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Wie beim FC Entenhausen

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Foto: AP

Mönchengladbach. 

Es soll ja Menschen geben, auf die Louis van Gaal immer ein bisschen so wirkt, als komme er gerade aus Entenhausen. Karikaturisten zeichnen den Trainer des FC Bayern bevorzugt als Ente. Vielleicht liegt’s am Gang, vielleicht am stolz aufsteigenden Haarschopf, tatsächlich fühlen sich Menschen beim Anblick des Fußball-Lehrers an die Figuren von Walt Disney erinnert. Und wenn das so ist, dann schlüpfte van Gaal nach dem 3:3 seiner Bayern bei Borussia Mönchengladbach, sicherlich einem der denkwürdigsten Spiele der noch jungen Saison, in die Rolle von Donald Duck.

Den Wutausbruch, der van Gaal nach Spielschluss packte, hätte Donald, Entenhausens notorischer Wüterich, nicht besser hinbekommen. Van Gaal brüllte seine Mannschaft so laut zusammen, dass es durch zwei Türen bis in die Interview-Zone zu hören war. Anschließend, auch das kennt man von der berühmtesten Ente der Welt, war ihm der Ausbruch fast ein bisschen peinlich. „Ich war sehr enttäuscht und ein bisschen böse auf meine Mannschaft“, seufzte van Gaal in einem Tonfall, in dem Donald seine angebetete Daisy nach einer Dummheit um Entschuldigung bittet.

Seit Jahren wird in der Bundesliga jedes Spiel von vorne bis hinten statistisch erfasst. Die 81 Prozent Ballbesitz, die Bayern vor der Pause gegen Gladbach besaß, dürften seit Beginn der Messungen einmalig sein. Der Meister spielte die Borussen, die trotz des frühen 1:0 durch Patrick Herrmann die Hosen gestrichen voll hatten, in Sack und Asche. Das 2:1 zur Pause war für Gladbach gestrunzt, der Ausgleich durch Mario Gomez’ Kopfball und die Führung durch Bastian Schweinsteigers Hackentrick waren überhaupt kein Ausdruck des Klassenunterschieds, der sich da auftat.

Für viele Beobachter war wahrscheinlich Schweinsteigers aufreizend lässig verschossener Elfmeter kurz vor der Pause der Knackpunkt. Das stimmt nur zum Teil: Sicherlich hätte sich Gladbach vom überfälligen 3:1 für die Bayern nicht mehr erholt, und womöglich hätte München die Borussen noch richtig vom Platz geschossen.

Schweinsteigers Fehlschuss alleine erklärt aber nicht, was seinen Trainer van Gaal 45 Minuten später zur Raserei trieb. Er habe, sagte der Coach, als er sich wieder gefangen hatte, seine Mannschaft gewarnt: Gladbach werde umstellen, stürmen, kämpfen. Aber wie schon beim Champions-League-Spiel in Cluj predigte van Gaal tauben Ohren, fünfzehn Minuten später lag sein Team 2:3 hinten, weil Gladbach tatsächlich umgestellt und vor allem endlich die Angst abgelegt hatte.

Erst danach gehörte dieses packende und wechselvolle Spiel wieder den Bayern. Philipp Lahms 3:3 kündigte sich regelrecht an, weil sein Team sich noch einmal in die Form der ersten Halbzeit steigerte, getrieben vom Willen, dieses Spiel wenigstens nicht komplett herzuschenken.

Problemzone Abwehr

Zufrieden war damit trotzdem kein Münchener. Van Gaal tobte, und Uli Hoeneß, Bayerns Dagobert Duck, stapfte kurz angebunden aus dem Gladbacher Borussia-Park, weil er sich die Fragen ersparen wollte, ob seine Fundamental-Kritik an van Gaal etwas mit dem 3:3 zu tun haben könnte.

Hat sie vermutlich nicht. Die tiefere Wahrheit ist eher die, dass die Bayern sich dagegen entschieden haben, vor der Saison den Geldspeicher zu plündern. Mönchengladbach deckte durch die Tore von Marco Reus und Igor de Camargo noch einmal auf, was außerhalb Münchens als Gemeingut gilt: dass Bayern mindestens ein Innen- und ein Außenverteidiger von Format fehlt und dass der Verein Gefahr läuft, seine großen Ziele nicht nur wegen der Ausfälle von Franck Ribery und Arjen Robben zu verpassen. Gefährlich sei die Lage, sagten van Gaal, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und ein halbes Dutzend Spieler.

Da liegen sie wohl richtig. Vielleicht ist es ein kleiner Trost, dass Entenhausen noch andere Geschichten als die schwierige Beziehung zwischen Donald und seinem Onkel Dagobert kennt: Er hätte, sagte Louis van Gaal einige Zeit nach seinem Auftritt als Wüterich, ja vor Rührung weinen können, als er gesehen habe, wie seine Mannschaft nach dem unmöglichen 2:3 noch um das 3:3 gekämpft habe. Ein wenig hat er da gewirkt wie Gustav Gans, der Glücks-Erpel, dem es egal sein kann, wie lange eine Sache holprig anläuft, weil’s am Ende ja doch noch gut ausgeht.