Gelsenkirchen

Günter Siebert gestorben - „Er war Schalker durch und durch“

Gelsenkirchen.  Bei Jahreshauptversammlungen des FC Schalke 04 ging es immer schon turbulent zu, gegrölt und gestritten aber wurde früher mehr als heute. Wenn der Kessel der Emotionen mal wieder überkochte, dann schlug die Stunde von Günter Siebert.

Mit feinem Gespür für Stimmungen ging er ans Mikro und verwandelte Kritiker in Jubelnde. Er benötigte für seine Reden keine Manuskripte, er sprach aus, was er dachte, was er fühlte – und was die Leute hören wollten.

„Wo wohnt Günter Sie­bert?“, rief er ihnen schließlich zu, und sie antworteten tatsächlich: „Im Herzen aller Schalker!“

Freibier, Wiederwahl.

In drei Amtsperioden führte er den Klub als volksnaher Präsident. Schalke war Siebert, und Siebert war Schalke. Im Alter von 86 Jahren ist er nun in einem Pflegestift in Eckernförde verstorben.

Der Verein trauert um eine der prägendsten Figuren seiner Geschichte.

Bekannt für sein „Diamantenauge“

„Er war die gute Seele des Klubs“, sagt Norbert Nigbur, der großartige Torwart der DFB-Pokalsieger-Mannschaft von 1972.

„Für mich war er nie nur der Präsident, sondern immer auch eine Vaterfigur. Wenn wir Spieler Sorgen hatten, hat er sie uns mit der für ihn typischen Tatkraft genommen.“

Auch Erwin Kremers, der 1972 Europameister wurde, verneigt sich vor dem früheren Chef: „Er war ein Schalker durch und durch, er hat diesen Verein geliebt. Und er hat immer sehr viel Wert auf Jugendarbeit gelegt.“

Mit Fachkenntnis und Leidenschaft suchte und fand Siebert Talente, in der Branche erwarb er sich damit den Ehrentitel „Diamantenauge“.

Er nahm die Jugendnationalspieler Rolf Rüssmann, Klaus Scheer und Jürgen Sobieray unter Vertrag, er überzeugte im bayerischen Zwiesel Mutter Fischer, die ihren Klaus nicht hergeben wollte, weil dieses Gelsenkirchen doch so weit weg war, und als er Erwin Kremers aus Offenbach lockte, ließ er sich überreden, auch dessen Zwillingsbruder Helmut zu holen: „Ach komm’, hab’ ich gesagt, die 125 000 Mark haben wir auch noch.“

Der Skandal zerstörte vieles

Zahlreiche Anekdoten ranken sich um diesen Mann, der auch mal privat für eine Vereinsschuld bürgte und dafür einen Krach mit seiner Frau riskierte („Hat die mir einen Tanz gemacht!“). 1975 ließ er den brasilianischen Star-Verteidiger Francisco Marinho einfliegen, der 1,4 Millionen Mark Ablöse kosten sollte – seinerzeit eine astronomisch hohe Summe.

Beim Spiel gegen den FC Bayern saß Marinho auf der Tribüne, und die 70 000 Zuschauer durften auf Stimmzetteln ankreuzen, ob Marinho gekauft werden solle. Am nächsten Morgen waren die Boxen mit den Zetteln verschwunden – die Müll­abfuhr hatte ganze Arbeit geleistet, Marinho flog wieder zurück.

Unter Sieberts Regie war auf Schalke immer was los.

Skandal trübt Amtszeit

„Oskar“ nannten sie den Vater von sieben Kindern, weil es in den 50er-Jahren mal die Comicfigur „Oskar, der Familienvater“ gegeben hatte – und das passte natürlich auch zu diesem Verein, der sich immer als Familie verstand.

In Sieberts erste Amtszeit fiel auch das dunkelste Kapitel der Vereinsgeschichte: der Bundesliga-Skandal von 1971.

Schiebung, Sperren, Meineide – „diese Mannschaft hätte eine grandiose Zukunft gehabt, wenn der Skandal nicht gewesen wäre“, sagte Günter Siebert in einem Gespräch mit dieser Zeitung zu seinem 80. Geburtstag.

Damals nannte er es auch „beschämend“, dass Schalke nach 1958 nicht wieder Deutscher Meister geworden ist – er selbst hatte als Stürmer zu dem bis heute letzten Titelgewinn beigetragen: „Das war das Schönste, was ich je erlebt habe.“

Auch als er sich nach Gran Canaria zurückzog, wo er „Oskars Pub“ betrieb, blieb Schalke für ihn „ein wunderschöner Lebenstraum“. Er wird gewusst haben, dass ihn die Menschen, die diesen Verein ausmachen, nie vergessen werden.

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