Was Kapitän Benedikt Höwedes zum Verbleib auf Schalke bewegte

"Ich hätte einfach ein ungutes Gefühl gehabt, wenn ich jetzt gegangen wäre": Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes.
"Ich hätte einfach ein ungutes Gefühl gehabt, wenn ich jetzt gegangen wäre": Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes.
Foto: Imago
Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes im Interview über das Dasein als Weltmeister, seine Zukunft und die neue Dynamik unter Trainer André Breitenreiter.

Velden.. Vor einem Jahr ist er gerade als Weltmeister aus Brasilien zurück nach Hause gekommen - am Mittwoch war die Reise eine Nummer kleiner: Der FC Schalke 04 verließ das Trainingslager in Velden am Wörthersee. Benedikt Höwedes (27) war mit dabei, obwohl er nach seiner Knöchelverletzung noch gar nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. Aber er wollte als Kapitän Flagge zeigen beim Schalker Neuanfang. Was er plant und sich erhofft, verriet der Weltmeister in Velden im Gespräch mit dieser Redaktion.

Herr Höwedes, haben Sie in dieser Woche auch noch mal wehmütig an das WM-Finale vor einem Jahr gedacht?

Benedikt Höwedes: Eigentlich gar nicht. Lustigerweise haben mich meine Eltern daran erinnert, dass das Finale jetzt noch einmal im Fernsehen gezeigt wurde. Aber ich habe es mir nicht angesehen. Ich habe das Endspiel gegen Argentinien überhaupt noch nie komplett gesehen.

Wie bitte? Sie werden Weltmeister, treffen im Endspiel den Pfosten und gucken es sich danach nicht mehr an?

Höwedes: Richtig. Ich habe mir vorgenommen, dass ich das erst in zehn Jahren machen werde. Man verbindet so tolle Momente mit dem Tag des Endspiels - auch an meinen Kopfball gegen den Pfosten denke ich oft, weil ich von anderen daran erinnert werde. Aber ich glaube, die Freude wird umso größer sein, wenn ich mir das erst in ein paar Jahren noch einmal komplett ansehe. Die einzigen Bilder, die ich vom Finale bisher gesehen habe, waren die Ausschnitte bei der Kino-Premiere des WM-Films im vergangenen November in Berlin. Da habe ich gedacht: Krass - ich wusste gar nicht, dass die Argentinier so viele Torchancen hatten.

Woran merken Sie heute im täglichen Leben, dass Sie Weltmeister sind? Kriegen Sie Ihre Brötchen beim Bäcker umsonst?

Höwedes: Das gerade nicht (lächelt), aber man wird häufig angesprochen. Auch jetzt im Schalker Trainingslager in Österreich sind Leute gekommen, die einem einfach nur die Hand schütteln wollen oder die sagen: Ich möchte bitte einmal ein Foto mit einem Weltmeister machen.

Mit Bastian Schweinsteiger ist jetzt einer der WM-Helden nach England gewechselt. Das hätten Sie auch tun können.

Höwedes: Für Basti freue ich mich, dass er noch einmal einen neuen Schritt gewagt und mit Manchester einen Riesen-Klub gefunden hat, bei dem er andere Reize spüren kann. Ich habe mich bewusst für Schalke entschieden, weil ich meinen Klub nach so vielen tollen Jahren nicht nach so einer schlechten Saison verlassen wollte. Ich wollte nicht, dass man dieses schlechte Jahr so in Erinnerung behält.

Haben Sie sehr mit sich gerungen?

Höwedes: Klar. Ich hatte interessante und wahrscheinlich auch lukrative Angebote und habe mich intensiv mit dem Gedanken beschäftigt, woanders hinzugehen, da mich eine ausländische Liga mit all den neuen Erfahrungen einfach reizen würde. Aber ich hätte einfach ein ungutes Gefühl gehabt, wenn ich jetzt gegangen wäre.

Man hat den Eindruck, dass Sie auch wegen dem neuen Trainer André Breitenreiter geblieben sind.

Höwedes: Das war auf jeden Fall ein ausschlaggebender Punkt. Die Gespräche mit André Breitenreiter haben mich bestärkt, hier zu bleiben: Er hat mir aufgezeigt, wie er eine Mannschaft führen und wie er spielen lassen möchte. Das war beeindruckend, und da möchte ich gerne ein Teil von sein. André hat richtig Bock auf diese Nummer mit Schalke.

Breitenreiter strahlt positive Dinge wie Begeisterung und Freude aus. Hilft das bei der Arbeit?

Höwedes: Das ist doch in jedem Beruf so: Wenn man Spaß bei der Arbeit hat, entwickelt man sich schneller weiter.

Kann so eine Freude auch Fesseln lösen?

Höwedes: Wir waren in der vergangenen Saison in einem negativen Strudel, und mit Sicherheit kann Spaß bei der Arbeit nun auch Fesseln lösen. Spaß gehört dazu, aber jeder muss auch den eigenen Antrieb haben, alles für den Erfolg zu tun.

Leon Goretzka sagt, es habe in der Mannschaft “klick” gemacht. Gibt es dieses Gefühl: So etwas wie im letzten Jahr darf nicht mehr passieren?

Höwedes: Ich glaube, jeder Einzelne war mit der vergangenen Saison unzufrieden und hat sich hoffentlich auch hinterfragt: Habe ich alles getan für den Erfolg? Was kann ich besser machen?

Wie stellen Sie sich den Fußball von Schalke in der kommenden Saison vor?

Höwedes: Ich möchte ein leidenschaftlich kämpfendes Team auf dem Platz sehen. Unser A-Jugend-Trainer Norbert Elgert hat früher immer gesagt: totaler Einsatz aller Mitspieler. Und ich möchte, dass die Zuschauer selbst nach einem Fehlpass oder einem Gegentor das Gefühl haben: Da sind Jungs auf dem Platz, die Bock auf die Sache haben und die gemeinsam für den Erfolg kämpfen. Ich möchte, dass wir einen begeisternden Fußball spielen, und André Breitenreiter will ja auch offensiv spielen, möchte Pressing-Situationen erzeugen, damit wir einen kurzen Weg zum Tor haben.

Der Verein will für die neue Saison keinen konkreten Tabellenplatz als Ziel ausgeben, sondern verlangt einfach nur einen anderen Fußball. Richtig?

Höwedes: Wir haben nach der letzten Saison gesehen: Es geht primär um andere Dinge. Erfolg kann sich dann daraus entwickeln. So habe ich es jedenfalls bei allen Mannschaften erlebt, mit denen ich Titel geholt habe: ob in der Schalker A-Jugend, ob bei der U21-Europameisterschaft oder bei der Weltmeisterschaft vor einem Jahr. Wenn man einmal ins Rollen kommt, baut sich ein Gefühl auf, dass man unschlagbar ist. Dieses Gefühl möchte ich wieder haben. Wir werden auch dann nicht jedes Spiel gewinnen. Aber wenn dieses Gefühl vom ganzen Team getragen wird, schweißt es zusammen und bringt Erfolg.

Schalke hat eine sehr junge Mannschaft mit dem Vorteil: Da ist viel Entwicklung möglich. Und dem Nachteil: Es könnte Erfahrung fehlen. Brauchen Sie noch Verstärkung?

Höwedes: Ich denke, das könnte durchaus sinnvoll sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch ein Stück Erfahrung und Ruhe auf dem Platz ausstrahlen müssen - da tun uns auch etwas ältere Spieler gut. Ich würde so etwas nicht fordern, da es nicht meine Verantwortung ist,den Kader zusammenzustellen, aber vielleicht passiert ja noch etwas.

Höwedes kann sich Rentenvertrag auf Schalke vorstellen: "Bin nicht ganz abgeneigt"

Vor einem Jahr wurden Sie Weltmeister, dieses Jahr haben Sie geheiratet. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Was kommt in einem Jahr?

Höwedes: Da bin ich ganz entspannt. Jeder weiß um meine Verbundenheit zu diesem Verein. In mir schlummert aber mit Sicherheit immer noch der Gedanke, irgendwann einen neuen Schritt zu machen. Ob und wann der tatsächlich kommt, kann ich wirklich nicht sagen - vielleicht kommt er auch gar nicht.

Horst Heldt will mit Ihnen über einen Rentenvertrag reden. Geht es dabei wirklich um einen Vertrag auf Lebenszeit?

Höwedes: Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich werde mir Zeit lassen, bin aber mit Sicherheit nicht ganz abgeneigt. Dass ich mich jetzt für Schalke entschieden habe, wurde mir hoch angerechnet - ich habe unheimlich viel positives Feedback dafür bekommen. Ich bin ein Kind aus dem Pott und möchte hier noch ein bisschen etwas vorantreiben.

Wenn Sie bleiben, könnten Sie auf Schalke für etwas sehr Nachhaltiges sorgen.

Höwedes: Natürlich mag das auch ein Zeichen sein, dass man sich zu diesem Verein bekennt. Gerade nach einem schlechten Jahr. Es wäre ein leichtes gewesen, sich vom Hof zu machen, aber genau das wollte ich nicht.

Würden Sie es als Kompliment empfinden, wenn man irgendwann sagen würde: Benedikt Höwedes ist der Charly Körbel von Schalke?

Höwedes: Ich weiß nicht, ob das primär mein Ziel ist. Ich möchte vieles gerne mit Schalke erreichen, und da entwickelt sich natürlich auch im Laufe der Jahre ein gewisser Status. Aber ob das darauf hinausläuft, kann heute noch niemand genau wissen.

 
 

EURE FAVORITEN