Tönnies will Schalke „nicht als Sparverein“ führen

„Wir werden investieren, was nötig ist, um oben mitspielen zu können.“ Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hält auf Schalke weiterhin die sportlichen Ambitionen im Auge
„Wir werden investieren, was nötig ist, um oben mitspielen zu können.“ Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hält auf Schalke weiterhin die sportlichen Ambitionen im Auge
Foto: Patrik Stollarz/AFP
Nach dem Beinahe-Kollaps hat Schalke 04 seine Schulden deutlich reduziert, aber eine extrem teure Mannschaft. Im SID-Interview äußert sich Aufsichtsratschef Clemens Tönnies zur finanziellen Situation, dem ewigen Traum von der Meisterschaft und dem enteilten Rivalen Borussia Dortmund.

Gelsenkirchen. Herr Tönnies, in der Europa League droht Schalke 04 das Aus, aber die Rückkehr in die Champions League steht bevor. Freuen Sie sich schon auf die zusätzlichen Einnahmen?

Clemens Tönnies: Fragen Sie mich das als Ostwestfalen oder als Schalker?

Beides.

Tönnies: Der Ostwestfale sagt: Jeder Euro ist wichtig. Deswegen habe ich auch den Daumen auf dem Geld. Als Schalker sage ich: Es geht auch um die sportliche Attraktivität. Mit der Champions League sind wir für jeden Spieler natürlich erheblich attraktiver.

Ist es schwer, den Mittelweg zwischen dem Ostwestfalen und dem Schalker zu finden?

Tönnies: Nein, ich muss Gott sei Dank bei meinen Autofahrten nach Gelsenkirchen über das Kamener Kreuz fahren. Dort lege ich jeweils den Hebel wieder um.

Sollen die Zusatz-Millionen denn in die wirtschaftliche Konsolidierung oder in die Mannschaft gehen?

Tönnies: Wir legen jeden Cent zurück, den wir sinnvoll zurücklegen können. Aber es geht nicht auf Biegen und Brechen.

Wie schnell müssen Sie von den horrenden Personalkosten von 94,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr herunterkommen?

Tönnies: Natürlich haben wir einen zu teuren Personalkostenbereich. Ich nenne bewusst keine Zahlen, aber wir haben klare Vorgaben. Wir wollen uns auf der anderen Seite auch nicht kaputt sparen. Wir werden investieren, was nötig ist, um oben mitspielen zu können. Und mit der Konsolidierung sind wir ja schon ein gutes Stück weit gekommen.

In der Politik reden alle über die Schuldenbremse. Wann wirkt sie auf Schalke?

Tönnies: Wir können von einer Schuldenvollbremsung reden. Wir sind von über 230 Millionen Euro runter auf 163 Millionen Euro Gesamtverbindlichkeiten im Verein. 2017, 2018 werden wir die Veltins-Arena abbezahlt haben, die aktuell noch erheblich zu Buche schlägt. Wir entschulden uns kontinuierlich weiter.

Wann ist Schalke schuldenfrei?

Tönnies: Ich weiß nicht, ob Schalke schuldenfrei sein muss. Wir sind auf dem Weg, eine sehr gesunde Relation zwischen den Verbindlichkeiten und den geschaffenen Werten zu finden. Für eine sehr gute Jugendarbeit würden wir sogar gerne noch ein paar Schulden in Kauf nehmen, wenn wir dadurch sehr gute Aktiva hätten. Wir haben nicht das Ziel, diesen Verein als ein hochlukratives Unternehmen oder als einen Sparverein zu führen. Wir werden ebenso reinvestieren: in das Vereinsgelände im Berger Feld, in die Jugendarbeit. Das sind Investitionen in die Zukunft.

Aber Sie geben das Geld nicht mehr aus, um teure Stars zu holen.

Tönnies: Warum sollen wir uns nicht einen teuren Star irgendwann in der Zukunft leisten? Aber nicht auf Biegen und Brechen, sondern nur wenn es finanziell passt und sportlich sinnvoll ist.

Gilt das auch für die Stars, die hier sind?

Tönnies: Wir wollen Leistungsträger halten. Wir haben entsprechend gute Angebote gemacht. Der Ball liegt jetzt jeweils bei den Spielern. Ich bin ganz guter Dinge, dass uns die wichtigen Leistungsträger auch erhalten bleiben.

Aber wie wollen Sie dann die Verbindlichkeiten weiter reduzieren?

Tönnies: Wir befinden uns in einer Konsolidierungsphase, die wir weiter fortsetzen. Wir werden vielleicht nicht mehr in so rasantem Tempo entschulden. Wenn man die Werte, also das Stadion, das Berger Feld mit dem Trainingsgelände und die Mannschaft, zu den genannten 163 Millionen Euro in Relation setzt, dann liegen die Verbindlichkeiten höchstens bei 50 Prozent. Das ist ganz gesund.

Als vor drei Jahren Felix Magath antrat, betrug der Personaletat 70 Millionen Euro, schon damals sollte angesichts der finanziell brenzligen Situation konsolidiert werden. Was ist schiefgelaufen?

Tönnies: Der Erfolg des ersten Jahres hat den damaligen Konsolidierungsprozess unterbrochen. Im zweiten Jahr haben wir geglaubt, dass es richtig ist durchzustarten. Dann hat sich der Erfolg zumindest in der Liga nicht eingestellt. Aber wir haben uns ja nicht weiter verschuldet. Wir haben die Kosten schon abgeschmolzen.

Ist nach der Erfahrung mit Felix Magath das Thema Meisterschaft erledigt?

Tönnies: Man muss diesen Prachtverein Schalke 04 verstehen. Ich glaube, dass wir uns mit dieser emotionalen Vorgabe, endlich einmal wieder die Meisterschaft gewinnen zu wollen, in den vergangenen Jahren einen Mühlstein um den Hals gehängt haben. Wir haben jetzt andere Ziele. Natürlich kann jeder in der Mannschaft von der Meisterschaft träumen, aber wir arbeiten vernünftig im Team am großen Ganzen - irgendwann kommt dann die Meisterschaft.

Zwangsläufig?

Tönnies: Ja, davon bin ich überzeugt. Schauen Sie sich allein unsere jungen Talente an, da wächst etwas heran. Schauen Sie sich an, was für eine Atmosphäre im und um den Verein Schalke seit einiger Zeit herrscht: Der eine ist wieder für den anderen da. Es wird nicht morgen oder übermorgen passieren, aber wir verbessern uns permanent. Und Bayern oder Dortmund werden zwangsläufig nicht immer Meister.

Was hat der Erzrivale Borussia Dortmund in den letzten Jahren besser gemacht?

Tönnies: Sie haben in ihrer Personalpolitik, in ihrer Nachwuchsarbeit einfach ein gutes Händchen gehabt. Das haben wir aber inzwischen auch wieder. So weit sind wir nicht auseinander.

Wo steht Schalke derzeit in Fußball-Deutschland?

Tönnies: Unter den ersten Dreien. Wir sind der zweitgrößte Verein, auch wenn Dortmund das ein bisschen bezweifelt. Ich zähle die Mitglieder, da sind wir bei 109.000, Bayern hat 160.000.

Manager Horst Heldt und Trainer Huub Stevens stehen wesentlich für die jüngste Entwicklung. Beide besitzen einen Vertrag bis 2013. Wann verlängern Sie?

Tönnies: Wir sind mit beiden hochzufrieden. Horst Heldt gehört nach Schalke, ich arbeite unheimlich gerne mit ihm. Wir sind mittlerweile sehr eng befreundet und arbeiten vertrauensvoll zusammen. Deswegen gehört er hierher, egal wann wir den Vertrag verlängern.

Und Huub Stevens?

Tönnies: Huub hat sich unheimlich positiv entwickelt. Er ist ein ganz anderer als der, den ich bis 2001 kannte. Er ist natürlich ehrgeizig, aber im Umgang mit den Jungs und auch mit den Gremien viel souveräner geworden. Das tut uns gut.

Sie wirken unheimlich zufrieden. Sind Sie das?

Tönnies: Ja. Wenn ich merke, es fehlt die Ernsthaftigkeit, fange ich an nachzuhaken. Aber dafür habe ich keinen Grund. Ich habe einen Spruch: Es ist verboten, jemandem ohne Grund den Tag zu versauen. Das lebe ich auch. Ich habe derzeit überhaupt keinen Grund für schlechte Laune.

Ist es auch ein gewisses Aufatmen, weil der polarisierende Machtmensch Felix Magath nicht mehr hier ist?

Tönnies: Ich habe auf der letzten Jahreshauptversammlung gesagt: Wir müssen wieder eins werden. Das sind wir geworden. Den Aufruf hat jeder verstanden. Wir dürfen uns nie wieder auseinanderdividieren lassen.

 
 

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