Timo Werner vor Spiel beim FC Schalke 04: „Mit den Pfiffen muss ich leben“

Timo Werner.
Timo Werner.
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Leipzig.  Man kann es ihm nicht ersparen: Schnell kommt das Gespräch auf Dezember 2016, als Timo Werners Sturz im Schalker Strafraum als Schwalbe enttarnt wurde. Am Samstag (18.30 Uhr) tritt der 21 Jahre alte Nationalspieler mit RB Leipzig in der Schalker Arena zum Auftakt der Bundesliga-Saison wieder gegen Königsblau an.

Herr Werner, Schalkes Johannes Geis hat erklärt, man solle Sie endlich in Ruhe lassen. Die Anfeindungen nach Ihrer Schwalbe beim 2:1-Sieg in Leipzig aus dem Dezember 2016 könnten einen Spieler auch kaputt machen. Stimmen Sie ihm zu?

Timo Werner: Das ist eine schöne Geste von ihm. Aber auch ohne seine Worte ist es an der Zeit, diese Geschichte beiseite zu schieben. Das ist jetzt bereits ein Dreivierteljahr her. Wahrscheinlich wird es Samstag ein paar Pfiffe gegen mich geben. Damit rechne ich. Damit muss ich leben, damit komme ich aber auch gut zurecht. Ich denke, das habe ich auch bewiesen.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie in jedem fremden Stadion angefeindet werden?

Timo Werner: Das empfinde ich nicht so. Und ich habe auch das Gefühl, dass sich das gelegt hat.

Sie sind erst 21 Jahre alt, Sie sind ein Fußballprofi, der viel Geld verdient, Autogramme schreibt und ein Leben als Star führt. Sie sind allerdings auch ein sehr junger Mensch, der Gefühle hat und nicht alles einfach so wegstecken kann. Haben Sie sich professionelle Hilfe geholt, um diese Situation zu meistern?

Timo Werner: Die Zeit, vor allem bei Auswärtsspielen, war nicht immer schön. Allerdings hat die Mannschaft in dieser Phase gut gespielt. Wenn wir gewonnen haben, hat mich das nicht so gestört. Bei einer Niederlage schon eher. Aber das ganze Team und der gesamte Klub standen immer voll hinter mir.

Käme es noch einmal zu solch einer Elfmetersituation - wie würden Sie reagieren?

Timo Werner: Im Rückspiel gegen Schalke gab es eine ähnliche Situation. Da hat mich mein Gegenspieler tatsächlich getroffen, ich kam ins Trudeln, bin aber trotzdem weitergelaufen. Ich hätte ja fallen können, ich hätte dann sogar einen berechtigten Elfmeter zugesprochen bekommen. Aber ich blieb auf den Beinen. Das Gleiche gilt für einige Spielszenen beim Confed Cup, in denen ich auf den Beinen geblieben bin und somit vielleicht auch einen Elfer eben nicht bekommen habe. Daran sieht man, dass ich aus diesem Fehler gelernt habe. Für mich ist klar: Wenn es eine Fifty-Fifty-Entscheidung gibt, laufe ich weiter.

Schalkes Leon Goretzka hat kürzlich kritisiert, dass der Fußball aufgrund des vielen Geldes kälter geworden sei. Fußballer werden nicht mehr als Menschen mit Fehlern, sondern als gefühlskalte Supermillionäre in kurzen Hosen gesehen. Stimmen Sie ihm zu?

Timo Werner: Je mehr diese gewaltigen Ablösesummen kursieren, desto eher besteht die Gefahr, dass die Leute, die ins Stadion gehen, die Spieler gewissermaßen als reines Objekt ansehen. Deshalb sollten die Klubverantwortlichen im Fußball vorsichtig damit sein, die Eintrittspreise Jahr für Jahr zu erhöhen. Es bestünde sonst die Gefahr, dass die Menschen die Nähe zu ihrem Klub verlieren.

Als Sie 17 Jahre alt waren, haben Sie das Gymnasium besucht und bereits als Profi beim VfB Stuttgart gespielt. Autogramme auf den Schulhof wollten Sie nicht geben. Warum?

Timo Werner: Weil ich ein normaler Schüler war. Innerhalb von zwei Monaten wurde aus dem normalen Schüler plötzlich ein Fußballprofi, der in der Bundesliga gespielt hat. Das hat mich natürlich stolz gemacht. Aber ich fühlte mich weiterhin als ganz normaler Schüler, der seine ganz normalen Kumpels hatte, die mich geerdet haben. Ich wollte nicht den Superstar rauskehren. Ich wollte nie auf einen Thron gesetzt werden, sondern ganz normal mein Abitur machen.

Sie kamen nie in die Versuchung, eine Abiturklausur schreiben zu lassen…

Timo Werner: (lacht) Nein, nein. Natürlich nicht. Ich habe das selber durchgezogen. Das hat mich auch ein wenig stolz gemacht, denn ich habe durch das Training und die Spiele im Abiturjahr grob geschätzt ein halbes Jahr gefehlt. Außerdem kam ein wenig Faulheit dazu. Es ist ein kleines Wunder, dass ich es dennoch gemeistert habe. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nicht ganz blöd war. Das hat mich gerettet.

Wer erdet Sie jetzt?

Timo Werner: Meine Eltern. Und natürlich meine Freundin, die mir auf den Hinterkopf haut, wenn ich - natürlich aus Spaß - mal einen Anfall von Überheblichkeit vorspiele. Dann stehe ich vor dem Spiegel und sage: Mensch, ich bin schon ein ganz guter Fußballer, oder? Wir lachen dann darüber. Ich bin einfach nicht der Typ, der sagt: Hallo, hier bin ich. Ich bin jetzt der Größte. Ich stehe nicht gerne im Rampenlicht.

Wo steht der Goldene Schuh, den Sie als bester Torschütze nach dem Confed-Cup in Russland gewonnen haben?

Timo Werner: Zu Hause auf dem Schrank.

Wie war das Gefühl, den Titel mit der Deutschen Nationalmannschaft zu holen?

Timo Werner: Das Turnier hatte einen besonderes Flair. Man hat schon gemerkt, dass die Aufmerksamkeit gestiegen ist. Das Feeling auf dem Platz ist anders, als wenn man zum Beispiel in der Qualifikation gegen San Marino spielen würde. Man spürt, dass es da um etwas geht. Da bekommt man Lust auf mehr.

Ihr Traum wird dann die WM 2018 sein…

Timo Werner: Mein Traum ist es jetzt erst einmal, mit RB Leipzig die Champions-League zu spielen und in der Bundesliga gut zu starten. Und irgendwann im Winter kann ich mir Gedanken über die WM machen.

Ist die Dreifachbelastung Champions-League, Bundesliga und Pokal für Leipzig ein Nachteil?

Timo Werner: Wir wollen natürlich irgendwann einmal auf das Level der Bayern oder von Borussia Dortmund kommen. Jetzt fangen wir damit an. Wir haben zwar nicht so einen breit angelegten Kader wie die Bayern oder der BVB, aber die Spieler, die bei uns sind, haben eine großartige Qualität.

War es für sie ein Signal der Stärke, dass Ihr Klub ein 70-Millionen-Angebot aus Liverpool für Naby Keita ablehnte?

Timo Werner: Es wäre nicht das richtige Zeichen gewesen, wenn wir die Champions-League schaffen und unsere besten Spieler verkauft hätten. Wir sind ein starker Verein. Wir haben uns alles selbst aufgebaut, deshalb ist es für keinen eine Strafe, hier zu sein, sondern es ist eine Belohnung ein weiteres Jahr in Leipzig zu spielen. Bestimmt hätten sich manche Spieler den nächsten Schritt vorstellen können. Trotzdem brauchen sie definitiv nicht enttäuscht zu sein, dass sie nun mit uns Champions League spielen.

Hätten auch Sie sich den nächsten Schritt vorstellen können?

Timo Werner: Gute Frage. Man kann nie sagen, was richtig oder falsch ist. Ich bin jetzt hier, freue mich auf die Saison mit RB Leipzig, freue mich auf die Champions League.

Haben Sie denn keinen Karriereplan?

Timo Werner: Was heißt Karriereplan? Ich bin nicht darauf getrimmt, zu sagen: In zwei Jahren geht es nach Liverpool und in vier Jahren nach Barcelona. Das wäre vermessen. Ich nehme es so, wie es kommt. Sollte irgendwann ein Angebot kommen, bei dem ich das Gefühl hätte, da fühle ich mich wohl, würde ich vielleicht nachdenken. Aber zur Zeit ist es so, dass in Leipzig absolut alles passt.

Und nach dieser Saison?

Timo Werner: Im Fußball kann alles so schnell gehen, aber so weit voraus denke ich jetzt nicht. Vor einem Jahr hätte Neymar doch niemals daran gedacht, Barcelona zu verlassen. Und jetzt ist er für über 200 Millionen Euro gewechselt.

Fragen Sie sich angesichts dieser Summen nicht auch: Wo wird dieser Wahnsinn noch enden?

Timo Werner: Zinedine Zidane ist vor 15 Jahren Jahren für 75 Millionen Euro zu Real Madrid gewechselt. Jetzt sind wir bei über 200 Millionen Euro angekommen. Wenn man sieht, wie sich die Welt zum Beispiel auch im technischen Bereich verändert hat, kann man das nicht mehr miteinander vergleichen. Auch der Wert des Geldes hat sich geändert. Früher konnte man mit weniger Geld mehr anfangen als heute. Diese Summen jetzt sind natürlich gewaltig, man fragt sich auch als Fußballprofi, wo wir in 15 Jahren stehen. Vielleicht gibt es fliegende Autos und ein Spieler kostet 500 Millionen Euro. Aber vielleicht stoppen Fifa und Uefa das Ganze ja auch und kappen die Ablösesummen bei 100 Millionen Euro.

Wo steht Ihre Mannschaft vor dem Ligaauftakt gegen Schalke 04?

Timo Werner: Viele unserer Spieler sind noch nicht auf dem Stand aus dem letzten Jahr. Der Start für uns ist sehr, sehr wichtig. Auf Schalke ist es nicht einfach, zu bestehen. Im letzten Jahr waren wir lange die bestimmende Mannschaft und haben uns danach abkochen lassen. Bei einem Rückstand ist es schwer, wieder zurückzukommen, weil die Stimmung im Stadion sehr gut ist und die Zuschauer die Mannschaft nach vorne peitschen. Wir spielen nicht nur gegen eine Schalker Mannschaft sondern auch gegen ein fanatisches Publikum.

Wenn Ihre Karriere einmal zu Ende ist - was sollen die Fußballfans über Sie sagen?

Timo Werner: (lacht) Wahrscheinlich werde ich den aktuellen Ruf nicht mehr wegbekommen.

Sie meinen den des Schwalbenkönigs?

Timo Werner: Genau.

Den Ruf hatte zuvor Andreas Möller. 1995 ließ sich der damalige BVB-Profi beim Spiel gegen den Karlsruher SC fallen. Sie gilt als Mutter aller Schwalben...

Timo Werner: (lacht noch immer) Ich hoffe, ich habe ihm jetzt den Rang nicht abgelaufen.

Also: Was sollen die Leute über Sie sagen?

Timo Werner: Ja, im Ernst: Timo Werner war ein guter Spieler, der an lichten Momenten der Nationalmannschaft geholfen hat und für seine Klubs immer alles gegeben hat. Wichtig ist mir auch, dass ich sympathisch rüberkomme und nicht als arroganter Schnösel. Und dass ich kein abgehobener Fußballprofi war.

 
 

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