Goosen und Sommers über das Derby-Theater

Das Zweitliga-Derby zwischen Bochum und Oberhausen ist im Vergleich zum "großen" Revierderby zwischen Dortmund und Schalke eine Nischenveranstaltung. DerWesten sprach mit dem Bochumer Frank Goosen und mit dem RWO-Vorstandsvorsitzenden Hajo Sommers.

Bochum.. Das Zweitliga-Derby zwischen dem VfL Bochum und Rot-Weiß Oberhausen am Sonntag ist im Vergleich zum "großen" Revierderby zwischen Dortmund und Schalke eine Nischenveranstaltung. Dabei geht es doch für beide Vereine auch um drei Punkte. Drei Punkte für den Aufstieg oder ein Dreier gegen den Abstieg. Von der Meisterschaft spricht bei dem "kleinen" Nachbarschaftsduell niemand. Meisterlich ist nur der Schlagabtausch der beiden Vereinsvertreter. Frank Goosen ist Kabarettist und im Aufsichtsrat an der Castroper Straße in Bochum. Hajo Sommers ist Theaterintendant und RWO-Vorstandsvorsitzender. Wir haben beide Künstler vor dem Derby unabhängig von einander befragt.

Herr Goosen, Herr Sommers, wenn Sie das Derby VfL Bochum gegen Rot-Weiß Oberhausen mit einem Theaterstück umschreiben müsste, von welchem Stück würden Sie dann sprechen – und warum?

Hajo Sommers: Bei Filmen würde mir jetzt einiges einfallen. Bei Theaterstücken eigentlich nur eins: "Ein ungleiches Paar". Geniales Stück, das vor Jahren mit Jack Lemmon und Walter Matthau kongenial verfilmt wurde. Ich sehe uns da in der Rolle von Herrn Matthau: nie Geld, immer leicht schlampig, aber dafür mit dem Hang zur Lebensfreude. Bochum und Jack Lemmon würde auch schön passen: ordentlicher und mit dem Hang nach oben zu wollen. Gemeinsam wäre beiden, dass sie zusammen in einer Liga/Wohngemeinschaft wohnen und umgeben sind von lauter Kollegen, die es angeblich geschafft haben. Ansonsten bietet sich West Side Story an – in der Happy-End-Version.

Frank Goosen: Ich würde es mit dem vergleichen, was Herr Sommers in Oberhausen selber spielt, nämlich der Stripper-Komödie "Ganz oder gar nicht". Alle geben das letzte Hemd und für einen regiert am Ende das nackte Elend.

Was wären Ihre idealen Regieanweisungen für das Derby am Sonntag?

Goosen: Man muss es wohl eher umgekehrt sehen: Welche Traineranweisungen eignen sich für die Bühne? Es gibt da den Titel eines Films über den FC St.Pauli, der bringt es auf den Punkt: „Rausgehen, Warmmachen, Weghauen“. So ungefähr funktionieren jedenfalls meine Bühnenprogramme.

Hajo Sommers: Regieanweisungen gibt bei uns der Trainer und die werden frei nach Hamlet sehr wahrscheinlich lauten: „Rausgehen und weghauen.“

Wenn Sie sich einen Spieler des gegnerischen Vereins als Hauptdarsteller in Ihrem Stück aussuchen dürften, auf wen würde Ihre Wahl fallen?

Hajo Sommers: Da wir in Oberhausen nur ganz kleines Theater spielen, gehe ich mal davon aus, dass wir uns einen Hauptdarsteller aus Bochum gar nicht leisten können. Wir haben allerdings schon zwei, die in Bochum nur Statisten waren und bei uns durchaus zu den 24 Hauptdarstellern gehören. Leider ist Heinrich Schmidtgal zurzeit verletzt, dafür kann Dennis Grote spielen.

Goosen: Es dürfen gerne alle elf am Ende den Heldentod sterben. Natürlich nur bildlich gesprochen.

Woran erinnern Sie sich, wenn ich 6:1 und 3:1 in den Raum werfe?

Goosen: An den 6:1-Sieg gegen Borussia Dortmund in der Saison 1985/86. Und 3:1 gewinnen wir einfach zu oft, als dass ich so ein Ergebnis mit irgend einem Spiel verbinden könnte.

Hajo Sommers: An bessere Zeiten als jetzt gerade und auf dass sie bald wieder kommen mögen.

Sportlich könnte die Ausgangslage für beide Klubs am Sonntag nicht sein. Der VfL will nach oben, RWO nicht nach unten. Wie erreichen ihre Teams diese so unterschiedlichen Ziele?

Goosen: Für beide gilt der alte Schlachtruf von Herne 3: Immer wieder aufstehen, immer wieder sagen, es geht DOCH. Darüber hinaus schlägt RWO Duisburg, Aue und Augsburg, wir putzen dafür Oberhausens Konkurrenten im Abstiegskampf.

Hajo Sommers: Wie die Bochumer ihr Ziel erreichen wollen, ist mir nicht ganz klar. Würde mal sagen, sie werden es spielerisch lösen wollen, weil sie genau das können. Wir sollten, um Erfolg zu haben, Gras fressen, beißen und kämpfen. Also durchaus zwei unterschiedliche theatralische Ansätze.

Vor dem letzten Derby haben Sie sich einen kleinen Schlagabtausch geleistet. Von „Warmduscher“ und „Killer“ war da die Rede. Was fallen vor diesem Derby für harte Worte?

Hajo Sommers: Was? Wir hatten einen Schlagabtausch? Ich würde nie zu Herrn Goosen Warmduscher sagen. Nie! Außer vielleicht wenn er im Aufsichtsratsgremium sitzen würde und ich wäre bei irgendeinem Verein im Alltagsgeschäft des Vorstandes tätig. Ansonsten verbietet meine katholische Erziehung jedwede Form von Abtauschen.

Bochum ist die dritte Kraft im Revier, kommt aber nicht gegen Schalke und Dortmund an. Oberhausen muss sich zudem auch noch mit Duisburg messen. Herr Goosen, was ist die Daseinsberechtigung für RWO und Herr Sommers, warum muss es den VfL Bochum geben?

Hajo Sommers: Weil es bei allem Auf und Nieder ein durchaus sympathischer Verein ist, oder gerade wegen allem Auf und Nieder. Weil es ein altes aber schönes Stadion mit komischem Namen gibt und weil grade die „grauen Mäuse“ in der Regel viel bunter sind als so manch einfarbiger Verein.

Goosen: Ich glaube, beide Vereine beweisen: Geld ist im Fußball viel, aber eben nicht alles. Wenig Geld darf keine Ausrede sein. Jeder Verein hat die Möglichkeit, sich eine strategische Nische zu suchen und dann Vollgas zu geben. Und wenn man es mit so viel Herzblut, Phantasie und Humor macht wie RWO, mit einer ganz klaren Philosophie, die von Spielern und Funktionären glaubhaft verkörpert wird, dann lebt ein kleines Stück Fußball-Romantik weiter.

Neben Frank Goosen beim VfL und Hajo Sommers bei RWO findet „Theater“ und „Kunst“ im Profifußball wenig statt – nachdem zu dieser Saison auch noch St. Paulis Corny Littmann zurückgetreten ist. Wie und wo können Bühne und Sport von einander lernen und profitieren?

Goosen: Fußball ist im Prinzip ein geschlossenes System, eine eigene Welt, in der viele im eigenen Saft schmoren. Einflüsse von außen können da nur gut sein. Beide Sphären eint, um es jetzt mal hochtrabend zu sagen, der performative Charakter ihres Tuns und die ständige kritische Beobachtung durch die Öffentlichkeit. Wobei die im Fußball schon um einiges hysterischer ist. Und was der Fußball mal ganz dringend braucht, ist ein wenig mehr Humor. Außerhalb radikaler Sekten gibt es nur wenig Menschen, die sich so ernst nehmen wie die Leute aus dem Fußball, egal ob Spieler, Trainer, Funktionäre oder Journalisten.

Hajo Sommers: Die, die da Bühne machen, können gerade im Stadion mal sehen wie vielschichtig ein Publikum sein kann. Gilt besonders für die ernste Kunst. Der Sport kann, glaube ich, nichts mehr von der Bühne lernen. Ich sehe da keinen Bereich vom Rasen (schöner Sterben ohne Berührung) bis zu dem ein oder anderem Gremium im Profifußball (Ich bin der King Lear), die nicht großes Theater bieten.

Warum schafft es Fußball im allgemeinen und ein Derby im Speziellen, Menschen so sehr in einen Bann zu ziehen?

Hajo Sommers: Das frag ich mich auch.

Goosen: Es ist immer interessanter, sich mit Nachbarn zu streiten als mit Fremden. Unter der Woche sind wir doch, das haben wir im Kulturhauptstadtjahr gesehen, im Ruhrgebiet ein Kopp, ein Arsch. Wir erkennen uns im Gegenüber oft selbst und mögen nicht, was wir sehen. Das erzeugt eine interessante Reibung, die das Besondere eines Derbys ausmachen.

Wären Sie mit einer freundschaftlichen Punkteteilung am Sonntagmittag zufrieden – auch wenn es beide Vereine nicht wirklich weiterbringt?

Hajo Sommers: Nein!!!!!!!!!! und 3 Punkte für den VfL geht leider auch nicht. Ich will mal wieder entspannt schlafen.

Goosen: Unentschieden sind was für Leute, die lauwarmes Exportbier trinken. Vor einem Spiel darf man nie mit einem Unentschieden zufrieden sein, nicht mal gegen die Bayern. Und mit dem achten Sieg in Folge würden wir einen neuen Vereinsrekord aufstellen. Diese Vorstellung ist einfach zu sexy.

 
 

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