Herrlich vor Spitzenspiel gegen Schalke 04: „Tedesco hat Ruhe reingebracht“

Leverkusens Trainer Heiko Herrlich kämpft mit seinem Verein um die Champions League.
Leverkusens Trainer Heiko Herrlich kämpft mit seinem Verein um die Champions League.
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  • Trainer Heiko Herrlich trifft Sonntag mit Leverkusen auf Schalke 04 und seinen Kollegen Domenico Tedesco
  • Aber für ihn ist Fußball nicht alles

Leverkusen. Erst joggen, dann reden. Vor unserem Gespräch legt Heiko Herrlich (46) noch eine kurze Laufeinheit ein. Der Trainer von Bayer Leverkusen ist vor dem Duell mit Schalke 04 am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) gut gelaunt, antwortet humvorvoll, aber auch ernst. Es geht bei ihm nicht nur um Fußball, sondern auch um Dankbarkeit, Demut und die Angst vor dem Tod, die er nach seiner Gehirntumor-Diagnose spürte.

Heiko Herrlich, als Jugendtrainer haben Sie eine Siegermentalitäts-Tabelle in der Kabine ausgehangen. Gibt es die auch für Ihre Profis?

Heiko Herrlich (lacht): Bei meiner ersten Trainerstation bei der U-19 von Borussia Dortmund, in der auch Marcel Schmelzer spielte, gab es tatsächlich so eine Liste. Ich habe den Jungs gesagt: Passt auf, für einen Sieg beim Training gibt es drei Punkte, für ein Unentschieden gibt es einen Punkt. Ich wollte wissen, mit wem man Spiele gewinnt. Aus meiner eigenen Spielerkarriere wusste ich, mit wem ich in einer Mannschaft sein musste.

Mit wem denn?

Herrlich: Mit Spielern wie Steffen Freund oder Matthias Sammer. Bei ihnen wusstest Du: Sie sind gierig, sie sind besessen, sie haben eine Gewinnermentalität. Es gab andere Spieler, die hatten vielleicht das größere Talent, aber vielen fehlte der unbedingte Wille, Spiele zu gewinnen.

Also hingen Sie als Trainer eine Tabelle auf. Was geschah mit Ihren Spielern?

Herrlich: Es hat sich ein Muster herauskristallisiert. Dann habe ich mir auch mal einen Spieler geschnappt und gesagt: Mir dir gewinnt man aber kein Spiel. Damit wollte ich ihn kitzeln, ihn auffordern, auch im Training mehr Gas zu geben. Denn klar ist für mich: In der Jugend geht es nicht nur darum, Spieler fußballerisch auszubilden. Es geht auch darum, den Jungs eine Siegermentalität mit auf den Weg zu geben. Denn: Oben, bei den Profis, geht es nur ums Gewinnen. Deshalb muss man den jungen Spielern reinen Wein einschenken.

Und solch eine Liste hängt nun auch in der Kabine der Leverkusener Profis?

Herrlich (lacht): Nein. Irgendwann waren die Trainingsspiele grenzwertig. Und da ich ein ganz schlechter Schiedsrichter bin, habe ich dieses Projekt in Dortmund nach rund neun Monaten abgebrochen. Wo wir gerade dabei sind: Ich habe großen Respekt vor Schiedsrichtern und entschuldige mich an dieser Stelle, wenn ich einmal zu kritisch war. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wieviel Prozent macht die Persönlichkeit eines Spielers im Vergleich zum Talent aus?

Herrlich: Matthias Sammer hat als Sportdirektor beim DFB gesagt: Mentalität schlägt Qualität. Das Herz, der Hunger, dieses Wollen, diese Besessenheit – all das ist wertvoller als der talentierte Spieler, der beim kleinsten Widerstand einbricht.

Sie sprachen auch von der Steffen-Freund-Mentalität…

Herrlich (lacht): Das Problem ist, dass die heutigen Spieler oft Steffen Freund gar nicht mehr kennen. In meiner Mannschaft gibt es die Bender-Zwillinge, Charles Aranguiz oder Dominik Kohr, die diese Mentalität verkörpern.

Amüsiert es Sie, dass Schalkes Trainer Domenico Tedesco oder Hoffenheims Julian Nagelsmann zur Trainergeneration der Superschlauen gezählt werden?

Herrlich: Nein. Sie haben besondere Leistungen gebracht, sonst wären sie nicht da, wo sie heute sind. Ich schaue mir die Spiele sehr genau an, versuche zu erfahren, wie sie arbeiten. Ich will wissen, ob sie etwas erkannt haben, was ich noch nicht erkannt habe. Ich habe Respekt vor ihnen und vor vielen anderen Kollegen auch. In Deutschland gibt es bestimmt viele andere Trainer, die meinen Job in Leverkusen sofort übernehmen könnten. Deshalb bin ich dankbar, dass ich im Fußball arbeiten kann und darf.

Wie bewerten Sie die Arbeit von Domenico Tedesco, den Sie bereits aus Jugendfußball-Duellen mit Ihrem ehemaligen Klub Bayern München gegen seinen VfB Stuttgart kennen?

Herrlich: Domenico Tedesco macht das gut auf Schalke. Er hat Ruhe hineingebracht in den Klub. Er hat der Mannschaft eine klare Struktur gegeben. Die Spieler ziehen voll mit. Sie halten sich an das Konzept, sind taktisch flexibel. Dazu haben sie mit Spielern wie Naldo und Leon Goretzka sehr gute Individualisten. Sie stehen oft tief, haben wenig Ballbesitz. Manchmal denke ich: Uh, dass das Schalker Publikum das mitmacht – Respekt.

Sie könnten nach dem Sonntagsspiel in diesem Jahr noch einmal auf Schalke treffen: Im Pokalfinale in Berlin...

Herrlich: Ich hätte nichts dagegen, wenn wir ein drittes Pflichtspiel gegen Schalke hätten (schmunzelt).

Sie standen lange bei Borussia Dortmund unter Vertrag. Was bedeutet ein Schalke-Spiel für Sie?

Herrlich: Wenn man in Dortmund spielt, spürt man sofort, dass so ein Derby gegen Schalke für die Anhänger im Ruhrgebiet das Wichtigste ist. Davon lässt man sich anstecken. Du willst die Menschen ja begeistern. Wofür ich kein Verständnis habe ist, wenn es in Hass umschlägt. Das verstehe ich nicht. Schließlich profitieren beide Klubs von der Rivalität. Ich habe noch einen Wohnsitz in Dortmund und kicke freitags mit einer kleinen Gruppe in der Halle. Zuletzt leider nicht mehr so häufig. Davon sind 95 Prozent glühende Dortmund-Anhänger und ein Schalker. Der muss sich brutale Sprüche anhören, aber das ist natürlich nur im Flachs gemeint.

Schalkes Leon Goretzka wechselt nach der Saison zu den Bayern. Befürchten Sie, dass die Münchener noch dominanter werden?

Herrlich: Dass die Bayern seit Jahren Leistungsträger von anderen Bundesliga-Klubs verpflichten, ist ja nicht neu. Jahrelang haben sie Spieler von Bayer Leverkusen gekauft. Besonders die Südamerikaner wie Lucio, Zé Roberto, Jorginho. Abgesehen davon finde ich es wichtig, dass du für die Identifikation eines Klubs, ob jetzt Bayern, Dortmund oder auch Leverkusen, Spieler aus dem eigenen Verein in der Profi-Mannschaft hast: Identifikationsfiguren für den Klub und seine Fans.

Sie bewegen sich als Leverkusener Trainer derzeit auf der Sonnenseite, haben aber auch ganz schlimme Zeiten erlebt. Wie hat die Gehirntumor-Diagnose aus dem Jahr 2000 Ihr Denken und Handeln verändert?

Herrlich: Heute empfinde ich eine ausgeprägtere Dankbarkeit und Demut. Ich weiß: Ohne Gesundheit ist alles andere nichts. Ich darf mich in meinem Leben über mangelndes Glück nicht mehr beschweren. Deshalb bin ich trotzdem ehrgeizig, Niederlagen tun wir weiterhin richtig weh.

Als Sie wussten, dass Sie schwer erkrankt waren, haben Sie sich mit Ihren Eltern und Geschwistern ausgesprochen.

Herrlich: Ja. Das lag mir damals auf dem Herzen. Ich wollte ihnen sagen, dass ich nicht der Bundesliga-Superstar bin, der mit einem Porsche vorfährt und eine dicke Sonnenbrille trägt. Sondern, dass ich der Sohn und der Bruder bin.

Sie wollten Ihr Leben aufräumen?

Herrlich: Mein Leben bestand nur daraus, zu trainieren, Tore zu schießen, in die Nationalmannschaft zu kommen. Aber ich habe erkannt, dass ich damit auf dem Holzweg war.

Schlussfrage: Wie oft werden Sie eigentlich auf Ihre Schwalbe aus dem DFB-Pokalspiel gegen Mönchengladbach angesprochen?

Herrlich: Immer mal wieder. Mir hat das in diesem Moment direkt leid getan. Das war nicht mein größter Fehler, aber auch nicht mein letzter Fehler. Ich habe zurecht Hohn und Spott ertragen müssen.

 
 

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