Essen

Video-Chaos: Für 80 Prozent Gerechtigkeit ist der Preis zu hoch

Sorgte während des Schalke-Spiels in Wolfsburg für Verwirrung: Schiedsrichter Patrick Ittrich.
Sorgte während des Schalke-Spiels in Wolfsburg für Verwirrung: Schiedsrichter Patrick Ittrich.
Foto: firo

Essen. Zweimal habe ich mich beim Videobeweis bequatschen lassen. Vorher hatte ich meine ablehnende Haltung für unverhandelbar erklärt. Finger weg von technischem Schnickschnack! Lasst den Fußball, wie er ist. Das Unbestimmbare während eines Spiels. Die Fehlleistung der Schiedsrichter. Die Aufregung über unberechtigte Elfmeter und Platzverweise. Das Anarchische.

Dann aber traf ich den ehemaligen WM-Schiedsrichter Hellmut Krug vor über einem Jahr in Frankfurt. Er war damals Projektleiter für den Video-Assistenten in der Bundesliga. Ich kannte ihn seit über zwei Jahrzehnten und hatte ein Urvertrauen, dass er nur das Beste für den Fußball will. Seelenruhig erzählte er von den Testphasen. Der technischen Entwicklung. Den Vorteilen.

Als er freimütig einräumte, dass nicht alle Schiedsrichterfehler mit dem Videobeweis vermieden werden, aber immerhin 80 Prozent, hatte er mich. Lieber vier Fünftel Gerechtigkeit als gar keine, dachte ich. Außerdem: Die Aufrichtigkeit, dass sogar dem Videobeweis bei der Aufklärung strittiger Szenen Grenzen gesetzt sind, erzwang eine gewisse Sympathie.

Letztlich überzeugte mich das Versprechen, dass nur die Szenen korrigiert werden, bei denen eine glasklare und nicht nur eine vermutliche Fehlentscheidung vorliegt. Wer kann etwas dagegen haben, dass ein Fußballspiel einen korrekten Ausgang erfährt? Im Straßenverkehr lässt man ja auch Tatsachen entscheiden und nicht das Bauchgefühl eines Ordnungshüters.

Heute muss ich gestehen: Die Sichtweise war naiv. Die Saison 2017/18 stolperte von einem Sonderfall zum nächsten, zum Beispiel beim BVB-Heimspiel gegen Köln, als geklärt werden musste, ob der Ball vor oder nach dem Schiri-Pfiff die Torlinie überquert hatte. Der Videobeweis führte zu Unzulänglichkeiten, die es vorher nicht gegeben hatte. Der VAR ergab keinen Sinn.

Dann ließ ich mich ein weiteres Mal auf Diskussionen ein. Diesmal bei Lutz Michael Fröhlich, dem Krug-Nachfolger. Auch er: sehr aufrichtig, sehr umtriebig, sehr beflissen. Aus dem Stegreif zählte er die Verbesserungen in der Rückrunde auf, die Reduzierung auf Hilfestellung statt Detektivarbeit im Kölner Keller, wo die Video-Assistenten die strittenen Szenen live begutachten.

Die WM 2018 gab ihm recht: In Russland funktionierte der Videobeweis endlich, wie man sich ein Hilfsmittel vorstellt. Das Tool war nicht mehr Selbstzweck, sondern eine Absicherung: Wenn etwas Gravierendes auf dem Rasen schiefläuft, bekommt der Schiedsrichter über Sprechfunk einen angemessenen Hinweis, und die Situation wird aufgeklärt.

Es war wohltuend, wie wenig der Videobeweis die Fußball-WM diktierte. Und das, obwohl die Schiedsrichter aus allen Ecken der Welt kamen, zum ersten Mal und ohne langfristige Übungseinheiten miteinander arbeiteten. Wie sagte Fröhlich zu mir: Die WM könne der Bundesliga in Deutschland Impulse geben.

Dann kam der erste Spieltag. Die neue Saison 2018/19. Am Freitag das angebliche Foul an Franck Ribery. Der wiederholte Elfmeter. Die übermäßig vielen Eingriffe der Video-Assistenten am Samstag. Zugegeben, es gibt für jede einzelne Intervention eine Erklärung. Eine Entschuldigung. Aber ganz ehrlich: Ich als Fußballfan habe es satt.

Bei jedem Tor warte ich nur darauf, dass der VAR eingreift. Dass der Schiedsrichter sich ans Ohr greift, um zu signalisieren, dass er den Videobeweis bemüht, oder an den Monitor am Spielfeldrand läuft, um sich ein eigenes Bild von der umstrittenen Szene zu machen. Jede spontane Freude über ein Tor verfliegt in der Sekunde, wenn man Zweifel hegt.

Ist das mehr Gerechtigkeit? Vielleicht. Aber Fußball macht so keinen Spaß. Offenbar bekommen Bundesliga-Schiedsrichter, die nicht einmal mit eigenen Augen die Ribery-Szene bewerten können (Bastian Dankert), ihren Doppelpass mit dem VAR in Köln nicht hin. Das Niveau an Schiedsrichtern und an Zusammenarbeit ist zu schwach.

Es ist kein Zufall, dass der Weltverband Fifa die Deutschen kein zweites WM-Spiel hat pfeifen lassen. Auch im Vorrundenspiel zwischen Schweiz und Serbien gelang Felix Brych, und er ist einer der besten in Deutschland, nicht die rechtzeitige Entschlüsselung einer offenbar eindeutigen Foulszene im Strafraum. Die Misere mit dem Videobeweis ist eine deutsche: Wir kriegen es nicht hin.

Das ist nicht schlimm. Aber wir sollten uns dann nicht vorgaukeln, dass wir besonders fortschrittlich und exakt mit dem Videobeweis umgehen. Der Preis, den wir für 80 Prozent Gerechtigkeit zahlen, ist einfach zu hoch. Der Videobeweis macht in dieser Form den Fußball kaputt. Ich hätte mich nicht bequatschen lassen sollen.

In meiner Enttäuschung habe ich der Deutschen Fußball-Liga am Samstagabend eine SMS geschickt und um die Rekrutierung der WM-VAR aus Botswana und Bangladesch gebeten. Die können das. Aber es wird etwas anderes passieren. Man wird uns wieder Besserung geloben, Erklärungen liefern, Ausreden anhäufen. So wie immer. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Diskutieren Sie mit Pit Gottschalk bei Twitter

 
 

EURE FAVORITEN