Beim Kaffeeröster zwischen Kaufrausch und Laufrausch

Wer im Herbst laufen will, braucht Motivation.
Wer im Herbst laufen will, braucht Motivation.
Foto: Imago
Herbst - der Vielklang aus Kälte, Nässe, Dunkelheit und Tristesse macht Läufern zu schaffen. Motivation kommt von unverhoffter Seite.

Dortmund. Wenn die Tage kürzer, das Licht dunkler, der Regen nasser und die Schuhe schmutziger werden, haben Läufer die Gewissheit: Es ist Herbst. Schön ist das nicht, vor allem wenn im fortgeschrittenen Alter, also ab 25, morgens die Gräten weh tun, sodass der mal angedachte Morning Run doch eher auf den Abend verschoben wird, weil bis dahin die Gelenkschmiere ihren Weg in die rostigen Knie gefunden hat. Tagsüber hockt man dann im Büro und wartet auf den Feierabend, auf frische Luft und das tolle Gefühl, endlich nicht mehr bei sengender Hitze laufen zu können.

LaufblogDoch wenn er dann da ist, der Feierabend, dann ist da mehr Abend als Feier, denn es ist ja schon wieder duster. Jetzt noch laufen? Diese Trägheit ist unerträglich. Zu Hause ist es doch auch schön und das Essen ist bestimmt schon fertig. Auf dem Weg nach Hause noch schnell zum Kaffeeröster, ein Pfund Bohnen kaufen und - bämm! - da springt die textilgewordene Motivation aus dem Regal.

Eine neue Hose, kein Kaffee

Der Kaffeeladen hat tatsächlich Laufklamotten! Lange Hosen in zwei Ausführungen, dicke Jacken, Windjacken, Hoodies, Langarmshirts, Stirnlampen, Handschuhe, Mützen - Kaufrausch, ick hör dir trapsen. Der Kampf gegen den inneren Schweinehund ist längst gewonnen, jetzt sitzt mir das Finanzministerium im Nacken. "Du brauchst nicht noch eine Hose", sagt die innere Stimme. "Du hast keine Ahnung", sage ich. Ich greife zur Hose mit Windschutz-Funktion, gehe zur Kasse, habe keinen Kaffee gekauft. Aber laufen will ich heute unbedingt noch.

Oder morgen.

Gestern war heute morgen, und somit ist wirklich der Tag gekommen, an dem ich endlich wieder den Elementen trotzen und laufen muss. Am Sonntag ist ein Lauf über fünf Kilometer und exakt die habe ich auch urplötzlich zu viel auf den Rippen (also Kilo ohne Meter). Da muss was weg und darüber hinaus möchte ich an meiner Spritzigkeit feilen. Vorgestern (oder war es schon vorvorgestern?) war ich am See und genoss einen hervorragenden Trainingslauf. Es gibt ja diese Läufe, bei denen einfach alles klappt. Wenn man es schafft, nach einem nervigen Arbeitstag noch im Dunklen laufen zu gehen, hat man eh schon gewonnen und kann sich beschwingt auf den Weg machen. Insgesamt lief ich 16 Kilometer, überwiegend schön langsam, aber auch angereichert durch ein wirklich flottes Intermezzo am Berg, garniert durch einige Treppenläufe, die ich mit einer nicht erwarteten Lockerheit absolvierte. Es war fantastisch!

Die Kumpels mögen keine Berge

Dummerweise finden einige meiner Laufkumpels das mit den Treppen und den Bergen und dem wenigen Licht gar nicht so fantastisch und erfinden die lustigsten Ausreden, just heute nicht mit mir zum Phoenixsee zu kommen, um dem dortigen Hügel einen intensiven Besuch abzustatten. Ich habe aber richtig Bock und mache das heute. Sollte sich die Motivation unterwegs doch noch verabschieden, muss ein neuer Reiz gesetzt werden. Zum Beispiel im Discounter um die Ecke. Denn wie der Kaffeeröster hat auch der rechtzeitig zur dunklen Jahreszeit sein Laufsortiment in die Regale gepackt, um Kauf- und Laufrausch zu wecken.

Ob das bei mir aber wirklich funktioniert, weiß ich dennoch erst, wenn ich heute Abend nach absolviertem Lauf unter der Dusche stehe.

 
 

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