Schalke nach 0:1 in der Schockstarre

Auch er war ratlos: Schalkes routinierter Top-Star Raúl                         Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool
Auch er war ratlos: Schalkes routinierter Top-Star Raúl Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool
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Gelsenkirchen. Die Königsblauen leiden unter der Last der eigenen Erwartungen: Der Hamburger SV stoppt ihre Aufholjagd jäh. Ein herber Rückschlag, der viele Fragen aufwirft.

Natürlich gab es in der ersten Enttäuschung auch mal einen Pfiff nach dem Pfiff. Als Schiedsrichter Knut Kircher die Partie gegen den Hamburger SV beendet hatte, wirkte die große Mehrheit der Fans des FC Schalke 04 jedoch so, wie sich zuvor auch die Mannschaft präsentiert hatte: wie gelähmt. Im Laufe der zweiten Halbzeit hatten sich desillusionierende Erkenntnisse entfalten können. 0:1. Realität schlägt Traum, Skepsis ersetzt Hoffnung, Ratlosigkeit verdrängt Zuversicht: Schalke in der Schockstarre.

Die Königsblauen hatten sich doch sicher gefühlt. Hatten sich während des Trainingslagers im türkischen Belek auf eine Aufholjagd in der Rückrunde eingeschworen. Hatten ihre verbesserte Form zum Ende der Hinrunde konservieren wollen. Hatten sich Stabilität eingeredet. Und dann das.

Nach einer noch halbwegs ausgeglichenen ersten Halbzeit, in der die Hamburger aber bereits mehr und bessere Chancen hatten, brach das Schalker Kartenhaus nach nur einem Schnipser zusammen. In der 52. Minute warf sich Routinier Ruud van Nistelrooy am zweiten Pfosten in eine weite Flanke, das Stellungsspiel von Torwart Manuel Neuer und Verteidiger Joel Matip war suboptimal – und so brachte der wuchtig heranfliegende Niederländer den Ball mit Kopf und Oberarm über die Linie.

Es ehrt die Schalker, dass sie diesem kuriosen Treffer nicht die Berechtigung absprachen. Sie nannten das Tor „unglücklich“ und „dumm“, aber nicht irregulär. Auch Trainer Felix Magath gab sich als fairer Verlierer: „Das kann der Schiri nicht sehen“, meinte er. „Hand ist es ja auch nur bei Absicht. Und die will ich Ruud van Nistelrooy nicht unterstellen.“

Magath beschränkte sich auf das für ihn Wesentliche: auf die Ursachenforschung nach einer Leistung, die er schonungslos aufarbeitete. „Wir sind durch das Tor verunsichert worden, waren überfordert, haben nicht mehr zurück ins Spiel gefunden. Die Mannschaft hat sich in ihr Schicksal ergeben und sich nicht mehr gewehrt.“ Die einzige, fast zufällig entstandene Chance für Schalke in der zweiten Halbzeit vergab der heranrutschende Lukas Schmitz zwei Minuten vor Schluss.

Aber warum nur konnten sich Verunsicherung und Verzweiflung ausbreiten wie aggressive Winterviren? Warum fehlten den Schalkern nach dem Rückstand nicht nur Ideen und Überzeugung, sondern auch Elan und Energie?

Auch Magath wusste es nicht, auch er fahndete nach Gründen. „Es ist schwer zu erklären“, sagte er, auf Anhieb kam er zu nur einem logisch klingenden Schluss: „Wir haben insgesamt noch eine junge Mannschaft, da kommt so etwas schon mal vor.“

Sicher, Christoph Moritz, Lukas Schmitz und Joel Matip hatten nicht gerade ihren Sahnetag erwischt. In einer solchen Situation müssten dann die Erfahrenen vorausgehen, doch einige von denen hatten genügend mit sich selbst zu tun. Manuel Neuer, Schalkes personifizierte Lebensversicherung, ein Mann voller Kraft, Können und Selbstsicherheit, war bei manchen Ecken und Flanken kaum wiederzuerkennen. Ivan Rakitic, in der ersten Hälfte umsichtiger Stratege, schüttelte in der zweiten fast ausschließlich Fehlpässe aus dem Fußgelenk. Raúl, sonst Vorbild und Halt für die Jungen, fühlte sich zwar wie immer hingebungsvoll zur körperlichen Arbeit verpflichtet, doch Durchsetzungsvermögen oder gar Geniestreiche waren auch bei ihm nicht zu entdecken. Und Klaas-Jan Huntelaar trat so ungefährlich auf wie schon gegen Ende der Hinrunde. Der gehemmte Torjäger kämpfte sich zu wenig ins Spiel, wartete stattdessen auf Chancen, die sich nicht ergaben, und beruhigte sich mit einer Floskel: „Das kommt schon wieder.“

Und nun? Nach dem herben Rückschlag muss Schalke nach Hannover, dann erscheint Hoffenheim, bevor es zum Derby nach Dortmund geht. Zwangsläufig drängen Erinnerungen an die vier Niederlagen zum Saisonstart ins Hirn. Kann aus Zweifel wieder Angst werden? „Nein, dafür haben wir zu viel Qualität“, behauptet Innenverteidiger Benedikt Höwedes. Eine mutige Aussage nach dieser rätselhaften Mannschaftsleistung.

 
 

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