Verbeek knüpft seine Zukunft beim VfL Bochum nicht zwingend an den Aufstieg

Dominik Hamers
Gertjan Verbeek.
Gertjan Verbeek.
Foto: imago
  • Trainer Gertjan Verbeek spricht über die Ursachen der Abschlussschwäche des VfL Bochum sowie die Rolle der erfahrenen VfL-Spieler
  • Das Interview

Vaals. Eine Sache aus der Vorsaison hat die Mannschaft offenbar immer noch verinnerlicht: Die schwache Chancenauswertung. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Gertjan Verbeek: Es ist schwierig, das jetzt konkret zu sagen. Aktuell kommt die Ermüdung dazu, das muss man bedenken. Ob es daran liegt, weiß ich nicht genau, es soll auch keine Ausrede sein. Aber um das sagen zu können, müsste ich mal ein Spiel sehen, in dem die Spieler ausgeruht und fit für 90 Minuten sind. Wenn wir Abschlüsse trainieren, sieht man, dass wir Leute dazugewonnen haben, die Tore machen können. Wir hatten in der letzten Saison einfach zu wenig Leute, die Tore schießen konnten. Da waren wir zu sehr abhängig von Peniel Mlapa und Johannes Wurtz. Jetzt haben wir zusätzlich noch zwei Mittelfeldspieler, die auch treffen können: Kevin Stöger und Thomas Eisfeld.

Ist die schlechte Chancenauswertung eine Kopfsache?

Gertjan Verbeek: Sie kann zu einer Kopfsache werden, wenn man viele Chancen bekommt, aber keine Tore schießt. Die Statistik der letzten Saison sagt, dass wir die viertmeisten Torchancen hatten. Aber wir haben sie eben nicht genutzt. Was das betrifft waren wir nur Mittelmaß. Und das wird dann irgendwann zur Kopfsache. Je länger ein Stürmer nicht trifft, desto mehr ist das in seinem Kopf.

Wie kann man diesem Problem im Training entgegenwirken?

Gertjan Verbeek: Man muss versuchen, die Situationen im Spiel zu trainieren. Und dann braucht man Erfolgserlebnisse. Dann kommt auch das Selbstvertrauen. Und wenn das da ist – das hat man bei Terodde gesehen – dann schießt man auch mal 25 Tore.

Hat die Entspannungsmaßnahme mit Bogenschießen und Tontaubenschießen etwas damit zu tun gehabt? Damit die Spieler fokussiert bleiben?

Gertjan Verbeek: Nein, dabei ging es ausschließlich um ein Teamevent, damit die Spieler mal etwas anderes machen können, als auf dem Fußballplatz zu sein. Später gab es noch ein Barbecue und einen Las-Vegas-Abend mit Pokerspiel und Black Jack. Das war gut organisiert, die Jungs haben Spaß gehabt. Dabei sieht man, wie die Leute miteinander umgehen, wer sich zurückzieht, wer die Leitung übernimmt. Das alles nimmt man mit. Zum Beispiel für Spielergespräche.

Wie haben Sie beim Pokern abgeschnitten?

Gertjan Verbeek: (lacht) Ich habe mir das Spiel nur angeschaut. Ich habe ja leider keine Augen im Rücken. Mir ging es darum, dass ich die Übersicht behalte und überall schaue, wie es läuft. Und es hat mir richtig Spaß gemacht zu sehen, dass die Jungs Spaß hatten.

Wer hat denn gewonnen?

Gertjan Verbeek: Stefano Celozzi beim Pokern und Florian Kraft beim Black Jack.

Bleiben wir bei der Stimmung und der Kommunikation in der Mannschaft. Sie haben daran festgehalten, dass Patrick Fabian Kapitän bleibt. Das ist bemerkenswert, da er so lange verletzt war. Was hat Sie dazu veranlasst?

Gertjan Verbeek: Das hat mit seiner Art zu tun, wie er mit der Mannschaft umgeht. Wie er sich in der Kabine einbringt. Das ist für mich wichtiger, als dass er dem Schiedsrichter die Hand gibt. Er ist der natürliche Leiter der Gruppe. Das ist etwas, das man als Trainer nicht beeinflussen kann, das ist einfach so. Er ist darin gewachsen. Als ich damals kam, war Andreas Luthe Kapitän, er war aber verletzt. Und so wurde Patrick nach vorne geschoben. Er braucht seine Persönlichkeit nicht abzuzwingen, jeder hört auf ihn. Er wird im gesamten Verein respektiert. Mehr als jeder andere Spieler. Das ist keine Disqualifikation gegenüber Manuel Riemann, Tim Hoogland oder Felix Bastians.

Was erwarten Sie allgemein von diesen erfahrenen Spielern in der kommenden Saison mit dem ambitionierten Ziel?

Gertjan Verbeek: Ich habe die Namen, die ich in Bezug auf Patrick Fabian genannt habe, nicht zufällig gewählt. Das sind unsere Leistungsträger. Sie sind die ältesten Spieler in der Mannschaft. Anthony Losilla zähle ich auch dazu. Ich habe Tim Hoogland angesprochen und habe ihn gefragt, ob er seine Karriere in der ersten oder in der zweiten Bundesliga beenden will. Er hat gesagt ‚Natürlich in der ersten’. Und darauf kommt es an. Während des Trainings bin ich der Kapitän. Aber in der Kabine brauchen wir Leute, die alle Spieler mitnehmen. Denn da bekomme ich ja weniger mit.

Welche Überraschungen könnte es in der nächsten Saison mit Blick auf die Aufstellung geben?

Gertjan Verbeek: Wir haben ein Ziel und müssen gemeinsam daran arbeiten. Da kann es immer Leute geben, die frustriert sind, weil sie nicht spielen. Es kann passieren, dass Leute, die in der letzten Saison immer gespielt haben, plötzlich nicht mehr im 18er Kader sind. Das weiß man jetzt aber noch nicht. Aber dann treten wieder die erfahrenen Spieler auf den Plan. Sie müssen diesen Leuten, die enttäuscht sind, in dieser Situation helfen. Denn Frust bringt nichts.

Was machen Sie, wenn es in diesem Jahr nicht klappt mit dem Aufstieg?

Gertjan Verbeek: Das kommt darauf an, woran es dann liegen wird. Nehmen Sie das Beispiel Eintracht Braunschweig. Die spielen so eine gute Saison und verlieren im letzten Spiel gegen Wolfsburg. Dann müsste man aus Sicht des Vereins schauen, was danach möglich ist. Können wir uns noch einmal verbessern? Wer geht hoch, wer kommt runter? Und dann redet man. Mein Vertrag läuft am Ende der Saison aus. Man müsste sich dann im Dezember zusammensetzen und verhandeln. Es liegt dann nicht allein daran, was ich will, sondern auch, was der VfL will. Ich werde zum Ende der Saison dreieinhalb Jahre beim VfL gewesen sein. Damit bin ich in der 2. Liga der Trainer, der am drittlängsten bei seinem Verein ist. Das ist eine ganz gute Leistung, glaube ich. Ich kann aber nicht in die Zukunft gucken.

Auf Seite 2 spricht Verbeek über seine Eindrücke aus dem Trainingslager

Verbeek: „Wir wollen wieder mehr pressen" 

Welchen Eindruck haben Sie im Trainingslager von Ihrer Mannschaft gewonnen?

Gertjan Verbeek: Ich kann sagen, dass die Jungs sehr müde sind. Das ist aber auch normal in einem Trainingslager. Wir haben mit Acht Einheiten pro Woche angefangen, sind dann auf neun gegangen. Mit dem Testspiel gegen St. Gilloise sind es zehn Einheiten gewesen. Der Umfang ist immer größer geworden, wir haben immer mehr gemacht. Wie die Jungs sich angestrengt haben, mit welcher Leidenschaft sie im Trainingslager gearbeitet haben, hat mich zufrieden gemacht. Man sieht auch schon, obwohl ich richtig viel fordere, dass die Leute sich bemühen, das alles hinzubekommen. Wir wollen schließlich zwei Systeme beherrschen. Dann ist das wichtig. Dabei ist für uns ein Vorteil, dass wir nur drei neue Spieler bekommen haben. Man sieht, dass wir weiter sind als letztes Jahr um diese Zeit.

Wie weit ist die Mannschaft aktuell in ihrer Entwicklung?

Gertjan Verbeek: Es formt sich immer mehr. Wir haben zwei richtig gute Gegner gehabt. So kann man seine Spieler immer besser beurteilen. Für mich stellt sich gerade heraus, mit welchen Spielern ich in welcher Formation spiele. Bei einem 4-3-3 werden andere Leute spielen als in einem 3-5-2, weil sie eben unterschiedliche Qualitäten haben. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich bei jedem Systemwechsel gleich sieben Umbesetzungen vornehmen werde. Zwei, drei Spieler kann ich mir dabei schon vorstellen. Aber man weiß auch nie, was passiert, wenn das Verletzungspech wieder zuschlägt.

Welcher Spieler hat sich in der Vorbereitung besonders hervorgetan?

Gertjan Verbeek: Ich finde es schwierig, das zu beurteilen und über einzelne Spieler zu sprechen. Was ich sagen kann, ist, dass sich die drei neuen Spieler sehr schnell angepasst haben. Besonders Danilo Soares, er ist ja am kürzesten dabei. Ich finde auch, dass die meisten Spieler sich in den Ferien richtig gut verhalten haben.

Haben sich alle fitgehalten?

Gertjan Verbeek: Ja, aber Selim Gündüz hat ein wenig zugenommen. Das ist bei ihm allerdings normal, das macht er jedes Mal. Aber er ist so temperamentvoll im Training, dass das schnell wieder runtergeht. Alle haben von mir Hausaufgaben mitbekommen. Ich weiß nicht, ob jeder sie gemacht hat – letztlich ist es die eigene Verantwortung der Spieler, sie zu machen. Aber ja: physisch bin ich mit dem Zustand der Mannschaft einverstanden. Viele Trainer würden sagen: Damit wäre ich absolut zufrieden.

Sie haben zu Beginn der Vorbereitung gesagt, dass an einigen Stellschrauben gedreht werden müsse, um das Ziel Aufstieg zu erreichen. An welchen muss noch gedreht werden?

Gertjan Verbeek: Das ist ein Prozess, der auch während der Saison stattfindet. Wenn wir uns in der Saison nicht weiterentwickeln, werden wir einen Nachteil gegenüber anderen Mannschaften haben, die das schaffen. Dann werden wir eingeholt. Wir reden da über Details. Da geht es um die Zusammenstellung der Mannschaft, die Arbeit, die sie zusammen leistet, dass sich die Spieler besser kennenlernen und dass die Variationen eingeübt werden. Natürlich ist auch die Physis der Spieler eine Stellschraube, an der man drehen kann. Denn wir wollen wieder mehr pressen als letztes Jahr. Dafür hatten wir in der letzten Saison zu viele Probleme in der Defensive. Aber sowohl Dimitrios Diamantakos als auch Lukas Hinterseer haben wir verpflichtet, weil sie in der defensiven Arbeit ihre Leistung bringen können.

Am Donnerstag gab es einen entspannten Tag. Welche weiteren Maßnahmen wird es noch geben, damit die Spieler auf andere Gedanken kommen?

Gertjan Verbeek: Erst einmal sind die beiden Tage nach dem Trainingslager frei. Da sollen die Spieler zu ihren Familien gehen und den Kopf wieder frei bekommen. Am nächsten Wochenende haben wir ein Turnier, da sind wir längere Zeit zusammen. Das ist gut, damit sich die Spieler noch besser kennenlernen.