Florian Neuschwander ist der Star der Kilometerfresser

Florian Neuschwander läuft und läuft und läuft. Meistens 200 Kilometer in der Woche.
Florian Neuschwander läuft und läuft und läuft. Meistens 200 Kilometer in der Woche.
Foto: Sebastian Stiphout
Florian Neuschwander ist der Star der Ultraläufer. Die langen Touren entspannen ihn wie ein Schläfchen. Hobbyläufer lieben ihn wegen seines coolen Stils. Er mischt die Szene auf.

Frankfurt.. Florian Neuschwander blickt aus dem Küchenfenster seiner Dreier-WG in Frankfurt und hadert mit dem Wetter. Über Berge und Vulkane rennt er, durch Wüsten und Canyons. Der deutsche Nieselregen allerdings ist ihm eine Spur zu hart, behauptet er. Aber das stimmt natürlich nicht. Für ihn gilt ein alter Werbeslogan: Er läuft und läuft und läuft.

Der 34-Jährige ist Deutschlands bester 100-Kilometer-Spezialist (6:49 Stunden), ein Ultramarathonläufer. Je länger und schwieriger die Strecke, desto interessanter. Gerade hat er die deutsche Ausgabe des Charity-Laufs „Wings for Life“ gewonnen. Ziel war es, einem Auto zu entkommen. 64 Kilometer hat er geschafft.

Seine Wurzeln liegen beim Skaten

Äußerlich erinnert der schmale, großflächig tätowierte Mann mit dem Schnurrbart eher an einen Skater. Auf dem Rollbrett liegen tatsächlich seine Wurzeln. Als er mit 15 während seiner Jugend im Saarland zum Laufen kam, hat er die Sportart gewechselt, nicht aber seine Lebensphilosophie. Jetzt macht der 1,67-Meter-Floh mit seiner Coolness die oft nüchtern und verbissen wirkende Läuferszene munter. „Einige Konkurrenten finden mich komisch. Ich bin schon ein Freak“, sagt er.

Vergangenes Jahr hat er den Transrockies Run in den USA gewonnen, einen der bedeutendsten Wettkämpfe in der Welt der Nimmermüden. 200 Kilometer in sechs Tagen, bis auf 3800 Höhenmeter rauf in der dünnen Luft. Er lief beim Ardennen-Rennen allen auf und davon und bei den 50 Kilometern durch Oregon. Bei der Ultratrail-WM vor drei Jahren haben ihn seine Füße zu Silber getragen. Ultratrail, das ist das Ungetüm unter den Laufdisziplinen. Es kann matschig werden, eisig oder steil. Hier gewinnt der Mensch, der am meisten Amphibie ist.

Tausende Fans folgen ihm auf Facebook und Instagram

Kaum zu glauben, dass Neuschwanders letzter Trainer gemeckert hat: „Florian, du bist zu faul.“ Das ist allerdings Jahre her und geschah, als sein Athlet noch auf den klassischen Strecken unterwegs war. „2003 habe ich mit Jan Fitschen und Arne Gabius trainiert. Ich wollte zur Junioren-WM über zehn Kilometer.“ Eine hartnäckige Kieferentzündung zerschoss sämtliche Pläne. Fitschen trainierte weiter, um der 10-Kilometer-Held der Europameisterschaften 2006 zu werden. Gabius orientierte sich Richtung Olympia. Neuschwander wollte alles hinschmeißen, „ich war frustriert und habe nur Party gemacht“. Als er dann bei einem spontanen Comeback ohne Training zum Sieg gelaufen ist, hat er entschieden, dass er besser im Alleingang klar kommt. Ohne Trainingszwänge, ohne Ernährungspläne. Nur er und seine Laufschuhe. „Ich erlaufe mir die Welt.“

Wer mag, den lädt Neuschwander ein, ihn ein Stück des Weges zu begleiten. Über 26.000 Fans folgen ihm über Facebook und Instagram (@runwiththeflow) und werden mit Fotos versorgt. Manchmal auch mit einem Aufruf zum spontanen Lauftreff. Neulich in einer Hotellobby in München: 60 Hobbyläufer warten auf ihn. Sie finden seinen Stil gut. Und natürlich auch Anekdoten, die sich ein verbissener Star niemals erlauben würde: Flug verpasst nach Spanien, im Saarland im Wald verirrt, Trainingslager am Ballermann.

Bei all der Lockerheit geht es aber auch einem Florian Neuschwander ums Gewinnen. Deshalb „ballert“ er, wie er es formuliert, 200 Kilometer in der Woche. Manchmal entscheidet er sich lieber für ein Bier mit seinen WG-Kumpels. „Mein Körper ist auch ohne strenges Training für das Laufen gemacht“, sagt er und geht so weit, zu behaupten, dass er die langen Strecken braucht, um abschalten zu können: „Das ist wie schlafen.“ Er kann, sagt er, inzwischen von seinem extremen Hobby leben. Nicht nur viele Freizeitsportler verfolgen seine irre Lauferei, auch Sponsoren finden dieses kuriose Persönchen interessant. „Ich bin wie ein Rennpferd. Wenn du das loslässt, geht es ab.“

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