Schalke-Star Kevin-Prince Boateng legt das Bad-Boy-Image ab

Gleich im Mittelpunkt: Schalkes Star-Einkauf Kevin-Prince Boateng.
Gleich im Mittelpunkt: Schalkes Star-Einkauf Kevin-Prince Boateng.
Foto: imago
Am Samstag trägt Kevin-Prince Boateng in Mainz zum zweiten Mal das Trikot des FC Schalke 04. Im großen Interview spricht er über seine Rolle als Führungsspieler, seine Furcht vor dem Debüt, seine früheren Fehler und seine heutigen Wünsche.

Gelsenkirchen.. Ein Mann der Tat erscheint zum Gespräch. Ein fester Händedruck, eine kurze persönliche Vorstellung, dazu ein freundliches Lächeln, dann sagt Kevin-Prince Boateng: „Okay, wir können loslegen.“ Einverstanden.

Sie sind als Hoffnungsträger vom AC Mailand zu Schalke 04 gewechselt. Wie ist es, jetzt mit 26 so eine wichtige Rolle zu bekommen?

Kevin-Prince Boateng: Es ist natürlich viel Druck aufgebaut worden, aber ich liebe Druck.

Bevor es am Samstag nach Mainz (15.30 Uhr, live in unserem Ticker) geht – wie war Ihre Gefühlslage vor dem ersten Spiel? Sie konnten ja nicht ahnen, dass Sie gleich mit 2:0 gegen Leverkusen starten würden.

Boateng: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nervös war. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich wusste nicht, wie die Fans mich aufnehmen würden, ich hatte da schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Aber dann war es ein perfekter Tag.

Warum haben Sie mit dem Schlimmsten gerechnet? Weil Sie mal für Dortmund gespielt und den BVB erst kürzlich zum Lieblingsverein erklärt hatten?

Boateng: Ja, klar. Aber das ist Vergangenheit.

Sie sind offenbar sensibler, als man allgemein annimmt.

Boateng: Das äußere Erscheinen bedeutet nicht, dass man nicht sensibel ist. Jeder ist sensibel, auch wenn ich durch meine Erfahrungen vielleicht mehr wegstecken kann als andere.

Aus Dortmund hört man nur Gutes über Sie. Warum sind Sie nicht wieder beim BVB gelandet?

Boateng: Das war für mich überhaupt kein Thema. Ich weiß nicht, ob die Dortmunder Interesse hatten. Sie sind ohnehin gut besetzt. Und ich wollte zu Schalke.

Sie pflegen ein gutes Verhältnis zu einigen Dortmunder Spielern, vor allem zu Roman Weidenfeller.

Boateng: Ja, aber wir sollten Sportliches und Privates klar trennen. Wenn ich die Chance habe, haue ich dem Roman den Ball um die Ohren. Danach können wir gerne essen gehen und über das Tor reden. (lacht)

Von einem Weltklub wie AC Mailand zu Schalke 04 zu wechseln, erscheint auf den ersten Blick wie ein Rückschritt. Sie haben betont, dass es ein Fortschritt sei. Warum?

Boateng: Weil ich in der besten Liga der Welt spiele, und weil ich jetzt viel Verantwortung übernehmen muss. Für mich ist das ein Riesenfortschritt.

Brauchen Sie Eingewöhnungszeit?

Boateng: Wir Berliner sind Chamäleons, wir passen uns ganz schnell an.

War es denn schwer, Ihre italienische Verlobte zu überreden, mit Ihnen nach Deutschland zu ziehen? Sie arbeitet als Model in Mailand.

Boateng: Sie ist in Italien verspottet worden, dass sie jetzt Wurstkönigin oder Miss Gelsenkirchen werden könnte. Ich fand das ganz lustig, sie nicht so. Aber jetzt leben wir in Düsseldorf, und auch sie ist zufrieden, obwohl sie viel reisen muss.

Sie haben bei Milan mit vielen Großen zusammengespielt. Hat Sie einer besonders inspiriert?

Boateng: Im ersten Jahr waren ja noch alle da: Ibrahimovic, Ronaldinho, Seedorf, Thiago Silva – lauter Führungsspieler. Und dann hat Pirlo plötzlich durch einen genialen Pass die Führung übernommen. Auch von Ronaldinho habe ich etwas Wichtiges gelernt. Er saß auf der Bank, und ich habe gespielt – aber er hat nie gemeckert und war immer nett zu mir. Das war überragend.

Wie wollen Sie Ihre Führungsrolle interpretieren?

Boateng: Wir sind im Jahr 2013, als Führungsspieler muss man nicht mehr herumschreien. Manchmal reicht eine gute Aktion, um etwas zu verändern. Viele sagen, dass ich aufgrund meiner Körpersprache andere mitreißen kann. Darüber bin ich froh.

In Mailand war das Ziel immer der Titel, Schalke hält sich in dieser Hinsicht zurück.

Boateng: Ich habe mit Schalke ein Ziel. Und in der nächsten Woche wieder eins. Genau so kann man Titel holen. So sind wir mit dem AC Mailand auch Meister geworden.

Gibt es den Kevin-Prince zweimal? Den, der auf dem Platz auch dazwischen haut, und einen anderen?

Boateng: Klar, wir spielen doch alle Rollen. Auf dem Platz haue ich rein, aber privat bin ich ein ganz Lieber. Das können viele bestätigen.

Jahrelang hatten Sie dieses Bad-Boy-Image.

Boateng: Bad-Boy-Image – Schublade zu! Seit Jahren konzentriere ich mich darauf, meinen Job gut zu machen. Wenn du am Maximum trainierst, dann hast du gar keine Energie mehr für andere Sachen.

Heißt das, dass es früher zu viele Ablenkungen gab?

Boateng: Ja, man muss das auch mal verstehen: Man war jung, dann hast du einen Haufen Geld und giltst als Fußballstar – es ist nicht einfach, das zu verkraften. Ich bewundere Julian Draxler, der meistert das wie ein alter Hase, ohne das Risiko, abzuheben. Deshalb verdient er auch die Nummer Zehn bei einem Verein wie Schalke. Die Zehn ist eine magische Nummer.

Sie haben zu Ihrer Zeit in England zwölf Kilo abgenommen. Auch ein Zeichen dafür, dass Sie vorher unprofessionell gelebt haben?

Boateng: Ja, das habe ich. Aber dann habe ich mir gesagt: Jetzt reicht’s. Es hieß immer: ,Super Talent, aber...’, ,guter Spieler, aber...’ – ich wollte dieses ,aber’ nicht mehr hören.

Ärgern Sie sich heute darüber, dass Sie sich früh für die Nationalmannschaft von Ghana und gegen die deutsche entschieden haben?

Boateng: Nein, nein, alle Erfahrungen in meinem Fußballerleben waren wichtig, so dass ich jetzt als gereifter Mann hier sitzen kann.

Genießen Sie die Anerkennung, die Sie jetzt bekommen?

Boateng: Ja, auf jeden Fall. Für den Respekt muss man hart arbeiten. Der Job ist nicht einfach, man hat so viel Druck, und der kann schlimme Auswirkungen haben, wenn man damit nicht klar kommt. Wir sollten Robert Enke nie vergessen!

Können Sie Schwächen zugeben?

Boateng: (zögert) Man muss ehrlich zu sich selbst sein, dann transportiert man das auch nach außen. Es war mal eine Schwäche von mir, dass ich mich selbst belogen habe.

Boateng über seine Rede vor den Vereinten Nationen zum Thema Rassismus

Sie haben erklärt, Italien nicht wegen der rassistischen Beleidigungen verlassen zu haben. Das wäre aber nachvollziehbar gewesen.

Boateng: Ich wünsche mir, dass wir irgendwann überhaupt nicht mehr über Rassismus reden müssen. Dass mein Sohn aufwachsen kann, ohne das Wort zu kennen. Aber wenn es da einige Doofe gibt, kann man doch nicht alle Italiener in eine Schublade stecken und das Land verlassen. Ich bin gewechselt, weil mein Blut blau ist (lacht).

Wie war es, als Sie im März vor den Vereinten Nationen in Genf eine Rede zum Thema Rassismus gehalten haben?

Boateng: Was für ein Tag! Ich war nervös wie vor keinem Fußballspiel. Am Ende habe ich es aber gut gemeistert, weil ich ein super Schauspieler bin.

 
 

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