Wie Japan die WM 2011 gewann

Ralf Birkhan

Frankfurt. Es ist die Geschwindigkeit der Entwicklung, die verblüfft. Achja, Japan, die sind ja auch bei der Frauenfußball-WM dabei. So der Kenntnisstand in Deutschland vor drei Wochen.

Und nun, nach dem gewonnen Finale gegen die USA, wohnen die Japanerinnen in den Herzen von Deutschland. 15 Millionen Menschen hatten während des Endspiels im ausverkauften Frankfurter Stadion zu Hause den Fernseher eingeschaltet. Bereits in der Nacht suchten Radiosender händeringend nach japanischen WM-Hits, blieben aber immer wieder nur bei „Big in Japan“ der Münsteraner Band Alphaville hängen.

Was ist da in den vergangenen drei Wochen passiert?

Beispiel individuelle Steigerungen: In Bochum, als die Japanerinnen das Team aus Neuseeland im ersten Gruppenspiel bei mörderischer Mittagshitze mit 2:1 besiegten, rollten sie erstmals ihr großes Transparent auf dem Rasen aus, das mit ihnen durch Deutschland reiste. „Danke an die Fans in aller Welt“. Danke für die Unterstützung eines Landes, das die Folgen einer Erdbeben- und Atomkatastrophe durchleidet.

Die Spiele der japanischen Frauen-Liga mussten daher ausfallen, Torhüterin Ayumi Kaihori hatte wenig Spielpraxis und hielt gegen Neuseeland fürchterlich. Im Finale, in dem sie zwei Elfmeter parierte, kürte eine Jury sie zur Spielerin des Tages. Die nur 1,70 Meter große Kaihori strahlte, als wäre sie Ehrenbürgerin im Land des Lächelns. Eine bescheidende Ehrenbürgerin, die zu ihrer Rolle im Elfmeterschießen sagte: „Mir wurde auch geholfen, die Amerikanerinnen haben ja verschossen.“

Beispiel öffentliche Wahrnehmung: In Augsburg, wo Japan im letzten Gruppenspiel auf England traf, trainierte der Ostasienmeister auf der Bezirkssportanlage Süd. Ein brummiger Hausmeister musste die Treppen zum Keller hinunter gehen und aufschließen, damit die Spielerinnen überhaupt in die Umkleidekabine kamen. Der orange Mannschaftsbus stand neben einem Polizeiwagen einsam auf dem Parkplatz. Kaum jemand schaute zu, als Assistenz-Trainer Satoru Mochizuki die Spielerinnen in drei Staffeln aufstellte und Kopfbälle trainieren ließ.

Eine Viertelstunde später trat Satomi Tanekura aus dem Schatten. Die Medien-Beauftragte des Teams ist noch kleiner als die kleinste Spielerin, man sieht sie erst auf den zweiten Blick, aber man hört sie sofort: „Die Kameras müssen jetzt weg!“ Es sind auch nur zwei, keiner murrt. Ist doch nur Japan.

Nach dem Finale kreischen die Menschen, als die Japanerinnen zum Bus gehen, der immer noch orange ist.

Beispiel taktisches System: Homare Sawa ist die Königin des japanischen Spiels. Jeder sieht ihr die Einzigartigkeit schon an, denn sie ist die einzige Spielerin im blauen Trikot, die ihre Haare lang trägt. Gegen England presst sie Trainer Norio Sasaki zunächst in ein ungewohntes Konzept: Die 32-Jährige muss die englische Spielmacherin bewachen. Es läuft nicht, die Japanerinnen unterliegen 0:2. Erst nachdem ihr der Trainer danach wieder freie Hand gegeben hatte, konnte sie ihr Team bis ins Finale und zum Titel führen.

Das Reich von Sawa

Außerdem ist Sawa eine Torwartplage, mit fünf Treffern ist sie die Torschützenkönigin des Turniers, und den Goldenen Ball für die beste WM-Spielerin erhielt sie ebenfalls. Japan ist das System Sawa. Als nach dem Finale das Gerücht auf der Tribüne Gassi geht, die Königin werde nun abdanken, versichert Coach Sasaki vehement: „Das kann doch nur ein Scherz sein!“

Beispiel Außenseiterrolle : Im Sport sind die neutralen Zuschauer immer für die Kleinen. Die USA erlebten diese Rolle schon einmal selbst, als sie 1980 bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid gegen die übermächtigen Stars aus der Sowjetunion antraten. Die College-Truppe aus den USA schlug den Favoriten, bis heute sprechen die Amerikaner vom „Miracle on Ice“, dem Wunder auf dem Eis.

Japan war bei der WM wie das damalige US-College-Team. Nett, tapfer, aber gegen die US-Girls eigentlich ohne Chance. Deshalb mochte die Menschen im Stadion das Team schon vor dem Anpfiff. Als es dann über sich hinauswuchs, begannen sie, es zu lieben. Und als Torhüterin Kaihori später noch sagte, „wir haben für die von der Katastrophe betroffenen Menschen zu Hause gespielt“, da war es um die Herzen der Deutschen geschehen. Und im Radio lief schon wieder Alphaville.