Gelsenkirchen

Tedesco im Interview: Wie lange kann der FC Schalke 04 noch auf eine Meyer-Entscheidung warten?

Schalke-Trainer Domenico Tedesco.
Schalke-Trainer Domenico Tedesco.
Foto: Lukas Schulze / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen. Domenico Tedesco kommt vom Training, er wirkt ausgeglichen, gut gelaunt und tatkräftig. Kein Wunder: Es läuft derzeit rund beim FC Schalke 04.

Vor dem Auswärtsspiel an diesem Freitag beim FSV Mainz 05 (20.30 Uhr/Eurosport) stehen die Königsblauen auf Platz zwei der Bundesliga. Im Interview erklärt der 32-jährige Trainer, wie seine ersten Monate auf Schalke verliefen, wie er mit seinen Spielern umgeht – und wie er darauf reagiert, wenn gute Spieler wechseln wollen.

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Vor genau einem Jahr haben Sie beim Zweitligisten Erzgebirge Aue als Trainer im Profifußball begonnen. War es das bisher rasanteste Jahr Ihres Lebens?

Domenico Tedesco: Ja, auf jeden Fall. Von der U19 in Hoffenheim über den Abstiegskampf mit Aue bis hin zu Schalke heute – da ist schon einiges passiert.

Die junge Trainer-Generation wird häufig für ihre taktische Kompetenz gelobt. Ist die Wahl der Taktik tatsächlich so bedeutend, oder ist es nicht vielmehr wichtiger, sie klug zu vermitteln?

Tedesco: Das würde ich unterschreiben. Du kannst eine überragende Taktik haben, aber die wird nicht funktionieren, wenn die Mannschaft keine Lust darauf hat.

Es fällt auf, dass Sie nicht streng ein System durchziehen.

Tedesco: Wir können unterschiedliche Systeme spielen – je nachdem, welche Spieler gerade ein Hoch haben und was aus unserer Sicht am besten zum jeweiligen Gegner passt. Die Anpassung des Systems an die eigenen Spieler ist wichtig.

Kapitän Ralf Fährmann hat gesagt, Sie hätten eine „gottgegebene Gabe zu erklären und zu motivieren“. Macht Sie das stolz?

Tedesco: Das freut mich natürlich, wenn ein Spieler so etwas sagt.

Vielleicht liegt das ja daran, dass Sie die Spieler einbinden und sie auch bei der Spielvorbereitung nach ihren Vorstellungen fragen.

Tedesco: Es geht darum, dass auch die Spieler für den Matchplan sind, dass sie ihn zu hundert Prozent so ausführen wollen. Die Mannschaft glaubt mehr an den Plan, wenn sie ihn mitentwickelt. Wichtig ist, dass man sie nicht überfrachtet, das wäre kontraproduktiv.

Sie arbeiten jetzt seit neun Monaten auf Schalke. Was ist so gekommen, wie Sie es erwartet haben – und was nicht?

Tedesco: Spannende Frage. Ich hatte mir natürlich schon vorher gedacht, dass hier die Themen hochemotional diskutiert werden. Dass die Fans enorm mitfiebern. Das ist in der Tat so gekommen. Was ich nicht erwartet hatte? Nun ja, wir stehen auf Platz zwei und im Halbfinale des DFB-Pokals, und auch wenn wir aktuelle Platzierungen nicht überbewerten, weil sie noch gar nichts zu sagen haben – damit konnte man nicht unbedingt rechnen. Wir haben eine Mannschaft, die sehr fleißig ist, die Spieler hören zu und saugen alles auf. Das ist auch nicht selbstverständlich, ich kannte sie ja vorher nicht. Und noch etwas fällt mir ein, das mir nicht so bewusst war: Jedes zweite Auto hier hat ein S04-Emblem, vor Spielen ist alles blau-weiß geflaggt. Das ist eine enorme Wucht, dadurch kommt auf mich natürlich noch mehr Verantwortung zu.

War das Derby in Dortmund mit dem 4:4 in letzter Minute nach 0:4-Rückstand das bisher berauschendste Erlebnis in dieser Saison?

Tedesco: Ja, das war ein Moment, den ich nie mehr vergessen werde. Dieses Spiel hatte ja alles: Anfangs war jeder Dortmunder Schuss ein Treffer, da musst du dich erst einmal sammeln. Und dann dieses Finish!

Was war die bisher größte Enttäuschung?

Tedesco: (überlegt lange) Große Enttäuschungen in dem Sinne gab es nicht. Das Thema Benedikt Höwedes hatte natürlich eine Wucht. Ich war neu hier, hatte ein Spiel gewonnen, eins verloren – und dann kam dieses Thema. Das war schon nicht so einfach, das gebe ich zu. Ich wurde teilweise auch missverstanden, denn wir haben hier niemanden weggeschickt.

Nehmen Sie solche Gefühle mit nach Hause, oder können Sie privat komplett abschalten?

Tedesco: Ich nehme so etwas schon mit nach Hause, das gebe ich ehrlich zu. Auch wenn wir verlieren, denke ich noch viel darüber nach. Ich weiß, das ist nicht gesund, ich muss lernen, das etwas zu ändern.

War es auch enttäuschend für Sie, dass Sie Leon Goretzka nicht zum Bleiben überreden konnten?

Tedesco: Ich weiß nicht, welchen Einfluss ein Trainer auf solche Entwicklungen haben kann. Da geht es um mehr. Leon Goretzka und auch Max Meyer betonen, dass sie sich hier wohl fühlen. Aber da gibt es eben auch noch andere Faktoren, das muss man akzeptieren.

Wäre es deshalb extrem frustrierend, wenn Sie Max Meyer jetzt auch noch verlieren würden – gerade weil er sich in seiner neuen Rolle unter Ihrer Regie doch so entfaltet hat?

Tedesco: Ich nehme so etwas nicht persönlich. Die beste Wertschätzung meinerseits ist, einen Spieler ständig spielen zu lassen. Mehr geht nicht.

Wie lange kann es sich Schalke noch leisten, auf eine endgültige Entscheidung im Fall Max Meyer zu warten?

Tedesco: Klar ist, dass wir parallel planen müssen, wir dürfen ja nicht am Ende ohne einen Ersatz dastehen. Logisch, dass wir uns auch umschauen.

Sie haben als Jugendlicher mal ein Praktikum in der Sportredaktion der Eßlinger Zeitung gemacht und uns bei Ihrem Amtsantritt auf Schalke erzählt, dass Sie sich schon immer für Sportjournalismus interessiert haben. Fühlen Sie sich in den Medien korrekt beurteilt in ihren ersten Monaten als Bundesligatrainer?

Tedesco: Na ja, manchmal habe ich das Gefühl: Wenn wir auf Ballbesitz spielen, heißt es, wir müssten mehr malochen, und wenn wir malochen, heißt es, wir müssten mehr auf Ballbesitz spielen. Für uns ist Anpassungsfähigkeit wichtig, und wenn das wertgeschätzt wird, ist das schön. Aber das ist ja nur eine Kleinigkeit. Ich lese nicht allzu viel, aber ich muss sagen: Insgesamt finde ich die Berichterstattung absolut okay.

Sie diskutieren mit Fans, Sie singen nach Siegen vor der Nordkurve ihre Lieder mit, Sie haben sich mit Schalker Legenden getroffen, und Sie haben Jahrhunderttrainer Huub Stevens um eine Einschätzung gebeten. Dass Sie sich so komplett auf Schalke eingelassen haben – ist das auch eine Erklärung für Ihren Erfolg?

Tedesco: Huub Stevens hat mir gerade noch nach unserem Sieg gegen Hertha geschrieben, dass es besonders gut ist, wenn man auch schlechte Spiele gewinnt, und dass die Null stehen muss (lacht). Aber klar: Wenn ich zu so einem Klub komme, kann ich doch nicht sagen, dass ich alles besser weiß. Ich habe mich gefragt: Was kann der Klub? Welche Historie hat er? Und was können wir für uns nutzen? Deshalb ist es wichtig, alle mit ins Boot zu nehmen. Ich will hören, was Schalke-Kenner wie Martin Max, Mike Büskens, Ebbe Sand, Gerald Asamoah oder die Kremers-Zwillinge zu sagen haben, die Erfahrung dieser Leute kann ich doch gar nicht haben.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie innerhalb eines Jahres prominent geworden sind? Holen Sie zu Hause in Herten Ihre Brötchen selbst?

Tedesco: Ich versuche, mich so wenig wie möglich zu verändern. Wir gehen ganz normal spazieren und mit unserer Tochter auch auf Kinderspielplätze. Und wenn dann mal jemand um ein Selfie bittet, ist das in Ordnung. Die Menschen hier sind ja nett zu mir.

Gibt es etwas, das Sie sich nicht mehr erlauben können?

Tedesco: Vor einem Jahr habe ich mich noch bei McDonald’s in die erste Reihe gesetzt und mir einen Big Mac gegönnt. Das ist nicht mehr möglich. Den holt mir jetzt meine Frau (lacht).

Sie wirken zufrieden.

Tedesco: Für mich ist es ein Traum, hier zu sein, es macht mich auch stolz. Ich fahre jeden Tag mit ganz viel Lust zur Arbeit. Wenn ich allein an die Fans denke. Kürzlich habe ich bei minus acht Grad zu meinem Co-Trainer gesagt: Heute wird wohl mal kein Fan beim Training sein. Und dann gehen wir raus und sehen: Alles voll wie immer.

Können Sie sich vorstellen, jahrelang hier zu bleiben – also der Otto Rehhagel von Schalke zu werden?

Tedesco: Ich glaube, das ist ein bisschen zu weit gedacht. Jetzt wollen wir erst einmal die erste Saison mit einer guten Entwicklung zu Ende bringen, und dann versuchen wir im zweiten Jahr, noch besser zu werden.

Das heißt also: Wenn Sie jetzt Zweiter werden, dann…

Tedesco: (lacht) Spielerisch! Ich meinte spielerisch!

 
 

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