Schweinsteiger vor seinem 100. Spiel im Nationaltrikot

Frank Lamers
Bastian Schweinsteiger hat eine beeindruckende Entwicklung genommen. Nun steht der tatsächlich schon 29-Jährige vor seinem 100. Länderspiel für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Wichtiger ist aber das 99., weil möglichst schon am Freitagabend gegen Irland der Sprung zur WM in Brasilien geschafft werden soll.

Düsseldorf. Dass aus dem Jüngling ein Mann geworden ist, war selten zuvor so offensichtlich wie am Dienstag, als Bastian Schweinsteiger sich in den Rudas-Studios des Düsseldorfer Medienhafens den Fragen zum 100. stellte. Unter der hohen Decke aus kleinen Spiegeln geformte Discokugeln. Das Licht gedämpft, als hätte sich das Publikum schon zur Mittagsstunde eingefunden, um auf die Musik, um auf den nächtlichen Live-Act zu warten. Und auf dem Podium dieses für eine Veranstaltung des ansonsten doch eher konservativen Deutschen Fußball-Bundes seltsamen Ortes: Schweinsteiger, ein etwas müde wirkender Fußballer weltbekannter Extraklasse, der seine Sprache zügelt, der seine Körpersprache im Griff hat, der wirkt wie ein Minister, der das Ressort Sport bewirtschaftet.

Diese Entwicklung war nicht vorhersehbar, weil Schweinsteiger in den Jahren des Aufbruchs nur selten nicht im Verniedlichungsmodus Basti gerufen wurde. Oder Schweini. Und noch seltener ist es wohl vorgekommen, dass er allein auftauchte. Schweini und Poldi, das waren schließlich die Racker, die damals genau so noch in den Kinderschuhen steckten wie dieser ganze neue deutsche Fußball. Lukas Podolski hat aber mittlerweile 111 Einsätze für die Nationalelf hinter sich gebracht. Und Schweinsteiger, der anders als der verletzte alte Kumpan das so wichtige WM-Qualifikationsspiel gegen Irland am Freitagabend in Köln (20.45 Uhr, live in unserem Ticker) bestreiten kann, nähert sich der Marke 100 in zwei Schritten. Köln: 99. Und dann, am folgenden Dienstag, Schweden, Stockholm: 100.

Zwei Weltmeister- und drei Europameisterschaften

Es könnten viel mehr Spiele sein, weil Schweinsteiger zu den früh Berufenen und den immer herbei Gesehnten zählt. 2004 feierte er bei einer Niederlage gegen Ungarn in Kaiserslautern sein Debüt. Danach spielte er bei zwei Weltmeisterschaften und drei Europameisterschaften. In den vergangenen Jahren jedoch quälten, bremsten ihn häufig Verletzungen. 2013 streifte der jetzt tatsächlich schon 29-Jährige sogar erst ein einziges Mal das schwarz-weiße Trikot über. Wenn möglichst schon gegen Irland der Weg zur WM nach Brasilien, zur nächsten und vielleicht bereits letzten Titel-Chance frei geräumt werden soll, kann Schweinsteiger aber dabei sein. Gesund dabei sein.

In der Bundesliga-Begegnung mit Schalke, sagt er leise lächelnd, habe er das erste Mal „wieder das Gefühl gehabt, dass ich ein vollständiges Sprunggelenk habe“. Diese für ihn zu kleine Zahl, diese 100, sagt er bedächtig, „das ist eine Zahl, die mich ein bisschen auch mit Stolz erfüllt“. Ein einziges Mal aber leuchtet er unter den Discokugeln richtig auf, der Schweini von letztens, dieser vom Ursprung her begnadete und später kultivierte bayerische Wiesn-Kicker. Als er über die Iren spricht, so, wie er bei der WM 2010 über die Argentinier gesprochen hat, voll von praller Vorfreude ungezwungen im Außenbezirk des beim nationalen Ensemble sprachlich angeratenen Territoriums herum spazierend: „Das ist eine Mannschaft, die unermüdlich kämpft für ihr Vaterland! Diese Spieler haben ihr Herz am rechten Fleck!“

Der Stratege im Mittelfeld

Könnte Spaß machen, die wegzuhauen, wegen der überragenden Bedeutung sogar mehr Spaß als damals das Weghauen der Waliser. 2007 war das, in Cardiff. Schweinsteiger wurde in Abwesenheit des Capitanos Michael Ballack von Bundestrainer Joachim Löw erstmals in die Zentrale beordert und tobte sich darin mächtig aus. Danach konnte niemand mehr bestreiten: Diese Rolle ist für ihn geschrieben worden. Erst im März 2010 folgte die feste Installation an der Seite von Ballack. Doch schon zwei Monate darauf im gleichen Jahr war er dann wegen der schlimmen Capitano-Verletzung der von Löw zum „emotionalen Anführer“ erkorene Stratege im Mittelfeld.

Das ist ein dem Ego schmeichelndes Pöstchen im Fußball. Generell hat Teammanager Oliver Bierhoff Schweinsteiger aber gerade an die drängende Jugend erinnert: „Er weiß, dass der Konkurrenzkampf im Mittelfeld groß ist.“ Und bei den Bayern hat Trainer Pep Guardiola dem Langzeit-Weggefährten Philipp Lahm den Solopart vor der Abwehrkette übertragen und den Bald-Jubilar noch ein paar Rasenhalme weiter nach vorne geschoben, als er es in der Königsklassen-Triumph-Saison unter Jupp Heynckes war. Bedeutet für die Nationalelf? Aktuell, auf dem letzten Wegstück: mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit gar nix.