Warum Klinsmann als US-Trainer nicht mehr zu retten war

Als die Ergebnisse in der WM-Qualifikation ausblieben, bekamen die Kritiker Aufwind: Viele Amerikaner hatten den Reformen von Klinsmann nie getraut.

Essen. Jürgen Klinsmann musste sich in den vergangenen fünf Jahren oft erklären. Der Erneuerer aus Deutschland verhalf dem Fußball in den USA zu mehr Popularität – allerdings auch mit zum Teil unpopulären Maßnahmen. Vor allem versuchte er, den im Sport extrem ungeduldigen Amerikanern klarzumachen, dass selbst er, der frühere Weltmeister und Sommermärchenprinz, kein Zauberer ist: Niemand sollte annehmen, dass es realistisch wäre, das Team der USA in absehbarer Zeit zum WM-Titel führen zu können. Er mahnte und predigte, wieder und wieder. Am Dienstag aber schwieg er, obwohl er sicher einiges zu sagen gehabt hätte.

Denn am Tag zuvor hatte er seinen Job verloren.

Klinsmann wird stocksauer sein, so viel lässt sich risikolos behaupten. Der 52-Jährige ist schließlich für einen ausgeprägten Ehrgeiz bekannt, die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland wollte er unbedingt noch schaffen. Doch nach den ersten beiden Gruppenspielen, der 1:2-Heimniederlage gegen Mexiko und dem deutlichen 0:4 in Costa Rica, verloren der US-Fußballverband und die Medien das Vertrauen in den ehemaligen Bundestrainer.

Arena ist der Neue

„Chicago Tribune“ kritisierte, die Mannschaft habe „keine Identität“. Die „L.A. Times“ schrieb, der Glaube an die Wirksamkeit von Klinsmanns ständigen Veränderungen sei verloren gegangen. Bruce Arena, einer seiner Vorgänger, wird nun sein Nachfolger sein.

Hinter den Kulissen hatte es seit Jahren rumort. Es gab Spannungen mit der boomenden Liga, der Major League Soccer, in die extrem reiche Investoren ex­trem viel Geld pumpten. Sie holten alternde Weltstars wie David Beckham, Thierry Henry und Steven Gerrard, auch älter gewordene US-Nationalspieler wie Clint Dempsey und den Ex-Schalker Jermaine Jones. Talenten wurden dadurch Wege zum Aufstieg verbaut. Eine Entwicklung, die Klinsmann missfiel.

Er riet seinen Jungs: Geht nach Europa, setzt euch dort in den großen Klubs durch. Er dachte an die Langzeitwirkung für das Nationalteam. Die Klub-Chefs aber warfen ihm vor, er würde ihre Liga schlecht reden. Und überhaupt: Warum sollten sich die USA an kleineren Nationen orientieren? Amerikaner sind es nicht gewohnt, sich hinten anzustellen – nicht einmal in einem Sport, dem sie früher jahrelang einen ähnlichen Stellenwert zugeordnet hatten wie dem Dosenwurf auf der Kirmes.

Anerkennung in der Heimat

Klinsmann sah sich in Europa nach Spielern mit doppelten Staatsbürgerschaften um – so ist es sein Verdienst, dass Borussia Dortmunds erst 18-jähriges Top-Talent Christian Pulisic nicht für Kroatien, sondern für die USA spielt. Vergeblich rechnete der Trainer mit Dank dafür.

Seit 18 Jahren lebt der Schwabe in Kalifornien, mit seiner amerikanischen Frau Debbie hat er einen 19-jährigen Sohn und eine 14-jährige Tochter. Die USA sind längst auch Jürgen Klinsmanns Zuhause – öffentliche Anerkennung aber bekam er zuletzt nur noch in seiner Heimat.

In diesem Monat erlebte er mehrmals krasse Gegensätze in der Wertschätzung. Der DFB ernannte den 108-maligen Nationalspieler auf dem Bundestag in Erfurt zum Ehrenspielführer – Klinsmann war stolz, weil Angela Merkel die Laudatio hielt. Dann flog er zurück in die USA und wurde nach zwei deprimierenden Niederlagen medial verprügelt.

Auf Einladung der Bundeskanzlerin reiste er noch einmal nach Deutschland, er saß direkt neben ihr beim Abendessen mit dem scheidenden US-Präsidenten Barack Obama. „Ist nicht so gut gelaufen in Costa Rica?“, fragte Obama. „Es lief gar nicht gut, Mr. President“, antwortete Klinsmann. Nur für vier Tage war er danach noch im Amt.

 
 

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