Harter Kampf ums Steuergeld - Positive Reaktionen auf Reform der Sportförderung

Der DOSB hat die Sportverbände erstmals in die Entscheidung über die Verteilung von Projektmitteln einbezogen.
Der DOSB hat die Sportverbände erstmals in die Entscheidung über die Verteilung von Projektmitteln einbezogen.
Foto: imago
Die deutsche Sportförderung soll nach dem öffentlichen Desaster durch die absurden Zielvereinbarungen neu geregelt werden – Verbände reagieren positiv. DerWesten stellt die Dokumente seiner Recherchen online zur Verfügung auf www.allesfuergold.de.

Essen. Der Deutsche Olympische Sportbund hat die Sportverbände am vergangenen Wochenende erstmals in die Entscheidung mit einbezogen, wie Projektmittel in Höhe von rund 7,5 Millionen Euro auf die einzelnen Verbände verteilt werden. Die Projektmittel sind ein Teil der jährlichen Spitzensportförderung des Bundesministeriums des Innern. Um die Verteilung dieser Mittel und die dafür genutzten Zielvereinbarungen hatte es im vergangenen Jahr viel Streit gegeben.

Nach der harten Kritik hatte der Sport sein System nicht gekippt, aber überarbeitet. Diesmal sollen die Gespräche konstruktiv und offen gewesen sein. „Wir haben uns bewusst Zeit gelassen. Weil wir im Vorfeld viel diskutiert haben und das Ganze viel transparenter als vor vier Jahren war, war die Stimmung nicht mehr eine des Jeder-gegen-Jeden“, sagt etwa Thomas Konietzko, Präsident des Kanu-Verbandes.

Mit den neuen Vereinbarungen endet für viele Verbände eine Zeit der Unsicherheit – zuletzt hatten sich die Volleyballer gesorgt, weil sie Turniere und Trainingslager vorfinanzieren mussten.

Reform der Zielvereinbarungen

Womöglich hat sich ihr Warten gelohnt: Am vergangenen Wochenende beschlossen die Verbände einstimmig eine Reform der Zielvereinbarungen. Die Verbände werden ab jetzt in fünf Gruppen unterteilt: So soll es möglich sein, Verbände mit guten Medaillenchancen und solche ohne berechtigte Medaillenhoffnungen gleichermaßen für gute Konzepte mit Projektmitteln zu belohnen.

Ein Sprecher der Konferenz der Spitzensportverbände kündigte an, man wolle „die Grundgedanken der Zielvereinbarungen“ bald veröffentlichen. Geht es nach dem Kanu-Präsidenten Konietzko, sollte der DOSB noch weiter gehen und diesmal die gesamten Dokumente öffentlich machen: „Wir müssen transparent sein, um unsere Forderungen nach Geld begründen zu können. So einen Unsinn wie im vergangenen Sommer darf es nicht noch einmal geben.”

Während der Olympischen Spiele in London musste das Berliner Verwaltungsgericht dem Innenminister Hans-Peter Friedrich erst mit einem Zwangsgeld drohen, bevor er öffentlich machte: 86 Medaillen waren von den deutschen Athleten gefordert, 44 brachten sie aus London mit zurück. Das Medienecho fiel verheerend aus, vor allem aufgrund der Geheimniskrämerei.

An der schien sich zunächst nichts zu ändern. Selbst Bundestagsabgeordnete durften im Winter nur unter strengen Auflagen und in Begleitung eines Staatssekretärs in die Zielvereinbarungen schauen. Kopien und Notizen waren nicht erlaubt. „Es ist leichter, in der Geheimschutzstelle den Bericht des Bundesnachrichtendienstes über Geldwäsche in Zypern einzusehen, als die Zielvereinbarungen des deutschen Sports”, sagte SPD-Sportsprecher Martin Gerster.

Trotzdem wurde das Konzept der Zielvereinbarungen nun auch hinterfragt. Im Frühjahr begann der Bundesrechnungshof, die Effektivität des Instruments für den Einsatz von Steuergeld zu überprüfen – mit einem Ergebnis rechnet man dort nicht vor Ende des Jahres.

Verbände gerieten in eine „Spirale der Übertreibungen”

Längst aber haben Ökonomen aus Saarbrücken die Wirksamkeit der Zielvereinbarungen untersucht. Ihr Urteil: Verbände gerieten in eine „Spirale der Übertreibungen”. Wer bei den Verhandlungen über die Medaillenziele tief stapelte oder realistische Ziele ausrief, bekam weniger Geld als die Sportarten, deren Vertreter vollmundig große Erfolge versprachen – auch wenn diese sich als unrealistisch erwiesen.

Ein anderes Forscherteam ging nach den Spielen der Frage nach, wie wichtig der Medaillenspiegel – in der Förderlogik das Maß aller Dinge – für die Öffentlichkeit ist. „Der Medaillenspiegel ist für die von uns Befragten weitaus weniger wichtig, als wir vermutet hatten“, sagt der Sportwissenschaftler Jan Haut. So gaben nur 53,8% der Befragten an, Medaillen für „sehr wichtig“ oder „ziemlich wichtig“ zu halten. Viel mehr Befragte legten Wert auf Fair Play, auf dopingfreien Sport (je 97 %) und auf die Vorbildfunktion von Athleten (96%). „Der Medaillenspiegel dürfte also als sportpolitisches und mediales Instrument größere Bedeutung haben als für die Bevölkerung”, sagt Haut. Es wirkt so, als hätten das nun auch die Spitzen des deutschen Sports zumindest im Ansatz erkannt.

Alle Dokumente zur Sportförderung jetzt im Internet:

  • Unsere Zeitungsgruppe veröffentlicht ab heute die Zielvereinbarungen und zahlreiche weitere Dokumente zur deutschen Sportförderung im Internet. Auf der Webseite allesfuergold.de werden Recherchen und Originalakten nach und nach ergänzt.
  • Die Dokumente zur deutschen Sportförderung hatten zwei WAZ-Reporter mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes erhalten. Das Gesetz berechtigt jeden Bürger, Originaldokumente der Behörden einzusehen. Das Bundesinnenministerium stellte den Reportern insgesamt 14.952,20 Euro in Rechnung. Gegen die hohen Kosten gehen die Reporter jetzt gerichtlich vor.

Alle Infos unter www.allesfuergold.de

 
 

EURE FAVORITEN