Schalke-Idol Neuer geht unter Tränen

Falk Blesken

Gelsenkirchen. Da sitzt er. Fußball-Nationaltorwart, die Nummer 1 des FC Schalke 04. Einer mit Nerven wie Drahtseilen in nationalen wie internationalen Duellen. Die Gegner können ein Klagelied davon singen. Nun aber stockt plötzlich seine Stimme, die Augenlider gehen hektisch auf, zu, auf, zu, auf - die weiße Augenhaut schimmert rötlich.

Manuel Neuer schluckt, Manuel Neuer kämpft gegen die Tränen. Dem Mann, der bei der WM 2010 abgebrüht den englischen Schuss hinter der Linie wegfischte und einfach weiterspielte, der mit seinen Elfmeter-Paraden in der denkwürdigen Nacht von Porto 2008 für den ersten Einzug der Königsblauen in ein Viertelfinale der Champions League sorgte, und der auch in dieser Spielzeit mal eben ganz allein das Schalker Spiel bestimmte wie beim 0:0 in Dortmund, diesem Mann fällt das Sprechen schwer.

Super schwer.

Denn fußballerische Glanztaten hin, internationale Erfahrung her: Neuer ist erst 25 Jahre jung. Und er, der gebürtige Gelsenkirchener, muss über etwas reden, was ihn emotional aufwühlt. Über die bevorstehende Trennung von seinem ersten und bislang einzigen Verein, über die Trennung von seiner großen Liebe - dem FC Schalke 04. Seit 20 Jahren ist er Mitglied des Klubs, durchlief alle Jugendklassen, stand als Fan in der Nordkurve, feuerte die Profis an - und wurde schließlich selbst das unverwechselbare Gesicht des Bundesligisten.

Nun zieht es Manuel Neuer fort. Zum FC Bayern München. Höchstwahrscheinlich nach dieser Saison, spätestens aber im Sommer 2012. Denn so lange läuft der Kontrakt zwischen Neuer und dem FC Schalke 04 noch, verlängern will ihn der Torwart nicht. „Es war weiß Gott keine einfache Entscheidung“, sagt er zu Beginn seiner wohl schwersten Pressekonferenz.

Neben ihm sitzen Trainer Ralf Rangnick und Manager Horst Heldt - mit deprimierten Gesichtern. Sie hatten zu Amtsantritt die Personalie Neuer ganz oben auf ihre Prioritätenliste gesetzt. Ihn, diese ganz besondere Identifikationsfigur, wollten sie unbedingt halten. Langfristig.

„Wir haben versucht, Manuel zu überzeugen“, sagt Heldt. „Aber es wurde schnell klar, dass es gewisse Tendenzen gibt. Die müssen wir akzeptieren und respektieren.“ Zwei Tage lang, berichtet Rangnick, habe Schalke nach dem Bundesliga-Spiel in Bremen am vergangenen Samstag noch einmal „mit Leib und Seele gekämpft, dass Manuel hier bleibt“. Nun herrsche „große Trauer“. Es war ein Kampf, den Königsblau nicht mehr gewinnen konnte.

„Ich möchte immer auf dem höchsten Niveau spielen, das ist die Champions League. Als Persönlichkeit einen Schritt machen, auf eigenen Beinen stehen“, erklärt Manuel Neuer. All das ist in Gelsenkirchen kaum möglich. In München beim erfolgreichsten deutschen Fußball-Klub schon.

Und sollten sich die Vereins-Bosse in den nächsten Tagen oder Wochen über die kolportierte Ablösesumme von rund 20 Millionen Euro einig werden, winkt Neuer ein Vier-Jahres-Vertrag. Der neue Mann soll eine neue Ära prägen.

Wer ihm im Gelsenkirchener Tor folgt, ist offen. „Wir haben mit Manuel den weltbesten Torwart im Verein und bis vorgestern um ihn gekämpft“, erklärt Ralf Rangnick. Zu Spekulationen über Werder Bremens Tim Wiese, Bayerns Thomas Kraft oder Hannovers Ron-Robert Zieler werde man sich nicht äußern.

Neuer selbst suchte bereits am Vorabend der offiziellen Verlautbarung das Gespräch mit Fan-Vertretern und seinen Kumpels aus der Kurve. „Für sie war das Treffen nicht einfach“, erzählt er, bevor ihn die Emotionen überwältigen: „Für mich aber auch nicht.“