In Sachen Stadionverbot ist der VfL nun Vorreiter

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Als erster deutscher Fußball-Klub lässt der VfL Bochum künftig eine vom Klub unabhängige Kommission über Stadionverbote entscheiden. Dieser Schritt soll jedoch nichts mit der aktuellen Diskussion über Gewalt in den deutschen Fußballstadien zu tun haben.

Bochum.. Es ist angesichts von 45 Fällen, darunter 15 VfL-Fans, in den letzten drei Jahren sicher kein spezielles Bochumer Problem, aber der VfL bricht als erster deutscher Profiklub die hitzige Debatte um die Gewalt im Fußball mit einer neuen Herangehensweise auf. Formal wird zwar weiterhin der Vorstand über Stadionverbote entscheiden, faktisch aber eine fünfköpfige Kommission, wie Finanzvorstand Ansgar Schwenken betonte: „Wir werden den Empfehlungen grundsätzlich folgen.“

In Bochum wollte man nicht einstimmen in den Chor derjenigen, die immer nur nach mehr Härte schreien, aber keine Lösungen suchen. Den einzelnen Menschen anschauen möchte man und das, was er getan hat oder getan haben soll. Differenzieren, nachvollziehbar und transparent sein in jeder Einzelentscheidung - darum geht es. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, dass diejenigen, die man noch erreichen kann, die lernfähig und einsichtig sind und denen tatsächlich etwas am Erlebnis Fußball liegt, nicht abdriften in eine Ecke, in die sie nicht zwangsläufig gehören. Die notorischen Radaubrüder, denen das Massen-Spektakel Profi-Fußball nur die Bühne und die Gelegenheit bietet, sich auszutoben, sie wird man wohl auch dadurch nicht erreichen.

Nicht die Befugnis eines ordentlichen Gerichts

Prof. Thomas Feltes, Bochumer Kriminologe an der RUB, Mitglied des DFL-Beirats und nun auch Kommissions-Mitglied, hat in Holland diese Formulierung gehört: „Wir strecken die Hand aus.“ Und wenn das nicht funktioniert, dann wird es bei der bestehenden Regelung bleiben, „die Vereine müssen sich ja schützen“. Überhaupt. „Das Ganze steht und fällt mit der Kooperationsbereitschaft der Betroffenen“, so Feltes. Man hat schließlich nicht die Autorität und Befugnis eines ordentlichen Gerichtes. Wer das mögliche Angebot der Kommission, etwa durch gemeinnützige Arbeit als eine Art Gelbe Karte noch einmal um ein Stadionverbot herumzukommen, nicht annimmt, kann nicht dazu gezwungen werden. Es ist lediglich eine Option.

Die Betroffenen haben nun ein Anhörungsrecht und damit einen Anspruch darauf, an den Sitzungen der fünfköpfigen Bochumer Kommission (neben Feltes der ehemalige Stadtdirektor Gerd Kirchhoff, Jugendrichter Frank Gutberger, der stellvertretende Leiter des Jugendamtes Lothar Kessler und Norbert Kern, Bereichsleiter des Sicherheitsdienstes und Ex-Polizist) teilzunehmen, auch in Begleitung. Geht es um Fans anderer Klubs, die in Bochum auffällig geworden sind, will man beim VfL, so gewünscht, die Rechte übertragen, auf eben jenen Heimatklub.

Mehr um das Individuum kümmern

Man will sich in diesem Gremium, das verzahnt ist mit Fan-Projekten, Fan-Betreuern und szenekundigen Beamten, mehr um das Individuum kümmern. Wer ist das, der da losgeschlagen hat? Ein Ersttäter etwa, oder einer, der zuvor jahrelang ruhig und unauffällig seinem Hobby nachgegangen ist und dann plötzlich ausrastet? Ist er ansprechbar und kommunikationswillig oder verstockt, abweisend, uninteressiert, nicht erreichbar?

Das alles soll abgewogen und erörtert werden in den monatlichen Sitzungen der Kommission, die sich vorerst - für ein Jahr - an den DFB-Richtlinien orientiert. Dann will man sehen, wie praktikabel es war. Denn es gibt ja bislang keinerlei Überprüfung der Wirksamkeit von Sanktionen seitens des Verbandes. „Das ist vom DFB nicht evaluiert“, sagt Feltes und man hört unschwer heraus, dass ihm dieser Tatbestand nicht gefällt.

Der VfL will neue Wege gehen

In Bochum will man es anders machen mit diesem Pilotprojekt, will etwas ausprobieren, dann auf seine Wirksamkeit überprüfen und bei Bedarf modifizieren. Jedenfalls soll der Stillstand in dieser schwierigen Thematik überwunden werden. Was sowohl den Fan-Betreuer Dirk „Moppel“ Michalowski als auch Ralf Zänger vom Fan-Projekt begeistert. Zänger macht daraus keinen Hehl: „Wir stoßen auf bundesweites Interesse und können uns glücklich schätzen, hier eine derartige Kommission zu haben.“

 
 

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