Triumph von Real Madrid: Was Spanien besser macht

Der große Trainer im Moment des großen Triumphes: Zinedine Zidane jubelt mit seinen Real-Profis Modric (l.) und Ramos (r.).
Der große Trainer im Moment des großen Triumphes: Zinedine Zidane jubelt mit seinen Real-Profis Modric (l.) und Ramos (r.).
Foto: dpa
Spanische Klubs haben in diesem Jahrtausend mit Abstand die meisten Europapokale geholt. Was Deutschland ändern müsste? Ungewiss. Ein Kommentar.

In diesem Jahrtausend hat Spanien im Fußball jeden zweiten Europapokal gewonnen. Zehn in der Champions League und neun in der Europa League. Den Erfolg allein auf die Sonderstellung von Real Madrid und FC Barcelona zu reduzieren, wird der Sachlage nicht gerecht.

In der Siegerliste von 38 Wettbewerben seit 2000 stehen ebenfalls: FC Sevilla (fünfmal), Atletico Madrid (dreimal) und FC Valencia (einmal). Dazu die sechs Henkeltöpfe für Real Madrid und die vier für Barcelona. Man muss die Frage also stellen: Was machen die Spanier besser?

Spanien vor England und Deutschland

Dass die Deutschen im selben Zeitraum nur zwei Europapokale holten (und allein Bayern 2001 und 2013), wird gerne mit wirtschaftlichen Nachteilen entschuldigt. Man habe weniger Geld für Spieler. Die Wahrheit ist: Die Bundesliga hat inzwischen einen besseren TV-Vertrag als Spanien.

Den besten Fernsehvertrag in Europa hat, das ist bekannt, die Premier League. Aber auch die Engländer sind international nicht vom Erfolg verwöhnt: Dreimal gewannen ihre Klubs in diesem Jahrtausend jeweils die Champions League und die Europa League. Die Ausbeute: ein Drittel dessen, was Spanien holte.

Steuersparmodelle auf der Grenze zur Legalität

Die Ursachenforschung reicht von der Unterstellung, dass Verteidiger (wie Sergio Ramos) ungeschoren Gegenspieler (wie Mo Salah) vor den Augen des Schiedsrichters die Schulter brechen dürfen, bis zur Verschwörungstheorie, dass Spaniens Dopingsystem wohl kaum die Fußballer ausgelassen hat.

Unbestritten haben die Klubs Steuersparmodelle auf der Grenze zur Legalität errichtet, um Superstars wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi im Land zu halten. Interessante Spieler im Ausland, wir erinnern uns an Ousmane Dembélé, werden offen zum Vertragsbruch angestiftet, damit sie in Spanien anheuern.

Verlass auf Real-Torwart Navas

Das allein erklärt nicht die Dominanz im Europapokal. Zum Beispiel die Kontinuität von Real Madrid, in zwei Endspielen in Folge mit derselben Mannschaft aufzulaufen. Die Nervenstärke gegenüber einem Emporkömmling wie Liverpool, dem im Eifer des Gefechts der Torwart abhanden kommt.

Der eigene Torhüter Keylor Navas stand monatelang in der Kritik. In den entscheidenden Spielen im Halbfinale gegen Bayern und im Finale gegen Liverpool steht er seinen Mann. Seine Rivalen jeweils auf der anderen Spielfeldhälfte, die Deutschen Sven Ulreich und Loris Karius, patzen dagegen.

Rücksichtslosigkeit einer Jahrhundertmannschaft

Fast erscheint Real Madrid wie ein Fels in der Brandung: Die Wellen, die diesmal vom FC Liverpool und im Vorjahr von Juventus Turin gefährlich wirkten, flossen im Endspiel entkräftet zurück in die Weite des Ozeans. Mit 3:1 und 4:1 stellte Real Madrid die Verhältnisse klar.

Man könnte über die Rücksichtslosigkeit dieser Jahrhundertmannschaft und die Attitüde von CR7 lästern. Oder aber: Man könnte die Leistung unter Trainer Zinedine Zidane anerkennen und einfach mal gratulieren. Die haben in Spanien seit Jahren einen verdammt guten Job erledigt.

Zumindest: einen besseren als wir in Deutschland und die Engländer in der Premier League. Was hierzulande geändert werden müsste, um den sportlichen Rückstand gegenüber dem spanischen Klubfußball aufzuholen: ungewiss.

Kroos-Wechsel war Verlust für die Bundesliga

Der FC Bayern hatte vor 2014 alle Trümpfe in der Hand, seinen Mittelfeldstrategen Toni Kroos zu halten und an den Verein zu binden. Entweder mangelte es an Vertrauen oder an Großzügigkeit. Jedenfalls: Bei Real Madrid stieg der Weltmeister zur Legende auf — und nicht bei Bayern.

Da hat Bayern, ganz ohne Zweifel, geschlafen und lieber über Financial Fairplay philosophiert, als die Größe in den eigenen Reihen zu erkennen und zu fördern. Toni Kroos kann darüber lachen. Die Bundesliga muss über den Verlust nachdenklich werden.

Immer wird Geld als Ausweg genannt. Wie wäre es mit: Trainerausbildung. Oder mit: Förderung von Kreativität in den Nachwuchsleistungszentren. Oder auch mit: gerechtere Geldverteilung in der Bundesliga, damit die Mittelklasse in Qualität statt Überleben investieren kann.

Selten war deutsche Europacup-Bilanz schlechter

Stattdessen diskutieren wir seit einem Jahr über Sinn und Nutzen des Videobeweises, über Schiedsrichter im Kölner Keller, Pyrotechnik auf den Rängen und Helene Fischer im Pokalfinale. Und nicht über: Fußball — und wie man ihn besser macht.

Was nämlich nach jeder Wahrscheinlichkeitsberechnung sicher ist: Mit der Durchschnittlichkeit in der abgelaufenen Saison wird die Bundesliga jenseits vom FC Bayern international keinen Blumentopf gewinnen können. Selten war die deutsche Europacup-Bilanz schlechter.

Womöglich fallen einem Autoren diese offenen Worte in einem Jahr, falls Schalke 04 und Borussia Dortmund in der Champions League reüssieren, auf die Füße. Das aber, ganz ehrlich, wäre erstens eine Überraschung und zweitens eine angenehme.

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