Jones will mit Schalke „ein anderes Gesicht zeigen“

Manfred Hendriock und Andreas Ernst
„Wir müssen die Standards besser verteidigen und insgesamt viel konzentrierter sein“, sagt Schalkes Jermaine Jones.
„Wir müssen die Standards besser verteidigen und insgesamt viel konzentrierter sein“, sagt Schalkes Jermaine Jones.
Foto: imago
Am Mittwoch wollen die Königsblauen gegen PAOK Saloniki das 0:4-Debakel in Wolfsburg vergessen machen. Jermaine Jones spricht im Interview über Schalkes Liga-Fehlstart, die Königsklassen-Playoff-Spiele und Jens Keller, den Trainer, den die Mannschaft aus der Diskussion nehmen will.

Gelsenkirchen. Jermaine Jones sagt sorry – für die paar Minuten Verspätung, Minuten, die er länger auf der Massagebank lag. Das heftige 0:4 vom Samstag in Wolfsburg ist eine andere Geschichte, die kann Schalke nur mit einer überzeugenden Leistung am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF und live in unserem Ticker) im ersten Playoff-Spiel zur Champions League gegen PAOK Saloniki wieder einigermaßen vergessen machen. Ein Gespräch über Schalkes Fehlstart in diese Saison, über das Wiedersehen mit Huub Stevens und über eine ganz, ganz bittere Niederlage.

Herr Jones, es gibt die Geschichte, wie Sie Julian Draxler ganz am Anfang seiner Profikarriere im Training einmal ziemlich resolut abgegrätscht haben…

Jermaine Jones (lächelt): Das habe ich schon fast vergessen...

Was wollten Sie mit dieser Grätsche seinerzeit bewirken?

Jones: Julian hat damals als junger Spieler im Training Beinschüsse verteilt – er glaubte wohl, die Leute ein bisschen veräppeln zu können. Deswegen habe ich das gemacht.

Muss man im Fußball manchmal so richtig dazwischen hauen?

Jones: Ich finde schon – aber mit fairen Mitteln. Das gehört einfach dazu.

Nach dem 0:4 am Samstag in Wolfsburg sieht es gerade wieder so aus, als müsste man auch in der Schalker Mannschaft mal so richtig dazwischen gehen…

Jones: Nein, soweit ist es wirklich noch nicht. Da hatten wir schon schlimmere Zeiten hier auf Schalke. Wir wissen, dass wir in allen drei Spielen, auch im Pokal, nicht unsere Leistung abgerufen haben und dass wir ab sofort ein anderes Gesicht zeigen müssen. Gegen Hamburg hat wenigstens die Moral noch gestimmt, aber in Wolfsburg hat die Mannschaft komplett versagt.

Was genau läuft aus Ihrer Sicht bisher schief.

Jones: Wir müssen die Standards besser verteidigen und insgesamt viel konzentrierter sein – da muss sich jeder an die eigene Nase fassen, ich auch. Vor dem ersten Gegentor in Wolfsburg muss ich einfach richtig dazwischen gehen und den Ball zur Not auch ins Aus schlagen. Das muss ich mir ankreiden.

Als Erklärung für die bisherigen Leistungen gibt es zwei Thesen. Die einen sagen: Es liegt an der Einstellung.

Jones: Das kann ich so nicht bestätigen. Ich denke, dass bei uns die Einstellung stimmt. Jeder Einzelne hat sich doch selbst hohe Ziele für diese Saison gesetzt.

These Nummer zwei: Vielleicht ist die Qualität der Mannschaft gar nicht so hoch, wie alle geglaubt haben. Klaas-Jan Huntelaar hat das so angedeutet.

Jones: Nein, über die Qualität der Mannschaft will ich gar nicht reden, die ist auf jeden Fall vorhanden, und das werden wir auch noch zeigen. Für mich ist die einzige Frage, wie schnell man umschalten kann nach so einer Niederlage in Wolfsburg. Aber mir ist es ehrlich gesagt lieber, einmal so richtig einen auf den Deckel zu kriegen, als knappe Niederlagen schön zu reden. Denn nach so einem Spiel muss sich jeder seine Gedanken machen.

Trainer Jens Keller hat am Sonntag schon die erste Krisensitzung abgehalten. Trifft sich die Mannschaft vor dem Spiel gegen Saloniki auch noch zur Aussprache?

Jones: Natürlich besprechen wir uns Dienstagabend im Hotel. Das Spiel gegen Saloniki ist so wichtig, nicht nur für den Verein, sondern auch für uns selbst – da müssen wir auf jeden Fall ein anderes Gesicht zeigen. Aber das haben wir in der letzten Saison auch geschafft: Da sind wir international teilweise ganz anders aufgetreten als in der Liga.

Jones spricht mit Ex-Schalke-Trainer Stevens über „persönliche Dinge“ 

Als es im Frühjahr darum ging, ob Jens Keller Trainer bleiben soll, haben sich viele Spieler für ihn stark gemacht – Sie auch. Aber wenn es so weiter geht, festigen Sie nicht gerade seine Position…

Jones: So ist das Fußball-Geschäft, als Spieler wirst du genauso schnell hinterfragt wie als Trainer. Aber darüber dürfen wir uns überhaupt keine Gedanken machen. Die Mannschaft wird dafür sorgen, dass so eine Diskussion gar nicht erst aufkommen wird.

Gegen Saloniki geht es jetzt ausgerechnet gegen Huub Stevens – den Trainer, mit dem die Mannschaft im letzten Jahr nicht mehr klargekommen ist…

Jones: Ich persönlich bin mit ihm super ausgekommen, das habe ich immer gesagt. Letztlich habe ich es Huub Stevens ja auch zu verdanken, dass ich überhaupt in die Mannschaft zurückgekommen bin. Wir stehen immer noch in Kontakt und telefonieren ab und zu. Ich freue mich aufs Wiedersehen.

Trotzdem hieß es im Winter, dass es zwischen Stevens und der Mannschaft nicht mehr gestimmt haben soll.

Jones: Dazu kann ich nichts sagen. Intern hatte ich das Gefühl, dass alles gepasst hat. Huub Stevens ist halt ein „Knurrer“ – in dieser Hinsicht sind wir ähnliche Typen. Darum sind wir auch so gut miteinander klar gekommen.

Wenn Sie mit ihm telefonieren: Hat er Ihnen verraten, wie sehr ihn die Entlassung im Dezember getroffen hat?

Jones: Danach habe ich ihn nicht gefragt. Wenn wir telefonieren, geht es weniger um Fußball, sondern mehr um persönliche Dinge.

Sie haben auf Schalke schon fast alles erlebt: Auch das Aus in den Playoff-Spielen zur Champions League im August 2008, als Schalke in einer ähnlichen Lage wie heute an Atletico Madrid gescheitert ist.

Jones: Ich weiß, wie bitter das ist. Wir hatten das Hinspiel zu Hause 1:0 gewonnen und haben dann das Rückspiel 0:4 verloren – Sergio Agüero hat uns fast alleine rausgeschossen. Wenn du so kurz vor dem Erreichen der Champions League doch noch scheiterst, ist das genauso, als wenn du in einem Endspiel Zweiter wirst. Du gehst einfach mit leeren Händen nach Hause. Natürlich ist auch die Europa League ein toller Wettbewerb, aber wenn du schon mal in der Champions League gespielt hast, dann weißt du, wie sich das dort anfühlt. Da will der Verein wieder hin, und da will auf jeden Fall auch die gesamte Mannschaft wieder hin.

Wenn Sie so spielen wie in Wolfsburg, wird das kaum klappen…

Jones: Ich antworte mal mit dem Spruch vom nassen Hund, den unser Torwart Ralf Fährmann in solchen Fällen immer bringt: Wenn der Hund aus dem Wasser kommt, schüttelt er sich einmal kräftig und ist wieder trocken. So ist das jetzt auch bei uns: Wir haben uns alle einmal richtig geschüttelt, und jetzt geht’s weiter.

Vor der Saison haben Sie mal gesagt, Schalke sollte versuchen, in diesem Jahr um die Meisterschaft mitzuspielen. Bereuen Sie diese Aussage eigentlich schon?

Jones: Ich habe ja nicht behauptet, dass wir Meister werden, sondern ich habe gesagt, dass jeder Sportler den Anspruch haben sollte, das für ihn bestmögliche zu erreichen – und in der Bundesliga ist das eben die Meisterschaft. Dazu stehe ich immer noch.