Biensteins Projekt Titelverteidigung

Falk Blesken
Heike Bienstein beim Zieleinlauf im vergangenen Jahr. Foto: Thomas Nitsche
Heike Bienstein beim Zieleinlauf im vergangenen Jahr. Foto: Thomas Nitsche

Oeventrop.  In Chiclana de la Frontera an der spanischen Atlantikküste könnte sie sein. Gerade im deutschen Winter hört sich bereits diese Ortsangabe verlockend an. Sehr verlockend. Doch Heike Bienstein weilt nicht in Andalusien - sie startet am Freitag, 31. Dezember, (13.30 Uhr) beim Silvesterlauf von Werl nach Soest.

15 Wettkampf-Kilometer über die Bundesstraße 1 statt Übungen im feinen Sandstrand. „Zwei Wochen ist der Rest meiner Trainingsgruppe ins Trainingslager nach Spanien gefahren“, sagt Heike Bienstein, „aber der Silvesterlauf ist für mich einfach eine Herzensangelegenheit.“ Die Entscheidung für den einst von der WESTFALENPOST initiierten Volkslauf und gegen den Trip in den Süden Europas fiel der 24-jährigen Oeventroperin deshalb äußerst leicht.

Die einzigartige Stimmung vor dem Start an der Stadthalle in Werl, wenn sich mehrere Tausend Läufer auf die durchaus wellige Strecke vorbereiten; die Atmosphäre, für die Zuschauer und Musikgruppen in sowie zwischen den Dörfern sorgen; und natürlich das Erlebnis, auf dem historischen Pflaster des Soester Marktplatzes durchs Ziel zu laufen - all das möchte die Sportstudentin am letzten Tag des Jahres auf keinen Fall missen.

Allerdings gibt es noch ein weiteres, nicht ganz unwichtiges Detail, weshalb Bienstein den Silvesterlauf von Werl nach Soest so liebt: Im Trikot ihres aktuellen Vereins LG Olympia Dortmund gewann sie die Damenkonkurrenz zuletzt dreimal in Folge und liebäugelt in diesem Jahr mit einem vierten Triumph. Damit würde sie in der ewigen Siegerliste des 1982 erstmals ausgetragenen Laufes Waltraud Klostermann und Gaby Wolf hinter sich lassen und direkt hinter der Silvesterlauf-Königin Sigrid Wulsch, die siebenmal siegte, auf Platz zwei rangieren.

55:22 Minuten benötigte Bienstein im vergangenen Jahr für die 15 Kilometer, eine Zeit, mit der sie dieses Mal jedoch nicht rechnet. „Meine Zeit wird langsamer sein“, erklärt sie.

Warum? Weil hinter ihr ein wahres Seuchenjahr liegt. „2010 ist alles andere als gut für mich gelaufen“, sagt sie mit
trauriger Stimme. Hier ein Virus, da ein Infekt - irgendwie machte Biensteins Gesundheit immer wieder einen Strich durch ihre Planungen. „Bereits vor dem zurückliegenden Silvesterlauf war ich krank und Anfang des Jahres hat es mich wieder erwischt“, erzählt sie rückblickend.

Endgültig platzten ihre Vorstellungen von einem erfolgreichen Laufjahr aber nach dem im März in Marokko absolvierten Trainingslager. „Ein Infekt hatte das Herz belastet“, sagt Heike Bienstein. Sie zog die Notbremse, legte eine strikte sechswöchige Pause ein - und hakte die Sommersaison ab.

Im Winter, und besonders bei ihren geliebten Crossläufen, will Bienstein wieder Erfolge feiern. „Die Vorbereitung ist im vollen Gange“, erklärt sie. Doch nun sind es nicht irgendwelche Krankheiten, die die Nerven strapazieren, sondern der Winter, der das Land unerwartet früh in seine eisigen Klauen genommen hat.

Ein geordnetes Training? Fast nicht möglich. „Es wird viel improvisiert“, erzählt Bienstein ziemlich genervt. Einheiten auf dem ungeliebten Laufband, Konditionsbolzerei auf dem Rad oder Läufe durch den Schnee - optimal ist gewiss etwas anderes.

Wie der Oeventroperin geht es zwar ihren Konkurrentinnen auch, aber trotzdem hält sich Heike Bienstein gewohnt bedeckt: „Natürlich wäre der vierte Sieg in Folge schön, aber man weiß speziell bei diesem Wetter nie, wer noch startet.“ Weil vielerorts die Silvesterläufe abgesagt worden sind, können sogar noch am Freitag bis 12.30 Uhr Nachmeldungen namhafter Läuferinnen erfolgen, die ihr den Sieg streitig machen könnten.

Eine Tatsache, auf die Bienstein gerne verzichten würde, auf die Ingo Schaffranka, Organisator des Laufes von Werl nach Soest aber setzt. „Bereits am Donnerstag hatten wir etliche Nachmeldungen“, sagt er, „und ich rechne damit, dass sich auch Freitag noch viele kurzfristig anmelden.“ Der sonst Teilnehmerzahlen zwischen 7000 und etwas über 8000 gewohnte Schaffranka schraubt seine Ansprüche deutlich zurück. „Wenn wir 5000 Starter verzeichnen können“, sagt er, „sind wir ziemlich zufrieden.“

Inline Skater starten nicht

Das Wetter der vergangenen Wochen fordert eben seinen Tribut. So gibt es in diesem Jahr keinen Wettbewerb für Inline Skater. „Das Risiko ist zu groß“, erklärt Ingo Schaffranka. Wanderer, Walker, Nordic Walker und Läufer werden jedoch wie gewohnt auf die Strecke geschickt. Ebenso finden wie in den vergangenen Jahren die beliebten Kinderläufe rund um die Werler Stadthalle statt.

Heike Bienstein wird für die Siegläufer von Morgen kaum einen Blick übrig haben. Sie muss sich um einen Platz im vorderen Teil des Läuferpulks kümmern. Von diesem und mit dem passenden Wetter will sie das Projekt erneute Titelverteidigung beim traditionellen Volkslauf für den guten Zweck angehen.

„So wie heute müsste es sein“, erzählt sie nach ihrem Trainingslauf Donnerstagmittag. „Sonne und Temperaturen leicht unter Null. Herrlich.“ Schöner kann es in Chiclana de la Frontera auch nicht sein. Nur etwas wärmer.