Protokollnotiz belegt Umsturz-Plan gegen Schalke-Boss Tönnies

Schalke-Boss Clemens Tönnies bei der Jahreshauptversammlung 2015.
Schalke-Boss Clemens Tönnies bei der Jahreshauptversammlung 2015.
Foto: Getty Images
  • Drei Schalker Aufsichtsräte versuchen, Clemens Tönnies aus dem Amt zu werfen.
  • Der Vorstand des FC Schalke 04 beklagt eine "destruktive Blockadepolitik".
  • Sogar der Vorwurf der Erpressung steht im Raum.

Gelsenkirchen. Der Brief stammt vom 29. April und gipfelt in einer Generalabrechnung. „Sie machen etwas, das Sie nicht können, und schaden damit unserem Verein“, schrieben die drei Herren mit gemeinsamen Briefkopf an Clemens Tönnies, den Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04. „So lange Sie als Vorstand ohne Geschäftsbereich die Geschicke unseres Vereins unter Missachtung aller Regeln führen, werden wir das weiterhin — auch öffentlich — kritisieren.“

Seit dem Brief ist beim FC Schalke nichts mehr, wie es vorher war.

Die drei Herren: Das sind beim Fußball-Bundesligisten drei Aufsichtsräte, die sich innerhalb des Vereins als Opposition und Sprachrohr der Mitglieder sowie Ultras im elfköpfigen Aufsichtsrat verstehen. Die Namen: Axel Hefer aus Hagen, Thomas Wiese aus Unna und Dr. Andreas Horn aus Heidelberg. Alle drei demokratisch gewählt, alle drei Schalke-Fans.

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Ihre Mission, laut Brief: „Der Aufsichtsrat kontrolliert (…) nicht mehr den Vorstand, sondern seinen Vorsitzenden.“

Kommenden Sonntag soll die Mitgliederversammlung zwei vakante Plätze im Aufsichtsrat besetzen. Es gibt vier Kandidaten, darunter Clemens Tönnies und seinen Vertrauten Peter Lange. Seit Wochen wird erbittert Wahlkampf geführt. Obwohl die drei Oppositionsführer selbst nicht zur Wahl stehen, fahren sie schweres Geschütz auf. In Briefwechseln, die dieser Zeitung vorliegen, ist von „unwahren Fakten“, „unsachlichen und haltlosen Vorwürfen“ und „bodenloser Frechheit“ zu lesen.

Heidel soll auf Schalke gefragt haben: "Wo bin ich hier nur reingeraten?"

Aus dem Machtkampf ist längst eine Schlammschlacht geworden.

Der neue Sportvorstand Christian Heidel, gerade erst vor vier Wochen aus Mainz gekommen, soll zwischendurch in kleiner Runde die Frage gestellt haben: „Wo bin ich hier nur reingeraten?“

Wie Dokumente belegen, die dieser Zeitung im Original vorliegen, sind die drei Herren bei ihren Methoden tatsächlich nicht zimperlich, um Tönnies, den bekannten, aber umstrittenen Fleischfabrikanten aus Rheda-Wiedenbrück, aus dem Amt bei Schalke 04 zu werfen. Plötzlich steht der Vorwurf der Erpressung im Raum.

Laut einer Protokollnotiz, die Tönnies am 14. Mai verfasst und die auf Schalke aktenkundig ist, hatte Dr. Horn drei Tage vorher den unliebsamen Widerpart in dessen Büro in Rheda-Wiedenbrück besucht, um ihm einen Vorschlag zu unterbreiten: Tönnies solle nicht zur Wahl antreten und lieber in den Vorstand wechseln. Als Tönnies ablehnte, verabredeten beide Streithähne im Nachgang einen Telefontermin am 13. Mai um 8.15 Uhr.

Bei diesem Telefongespräch soll Dr. Horn laut Protokollnotiz folgenden Vorschlag gemacht haben: Tönnies solle seinen Weggefährten Langhorst zum Rücktritt aus dem Aufsichtsrat bewegen und „mit einer Ehrenkarte abfinden“, dann würde man Tönnies nicht nur zur Wahl zulassen, sondern auch einstimmig zum Aufsichtsratsvorsitzenden wiederwählen — aber nur unter der Bedingung, dass er nach einem Jahr freiwillig zurücktritt.

Tönnies war nach eigenem Bekunden „erschüttert“ von dieser Offerte und schaltete die Gremien des Vereins ein. Was Dr. Horn nicht wusste: Als Tönnies zurückrief, um sich zu vergewissern, dass das Angebot ernstgemeint war, hörte ein Vorstandsmitglied am Telefon mit. Inzwischen befasst sich der Ehrenausschuss mit dem Fall Dr. Horn.

Die Opposition intensivierte ihre Bemühungen gegen Tönnies nur.

Was die drei Oppositionsführer dem Schalke-Boss zum Vorwurf machen: einsame Beschlüsse über Spieler und Mannschaftsführung und eine Nähe zu den Medien. Tönnies würde sich ins Tagesgeschäft einschalten, was ihm nicht zustünde. In jenem Brief vom April stand: „Die Verantwortlichkeit der Vorstände wird eingeschränkt.“

Schalke-Vorstand bekennt sich zu Tönnies

Gestern distanzierte sich der komplette Vorstand einstimmig und unmissverständlich von dieser Behauptung der drei Aufsichtsräte in einer Antwort auf Anfrage dieser Redaktion. Auch das: ein einmaliger Vorgang in der Bundesliga.

Sportvorstand Heidel teilte dieser Zeitung mit: „Ich bin nicht trotz Clemens Tönnies gekommen, sondern wegen ihm. Er hat mich für Schalke 04 begeistert. Irgendwann habe ich ihm gesagt: In Ihren Adern muss blau-weißes Blut fließen.“

Tatsächlich trifft Tönnies mit einem Aufsichtsratskollegen als sogenannter „Eilausschuss“ schnelle Entscheidungen, wenn zum Beispiel Transfers die Vorstandsprokura von 300 000 Euro übersteigen und ad hoc unterschrieben werden müssen. Ungewöhnlich ist das nicht. Der Spieler könnte sonst vom Markt sein, bevor der komplette Aufsichtsrat tagt. „Ohne den Eilausschuss“, sagt Heidel, „hätten wir Naldo nicht verpflichten können. Nur so konnten wir satzungsgemäß und handlungsschnell agieren.“

Die Oppositionsführer bezweifeln die Notwendigkeit des Eilausschusses öffentlich und mahnen eine größere Transparenz und Diskussionsgrundlage im Aufsichtsrat unter Tönnies an. Nicht immer ist ein konstruktives Miteinander erkennbar. Als Tönnies die Verpflichtung von Trainer Markus Weinzierl abstimmen wollte, brauchte er zunächst das formale Einverständnis über das schriftlich erfolgte Abstimmungsverfahren; das Investment sollte 12 Millionen Euro kosten.

Der Widerspruch aus der Opposition kam Minuten vor der Deadline; ohne Not wurde Zeit verplempert. Beinahe wäre der Weinzierl-Coup mit Augsburg geplatzt.

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„Teile des Aufsichtsrats lähmen die Zusammenarbeit zwischen den Gremien durch eine destruktive Blockadepolitik“, lässt sich Finanzvorstand Peter Peters zu den Vorgängen gegenüber dieser Zeitung zitieren. Er sagt: „Ich kann nicht verstehen, warum sich die drei Aufsichtsräte so verhalten und dem FC Schalke 04 definitiv schaden.“

Wenn einer der Gegenkandidaten, Michael Stallmann oder Andreas Goßmann, am Sonntag in den Aufsichtsrat kommt, wächst die Opposition von drei auf vier. Bei den Vereinsführern ein Horror-Szenario. „Am Sonntag werden richtungsweisende Entscheidungen getroffen“, appelliert Peters. „Der Verein muss handlungsfähig bleiben und darf sich nicht weiter nur mit sich selbst beschäftigen.“

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