Khediras Kreuzbandriss ein WM-"Genickschlag" für Löw

Die Personaldecke im defensiven Mittelfeld der DFB-Elf wird immer dünner. Sehr zum Missfallen von Bundestrainer Joachim Löw.
Die Personaldecke im defensiven Mittelfeld der DFB-Elf wird immer dünner. Sehr zum Missfallen von Bundestrainer Joachim Löw.
Foto: afp
Der Schock wirkt in London noch nach. Joachim Löw schaltet auf dem Trainingsplatz zwar auf den nächsten Klassiker gegen England um. Doch die schwere Verletzung von Mittelfeld-Organisator Khedira drückt die Stimmung. Der Bundestrainer muss alternative WM-Pläne erproben.

London. Die Erschütterung bei Joachim Löw hatte sich auch nach dem Ortswechsel von Mailand nach London nicht gelegt. Das Umschalten auf den nächsten Klassiker in England fiel dem Bundestrainer und seinen verbliebenen 19 Spielern nach dem Khedira-Schock schwer. "Das war für uns ein richtiger Genickschlag", erklärte Löw in der englischen Hauptstadt zur Hiobsbotschaft des Wochenendes. Mittelfeld-Organisator Sami Khedira, eine der wichtigsten Figuren im deutschen Unternehmen "WM-Titel 2014", fällt nach einem Kreuzband- und Innenbandriss im rechten Knie monatelang aus - Löws Party zu seinem 100. Länderspiel als DFB-Chefcoach war plötzlich gesprengt.

Schon einen Tag nach dem verheerenden Unfall in San Siro, als sich der Star von Real Madrid im Zweikampf mit Italiens Andrea Pirlo so übel verletzt hatte, wurde Khedira von Kniespezialist Ulrich Boenisch in der Augsburger Hessingpark-Clinic operiert. "Das ist natürlich bitter", sagte Löw wohlwissend, dass die Hoffnung auf eine WM-Teilnahme des gerade auch physisch so robusten Antreibers im deutschen Fußball-Nationalteam auf ein Minimum geschrumpft ist.

Alternativen für den Ernstfall müssen her

Zwar wollte noch unter Schock im DFB-Lager niemand Khedira für die WM-Mission in Brasilien gänzlich abschreiben. "Sami ist grundsätzlich ein unglaublich positiv eingestellter Mensch. Dass es nicht einfach wird, ist auch klar", bemerkte Löw. Aber Löw muss schon jetzt Alternativen für den WM-Ernstfall entwickeln. Im "The Hive" weit im Londoner Norden sollte das am Sonntag im Training beginnen.

Die Konzentration muss vor dem zweiten Klassiker am Dienstag (21.00 Uhr/ARD und in unserem Live-Ticker) im Wembleystadion nach dem teilweise Mut machenden 1:1 gegen Italien wieder mit aller Macht hochgefahren werden. Die Personaldiskussion schwebt aber über dem Nationalteam. Zumal auch hinter der Fitness der Routiniers Bastian Schweinsteiger und Mirolsav Klose sowie den Alternativen Ikay Gündogan und Mario Gomez für das WM-Jahr Fragezeichen stehen. Die Rekonvaleszenten fehlen - ebenso wie Lukas Podolski - auch gegen England. Immerhin steht Abwehrchef Per Mertesacker nach einer Grippe wieder zur Verfügung.

"Bei Schweinsteiger und Gündogan sehe ich das so, dass wir in der Rückrunde mit diesen Spielern planen können. Bei Sami Khedira muss man abwarten, das wird etwas länger dauern. Ich habe irgendwo immer noch einen kleinen Funken Hoffnung, dass es reichen könnte", meinte Löw. Für das letzte Länderspiel des Jahres 2013 befreite er seinen Kapitän Philipp Lahm, dessen Bayern-Kollegen Manuel Neuer und Arsenal-Juwel Mesut Özil von der Teilnahme und verordnete den in ihren Clubs hochbelasteten Profis Erholung.

Weidenfeller steht vor seinem Debüt 

Lahm spiele immer 90 Minuten, Özil war zuletzt krank. "Ich möchte diese Spieler nicht unbedingt verheizen", betonte Löw. Noch mehr Ausfälle in der Kategorie der Leistungsträger wären wohl kaum zu kompensieren. Neuer durfte heimreisen, weil Löw drei Torhüter in England nicht benötigt. Die Entscheidung befeuerte die Erwartung, dass der Dortmunder Roman Weidenfeller im reifen Alter von 33 Jahren in dem Klassiker sein Länderspiel-Debüt feiern darf.

"Wir nehmen das Spiel jetzt natürlich genauso ernst. Im Wembley vor 80 000 Fans, das ist etwas Besonderes", erklärte Löw. Im neuen Jahr verbleibt ihm nur noch ein einziges Länderspiel am 5. März in Stuttgart gegen Chile, bevor der WM-Kader festgezurrt werden muss. "Da wollen wir dem einen oder anderen Spieler über 90 Minuten gegen eine starken Gegner die Chance geben zu zeigen, was er drauf hat. Das will ich jetzt einfach nochmal sehen", unterstrich der Bundestrainer.

Beim über lange Strecken taktisch reifen Auftritt gegen den viermaligen Weltmeister Italien, bei dem allerdings das Schussglück bei drei Aluminiumtreffern fehlte, hatte sich Löw vor allem mit dem Defensivverhalten seines Teams zufrieden gezeigt. Innenverteidiger Mats Hummels zeichnete sich vor 49 000 Zuschauern im Giuseppe-Meazza-Stadion zudem als Torschütze aus. "Wir haben weniger klare Chancen zugelassen als zuletzt und taktisch wieder einen Schritt nach vorne gemacht", bilanzierte Kapitän Lahm, den Löw wieder ins defensive Mittelfeld gestellt hatte.

Reus und Schmelzer sollen von Beginn an spielen

Gegen die Engländer dürften auf der Sechser-Position der Leverkusener Lars Bender und der Münchner Toni Kroos beginnen. Lahm sieht Löw in seinen WM-Plan weiter als Rechtsverteidigerer - auch nach dem Khedira-Schock. Neu in die Startelf sollen in London auch die Dortmunder Marco Reus und Marcel Schmelzer rücken, auf dem rechten Flügel könnte der Leverkusener Sidney Sam eine Chance erhalten. "Es ist ein gesunder Konkurrenzkampf, der bringt alle nur nach vorne", sagte der Hamburger Marcell Jansen: "Es ist eine große Aufgabe und Herausforderung in England zu spielen."

Auch für Löw ist der Weltmeister von 1966 "nach wir vor eine große und gute Fußballnation mit vielen guten und mittlerweile einigen jungen, hoffnungsvollen Spielern". Zudem sei das Team unter Nationalcoach Roy Hodgson taktisch gut organisiert: "England gegen Deutschland ist auch immer ein Klassiker." Löw dürfte im Hinterkopf aber vor allem einen Wunsch haben: Dass alle seine WM-Kandidaten gesundbleiben.

Voraussichtliche Aufstellung: Weidenfeller - Höwedes, Mertesacker, Boateng, Schmelzer - Lars Bender, Kroos - Sam, Götze, Reus - Kruse