Gladbach muss den Balanceakt zwischen Pflicht und Kür meistern

Andreas Morbach
„Die Spieler müssen leiden“ - Lucien Favre hat den Ton bei Borussia Mönchengladbach verschärft.
„Die Spieler müssen leiden“ - Lucien Favre hat den Ton bei Borussia Mönchengladbach verschärft.
Foto: dpa
Borussia Mönchengladbach hat sich vorgenommen, die Champions-League-Gruppe mit drei Topgegnern auszublenden. Im Bundesliga-Spiel bei Werder Bremen müssen für den Tabellenletzten Punkte her.

Mönchengladbach. Letzter zu sein, daran müssen sie sich bei Borussia Mönchengladbach erst wieder gewöhnen. Die Übung fällt den Fußballern vom Niederrhein schwer, vor dem Plumpser nach ganz unten im Bundesligakeller am vergangenen Sonntag hielten sie die Rote Laterne schließlich seit dem 15. April 2011 nicht mehr. „Wir haben uns nicht vorgestellt, mit null Punkten zu starten“, sagte Sportdirektor Max Eberl – ehe die Borussia am Donnerstag schon wieder Schlusslicht war. Diesmal bei der Gruppenauslosung für die Champions League. Da wurden die Gladbacher als allerletzter der 32 Klubs aus der Lostrommel gefischt, bekamen dafür aber ein astreines Menü serviert.

Start der Gladbacher beim FC Sevilla

Mit der Partie bei Europa-League-Sieger FC Sevilla geht die internationale Traumreise am 15. September los, als weitere Kontrahenten warten das Geld-Monster Manchester City und Juventus Turin, der Königsklassen-Finalist vom Juni. „Herzlichen willkommen in der Champions League, sportlich gesehen hätten die Gegner kaum höherwertiger sein können. Das sind große Aufgaben – aber wir freuen uns darauf, uns mit den Besten messen zu dürfen“, kommentierte Eberl Gladbachs Los. Nun geht es darum, die passende Balance zwischen Pflicht und Kür zu finden.

Tony Jantschke erwähnte vor dem Sonntag-Spiel bei Werder Bremen sicherheitshalber mal, worauf der Fokus in den nächsten Wochen und Monate zu liegen habe. „Unser Problem ist momentan der Saisonstart, die Liga ist unser Tagesgeschäft. Ich weiß nicht, ob das einige vergessen haben. Innerhalb der Mannschaft haben wir es auf jeden Fall immer wieder angesprochen“, sagte der Abwehrspieler.

Wobei nicht auszuschließen ist, dass der Klub die Verwirrung selbst mit entfacht hat. Die Gladbacher ließen zuletzt keine Gelegenheit aus, die eigene Rückkehr ins europäische Establishment zu zelebrieren. Die Gruppenauslosung am Donnerstag wurde zu einem kleinen Event – inklusive Tombola und Erstverkauf der neuen Champions-League-Trikots – hochgejazzt, zu dem immerhin 500 Fans zur Live-Übertragung ins Stadion pilgerten.

Damit das große Tamtam nicht als Peinlichkeit endet, soll in Bremen nun der richtige sportliche Kurs eingeschlagen werden. Beim jüngsten 1:2 zu Hause gegen den FSV Mainz funktionierte eine Zeitlang zumindest das Gladbacher Angriffsspiel wieder – abgesehen davon, dass Akteure wie Thorgan Hazard oder Raffael das Tor nicht fanden. Echtes Kopfzerbrechen bereiten jedoch die Nachlässigkeiten in der Defensive, in der glorreichen Vorsaison noch das Prunkstück der Borussia. „Die sechs Gegentore in zwei Spielen ärgern uns, das müssen wir abstellen“, fordert Sportchef Eberl. Und Trainer Lucien Favre betont: „Wir müssen richtig viel arbeiten. Die Spieler müssen bereit sein, zu leiden.“

Stranzl muss sich gedulden

Die umwerfende Leichtigkeit der vergangenen Saison wird nicht per Knopfdruck zum Rautenklub zurückkehren. Am Weserstrand wird mit Martin Stranzl ein wichtiger Stabilisator noch fehlen. Der Abwehrchef fiel lange mit Kniebeschwerden aus. Nun ist Stranzl wieder im Training, doch Favre will kein Risiko eingehen. Noch entscheidender aber wird sein, ob der Coach rasch den passenden Partner für Granit Xhaka im defensiven Mittelfeld findet.

Im Zusammenspiel zwischen dem Schweizer und dem offensiver orientierten Zugang Lars Stindl hapert es bislang mächtig. Unabhängig davon beschleicht Xhaka aber schon jetzt ein Gefühl: „Ich glaube, das wird die schwerste Saison, seit ich bei Borussia bin.“