Khedira am Knie, BVB-Profi Hummels in seiner Ehre verletzt

Reinhard Schüssler
Mats Hummels (2.v.l.) traf gegen Italien für die DFB-Auswahl.
Mats Hummels (2.v.l.) traf gegen Italien für die DFB-Auswahl.
Foto: Getty
In der Aufregung um Sami Khediras Kreuzbandriss ging nach dem Italien-Spiel unter, dass sich auch ein anderer Leistungsträger der DFB-Elf verletzt fühlt - in seiner Ehre. Dortmunds Mats Hummels ist gekränkt, und dem Bundestrainer täte ein wenig Selbstkritik gut. Ein Kommentar.

Die Nachricht wirkte wie ein Schock. Weil Sami Khedira zu den wenigen „gesetzten“ Spielern bei Joachim Löw zählte. Sein Kreuzbandriss, der vermutlich das WM-Aus bedeutet, hatte aber noch eine wenig beachtete Nebenwirkung: Er lenkte davon ab, dass auch ein anderer deutscher Fußballstar verletzt ist. Allerdings nicht am Knie, sondern in seiner Ehre.

Obwohl Schütze des einzigen deutschen Tores beim 1:1 gegen Italien verweigerte sich Mats Hummels, wie schon seit Wochen, den Medien. Wer auf die Körpersprache des Dortmunders achtet, erkennt: Der Mann ist tief gekränkt. Wer dieses Verhalten in einer Branche, in der mit harten Bandagen gekämpft wird, als mimosenhaft wertet, macht es sich zu leicht. Hummels, der außerhalb des Platzes durch Intelligenz und Eloquenz besticht, mag dem einen oder anderen gelegentlich schon ein wenig zu forsch aufgetreten sein – was er sagte, hatte aber immer Hand und Fuß. Seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit war jedenfalls lange Zeit im Einklang mit seiner von allen Seiten gelobten Leistung auf dem Platz.

Sündenbock und Buhmann Hummels

Umso schwerer muss es den 24-jährigen Innenverteidiger getroffen haben, als er sich unvermittelt in der Rolle des Sündenbocks und Buhmanns wieder fand. Genau genommen seit dem Spiel gegen Paraquay (3:3) im August, als die Abwehrschwächen der deutschen Mannschaft vor allem an ihm festgemacht worden waren. Dahinter stand keine Pressekampagne, sondern der Bundestrainer persönlich. Hatte Joachim Löw doch gegen die eherne Regel verstoßen, wonach im Mannschaftsport immer zusammen gewonnen und verloren wird, und diesmal einen einzelnen Spieler an den Pranger gestellt.

Zu Löws Entlastung ließe sich sagen, dass er womöglich von der Sorge umgetrieben wurde, der Dortmunder könnte mit seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein und Hang zum Risiko die Balance in seinem Team stören. Seine dünnhäutige Reaktion auf Hummels spätere Interview-Äußerungen, beim DFB käme interne Kritik nicht so gut an, ließ freilich darauf schließen, dass er sich an einem wunden Punkt erwischt sah. Anders ist kaum zu erklären, dass der Bundestrainer unlängst noch einmal nachgelegt und auf sein Recht (?) gepocht hat, Spieler auch in aller Öffentlichkeit kritisieren zu dürfen.

Die Meisterprüfung steht aus

Seit Joachim Löw (anfangs unter Jürgen Klinsmann) in die Trainerarbeit des DFB eingebunden ist, hat die deutsche Nationalmannschaft unstrittig eine positive, ja zum Teil atemberaubende Entwicklung genommen. Unabhängig von der Frage, wie groß der Traineranteil daran ist, steht seine Meisterprüfung noch aus. Um sie zu bestehen, ist es von Nöten, in seinem hochkarätigen Kader auch auf Verletzungen aller Art richtig zu reagieren.