Joachim Löw - der magische Rechthaber

Frank Lamers

Berlin. Weder Verletzungen noch Formkrisen ihrer Leistungsträger in der Liga können die Nationalelf derzeit aus der Bahn werfen. Das ist vor allem ein Verdienst des Bundestrainers, der unbeirrt seinen Weg geht.

Ganz viele Menschen da draußen in der weiten, wirren Welt glauben, dass es sich bei Deutschland um eine Nation mit beeindruckender wirtschaftlicher Stabilität, mit einem gerechten Sozialsystem und integrativer Kraft handelt. Aber was glaubt eigentlich Deutschland? Hadert dieses Land nicht ständig mit sich selbst? Fühlt es sich nicht oft, sehr oft angeschlagen und zerrissen?

In den Tagen vor dem Spiel gegen die Türkei wurde wieder behauptet, dass die Fußball-Nationalelf ein Spiegelbild Deutschlands sei. Das stimmt in mancherlei Hinsicht. Allerdings nicht, weil diese Jugendgruppe so schön eine entspannte Multikulti-Gesellschaft reflektieren würde. Die sozialen Gegensätze werden doch im Millionärs-Kreis so fein abgeschliffen, dass helle wie dunklere Haut am Ende stets die gleiche Farbe annimmt. Die alle vereinigende Farbe des Geldes.

Nein. Ganz viele Menschen da draußen in der weiten, wirren Welt glauben, dass es sich bei der DFB-Auswahl um eine Ansammlung junger Hochtalentierter handelt, welcher der Weg zu jedweden Erfolgen geebnet sei. Fußballdeutschland dagegen sorgt sich um die deutsche Nationalelf so, wie sich Deutschland ständig Sorgen um Deutschland macht. In dieser Hinsicht ist dieses kleine Stück Deutschland ein Spiegelbild des Ganzen. Es kann doch nicht sein, dass eine Nationalmannschaft, die auf WM-Star Bastian Schweinsteiger verzichten muss, weitertanzt, als wäre das nichts. Es kann doch nicht sein, dass diese ausgelaugten, mit ihren Klubs durchs Jammertal kriechenden Spieler sich plötzlich präsentieren, als wäre in ihnen die Sonne aufgegangen.

Löw ignoriert die Sorgen einfach

An dieser Stelle kommt der Bundestrainer in die Partie. Dieser Joachim Löw besitzt die Magie des Rechthabens, obwohl Magie und Rechthaben noch weiter voneinander entfernt sein sollten als ein Romantik-Dinner im Mondenschein und das Abhängen im Waschsalon. Vor der WM in Südafrika musste man doch nach dem Ausfall von Michael „Du bist unser einziger Superstar“ Ballack das Schlimmste befürchten. Oder nicht? Und vor dem Duell mit den Türken mit ihrem niederländischen Trainerfuchs Guus Hiddink und dem Publikum im Kreuz musste man doch zumindest ein wenig den Untergang erspüren? Oder vielleicht doch nicht?

Am Ende ist Hiddink wieder geschlagen worden, wie schon mit dem feinen russischen Ensemble in der WM-Qualifikation. Und zwar, weil die deutsche Elf besser war. Und zwar, weil Löw, dieser, Achtung: unverkennbar südländische Typ, die deutschen Sorgen schlicht ignoriert. Er ist souveräner, konzilianter geworden. Er ist an seiner Aufgabe gewachsen. Als Assistent von Jürgen Klinsmann loderte in ihm ja von Zeit zu Zeit das Feuer des Missionars. Nur an den Kerninhalt seines Glaubens, den Glauben daran, dass es keine Alternativen zu seinem System, seiner Strategie, seinem Personal gibt, lässt der Trainer niemanden heran. Und auf magische Weise hatte Joachim Löw wieder einmal Recht. Andererseits: Sorge dich, Deutschland. Das hält den Fußball spannend.