Für Schalke hat das große Zittern begonnen

Alles andere als begeistert: Diesen Spieltag hatte sich Schalkes Trainer Jens Keller nach seiner Vertragsverlängerung ganz anders vorgestellt.
Alles andere als begeistert: Diesen Spieltag hatte sich Schalkes Trainer Jens Keller nach seiner Vertragsverlängerung ganz anders vorgestellt.
Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool
Die Königsblauen vergeben den ersten Matchball um die Champions-League-Qualifikation mit einem 1:2 gegen den VfB Stuttgart. „Unerträglich“, schimpft Aufsichtsrats-Chef Tönnies. Jetzt geht es in Freiburg um alles.

Gelsenkirchen. Fußballprofis sind manchmal seltsame Wesen. Da steht Jermaine Jones, Typ Kampfwalze, nach der schmerzhaften Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart vor den Mikros und erklärt mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit, dass die Mannschaft jetzt eben „in dieser Woche im Training richtig Gas geben“ müsse, weil das Spiel am nächsten Samstag in Freiburg ja kein leichtes werde.

Im Training also. Die Möglichkeit, vorher im Spiel den letzten Tropfen Schweiß zu opfern, ließen die Schalker verstreichen, sie ermöglichten den Schwaben einen verdienten 2:1-Sieg. Kein Biss, kein Herz, kein Esprit: Bis auf wenige Minuten zu Beginn, als Schalke zwar gefällig, aber nicht gefährlich auftrat, hinterließen die Blau-Weißen nie den Eindruck, den Schlussspurt in Richtung Königsklasse mit vollem Anlauf durchziehen zu wollen. Obwohl sie wussten, was auf dem Spiel stand. Muss man eigentlich auch Spürhunden vor jedem Einsatz neu erklären, wie ihre Nasen funktionieren?

„Unerträglich“ und „unbegreiflich“ fand Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies den Auftritt der Schalker Profis. „Alles war angerichtet – und dann so etwas.“ Statt der erhofften Partylaune nach den Vertragsverlängerungen mit Jungstar Julian Draxler und Trainer Jens Keller herrschte Katerstimmung. Besonders Keller, der mit den Resultaten in der Rückrunde erfolgreich für sich selbst geworben hatte, musste sich im Stich gelassen fühlen: „Ich hätte gerne den Deckel drauf gemacht, dann wäre es ein perfektes Wochenende gewesen“, sagte er und klagte: „Wir sind in alte Muster verfallen. Wenn es nicht so läuft, gehen wir einen Schritt nach hinten und sind nicht aggressiv genug.“

Vorne schlampig, hinten schläfrig

In der Vorwärtsbewegung etwas zu schlampig, bei der Defensivarbeit etwas zu schläfrig – bei dieser Haltung musste sich keiner darüber wundern, dass sich der Gegner eingeladen fühlte: Zweimal, in der 24. und in der 66. Minute, brachte der VfB Stuttgart den Ball von links scharf nach innen, jeweils konnte Torjäger Vedad Ibisevic unbedrängt zuschlagen . Wahre Hiebe.

Aufbäumen war nur bei Einzelnen zu erkennen. Klaas-Jan Huntelaar hatte in der 63. Minute die Nase voll vom fehlenden Ertrag der angeblichen Freistoßspezialisten, er schnappte sich den Ball und donnerte ihn direkt an den Pfosten. Kein Zufall, dass der Niederländer auch am zu späten Anschlusstor in der 92. Minute beteiligt war; bezeichnend auch, dass VfB-Verteidiger Georg Niedermeier und Torhüter Sven Ulreich den Ball gemeinsam ins eigene Tor bugsierten.

Der Kader muss in der Breite gestärkt werden

„Das war heute ein Elfmeter, den wir meilenweit über das Tor gehauen haben“, urteilte Manager Horst Heldt enttäuscht. Schalkes Mannschaft fehlte nicht nur die Intuition und die Spielkultur des gelbgesperrten Julian Draxler, sondern vor allem mentale Stärke. Heldt fand die Spielweise „zu fahrig und zu kompliziert“, obendrein noch kombiniert mit einer verhängnisvollen „Vorsicht in den Zweikämpfen“.

Wenn sich Ballkünstler wie Jefferson Farfan, Raffael und Michel Bastos mit Mitläufer-Rollen begnügen, wäre auch Druck von der Bank nicht schlecht. Es sagt einiges aus, dass es Jens Keller zuerst dem 17-jährigen Max Meyer zutraute, für frischen Wind sorgen zu können. Ein Signal auch an den Manager: Heldt wird daran arbeiten müssen, das Aufgebot in der Breite zu stärken.

Endspiel in Freiburg

Vorher aber geht es noch um das ganz große Ziel, um die Königsklasse: Der Vorsprung auf den hartnäckigen Verfolger SC Freiburg beträgt nur noch ein mickriges Pünktchen, und bei einem Unentschieden der beiden Kontrahenten könnte im Extremfall sogar noch Frankfurt mit einem hohen Sieg gegen Wolfsburg vorbeiziehen. „Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren“, meint Horst Heldt beschwörend, und Jens Keller verweist auf die Gesamt-Entwicklung: „Wenn uns jemand im Januar gesagt hätte, dass wir in Freiburg ein Endspiel um Platz vier haben, dann hätten wir Hurra geschrien.“

Aber es ist Mai. Und es wird nicht reichen, wenn seine Spieler nur im Training das Gaspedal durchtreten.

 
 

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