Gladbach düpiert die Bayern

Klaus Wille
Foto: Bongarts/Getty Images
Rekordmeister Bayern München setzt den Rückrunden-Start in den Sand. In der Bundesliga wird es nach dem 3:1 für Borussia Mönchengladbach aber wieder spannend. Nach 18 Spieltagen stehen die Münchener nur aufgrund der besseren Tordifferenz an der Spitze.

Mönchengladbach. Zweimal an einem Abend zu verlieren, wäre dann doch ein bisschen zu viel für die bayrische Seele gewesen. Deshalb darf man sich jetzt über Einblicke in die Gedankenwelt des FC Bayern München freuen, denn nachdem der Rekordmeister den Rückrunden-Auftakt mit dem 1:3 bei Borussia Mönchengladbach so gründlich wie möglich in den Sand gesetzt hatte, wollten sich die Profis nicht noch als schlechte Verlierer zeigen. Also runter mit den in Mode gekommenen Riesen-Kopfhörern und tapfer Rede und Antwort gestanden. Und nun weiß man: Der größte Gegner der Bayern auf dem Weg zur Meisterschaft ist nicht Gladbach, nicht Schalke, nicht Dortmund. Es ist angeblich ein unfassbares Wesen namens Schlendrian.

So zumindest erklärten die meisten Münchener, warum sie nach nun 18 Spieltagen nur aufgrund der besseren Tordifferenz an der Spitze stehen. Mit einem Vorsprung, der knapper nicht sein könnte, trotz der ewigen bayrischen Mentalität, die besagt, dass man in Grunde der Konkurrenz zu diesem Zeitpunkt mit einem halben Dutzend Punkten enteilt sein müsste.

Ist man nicht, weshalb die Bayern über die Frage, ob sie in Mönchengladbach tatsächlich nur an sich selbst gescheitert sind, ruhig noch einmal nachdenken könnten. Die prägnantesten Worte fand am Ende Thomas Müller: „Wir sind extrem beschissen gestartet, zwischendrin war’s okay, dann war’s wieder beschissen, dann war’s wieder bemüht, und dann war’s noch mal beschissen.“

Öffentlicher Rüffel von Heynckes für Manuel Neuer

Das klingt drastisch, traf es aber. Nach dem frühen 0:1 mühten sich die Bayern, und am Rande sollte man einflechten, dass Nationalkeeper Manuel Neuer sich für seinen dicken Bock mit dem verunglückten Pass auf Marco Reus zu Recht erstmals einen öffentlichen Rüffel von Jupp Heynckes einfing. „Er versucht, den Ball sehr schnell zurück ins Spiel zu bringen. Er müsste etwas ruhiger machen, etwas bedächtiger, konzentrierter“, sagte der Bayern-Coach.

Heynckes erwähnte aber auch, dass er nicht Neuers Bock zum 0:1, sondern das 0:2 kurz vor der Pause als Knackpunkt des Spiels bewertet hatte. Danach war es für Bayern schwer. Das Team kreiselte wie zu Louis van Gaals Zeiten, aber weil die Flankenwechsel zu lange dauerten, weil die hohen Bälle aus dem Halbfeld zu leicht auszurechnen waren, weil flache, schnelle, überraschende Anspiele in die Spitze fehlten, brachte der Druck und der ganze Ballbesitz nur selten Gefahr. Die Frage bleibt, ob man das alleine mit Schlendrian erklären sollte . . .

Zudem lässt diese Betrachtung einen wesentlichen Faktor außer Acht: Fußball wäre ja ohne Gegner viel einfacher, vor allem dann, wenn der Gegner 1:0 in Führung geht und Borussia Mönchengladbach heißt. Eine schönere Konstellation kann man sich für das Team von Lucien Favre nicht malen, nicht einmal im sattesten rosarot. Gegen die Bayern verteidigte Gladbach so laufstark und diszipliniert, wie es im Laufe der Saison nur Dortmund und Mainz geschafft haben. Wie gut, wie angesichts ihrer Historie geradezu klassisch gut die Gladbacher heutzutage wieder kontern können, sollte sich herumgesprochen haben. Marco Reus, von den Fans so euphorisch gefeiert als habe er sich vor drei Wochen für die eigene und nicht für die Dortmunder Borussia entschieden, hatte drei große Szenen. Man ist versucht, zu schreiben: nur drei. Aber daraus resultierten die drei Gladbacher Treffer. Und das erklärt, wie heftig die Diskussion, wie man Reus demnächst ersetzen kann, am Freitag befeuert wurden.

Herrmann kein Reus

Als erster Kandidat bot sich der zweifache Torschütze Patrick Herrmann an, aber sein Trainer Lucien Favre schob sofort einen Riegel vor, als er sagte, ein Vergleich wäre übertrieben. Sie halten den Ball in Gladbach sehr bewusst flach. Das gilt für das Spiel so sehr wie für den Auftritt danach. Weil also niemand über den Titel reden mag, ging die Frage nach den Chancen an den alten Gladbacher Heynckes: „Bislang überragend, das Weitere muss man sehen“, sagte der so vage wie treffend. Dass er sich überhaupt ernsthaft zu den Titelchancen anderer Teams äußern muss, dürfte ihn ohnehin stärker wurmen als alles andere.