufer
Mit "Mentaltraining für Läufer" wendet sich der Sportpsychologe Michele Ufer an Hobby-Sportler. Unser Laufblogger hat's gelesen und getestet.

Dortmund. "Wie viel Kopf steckt in den Füßen?", fragt der Herdecker Sportpsychologe und Extremläufer Michele Ufer in seinem Buch "Mentaltraining für Läufer". Eine ganze Menge, weiß ich als halbwegs ambitionierter Freizeitathlet. Aber wie zapft man die Reserven an, die nicht in den Beinen, sondern zwischen den Ohren schlummern?

Ufer, selbst erfahrener Läufer, gibt mit seinem Buch eine wissenschaftlich fundierte Hilfestellung bei der Suche nach verborgenen Ressourcen. Als roten Faden spinnt Ufer seinen ersten Extremlauf durch die Atacama-Wüste. Manchmal anekdotenhaft, immer aber hart an der Sache, erzählt er, wie er an das Training für dieses außergewöhnliche Rennen herangegangen ist und wie er sich unterwegs trotz brennender Füße und sengender Hitze motivieren konnte. Das Buch ist unterhaltsam, lebensnah und inspirierend: Michele Ufer reicht Läufern die Hand und führt sie mit anschaulichen Beispielen und Anleitungen in die Welt des Mentaltrainings. Für jeden ist etwas dabei: Anfänger finden erste Tipps und einen leichten Einstieg in die Welt des Mentaltrainings, während Profis weiter hinten im Buch Hilfestellung finden, um letzte Ressourcen in ihrem Körper zu erschließen.

Selbstdiagnose erfordert Ehrlichkeit

Allerdings setzt der Autor voraus, dass sich die Leser auch wirklich auf den Inhalt seines Buchs einlassen. Das kann unangenehm sein, denn ein wirkungsvolles, umfassendes Mentaltraining setzt voraus, dass sich der Sportler intensiv mit dem Ist-Zustand befasst und eine möglichst ehrliche Selbstdiagnose erstellt. Dazu gibt Ufer seinen Lesern einige Fragebögen an die Hand. Das ist allerdings schon die hohe Schule. Doch selbst beim ersten, eher oberflächlichen Querlesen des Buchs lassen sich Erkenntnisse für das alltägliche Training gewinnen, allen voran Ufers Hilfestellungen zu den Themen "Selbstgespräche" und "Selbstsabotage".

Ufer erklärt praxisnah und anschaulich, wie sich etwa positive Selbstgespräche auf die Leistung auswirken können. Gleichzeitig gibt er wichtige Hinweise, wie diese Gespräche zur Wortwahl, da die letzten Endes entscheidend dafür ist, ob und wie ein Selbstgespräch seine Wirkung entfaltet. Ein Selbstgespräch kann dabei ein Mantra sein, wie ich es auf den letzten Kilometern des Paris-Marathons mit meinem "Einfach laufen." immer und immer wiederholte. Es kann aber auch eine dreiste Lüge sein. Ufer schildert ein Trainingsexperiment, bei dem sich eine Laufgruppe mit dem Selbstgespräch "Wir lieben Hügel" zu neuen Bestleistungen beim Bergauflaufen pushte.

Positive Anweisungen

Genau anders herum funktioniert "Selbstsabotage". Hier führt Ufer dem Leser anschaulich vor Augen, wie oft man sich als Sportler selbst runterzieht, obwohl man genau das Gegenteil erreichen will. Die innere Anweisung "Nicht verkrampfen" genüge demnach schon, um einen verkrampften Laufstiel zu garantieren. Negative Anweisungen, erklärt Ufer, verlangen vom Gehirn eine sehr komplexe Denkleistung. Einfacher wäre es, sich positive Anweisungen zu geben: "Locker bleiben!" zum Beispiel.

"Mentaltraining für Läufer" ist ein gut lesbares und vielschichtiges Buch. Es kann als Handbuch dienen, wenn ein Sportler eine bestimmte Methode des Mentaltrainings anwenden will, es taugt aber genau so gut als Lehrbuch für den Trainingseinstieg und auch durchaus komplexere Übungen. Der Leser lernt, wie Spitzenathleten Mentaltraining anwenden und welchen konkreten Nutzen sie daraus ziehen, wenn sie etwa eine Ski-Piste befahren und dabei mit dem Körper die Bewegungen nachahmen.

Die Gefahr positiven Denkens

Immer wieder betont Ufer die Bedeutung von positivem Denken. Doch er weist auch auf die Gefahren hin, die positives Denken à la "Du schaffst alles!" bergen kann. Nicht jedem sei es in die Wiege gelegt, einen Marathon in zwei Stunden laufen zu können. Da helfe auch Motivationstraining nichts. Stattdessen tritt Ufer für einen realistischen Optimismus und das Formulieren erreichbarer Ziele ein.

Das gilt nicht nur für den Sport. Im Grunde lassen sich alle Anwendungen auch ins Berufs- oder Privatleben übertragen, insbesondere wenn es darum geht, konzentriert an einem Ziel zu arbeiten oder in bestimmten Bereichen gelassener zu werden.

"Mentaltraining für Läufer", Verlag Meyer & Meyer, broschiert, 19,95 Euro.

 
 

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