Für Mathias Schipper war Schalke das Größte

Peter Müller
Der gebürtige Castrop-Rauxeler Mathias Schipper war schon als Jugendlicher erfolgreich, setzte sich dann bei den Profis durch – und erlebte in den 80er-Jahren eine schreckliche Zeit der Königsblauen mit. Über einen zuverlässigen Abwehrmann, der den Stars aus Mittelfeld und Angriff den Rücken frei hielt.

Gladbeck. Wer die Physiotherapie-Praxis im Untergeschoss des Hallenbades in Gladbeck betritt und nichts über die Vergangenheit ihres Besitzers weiß, der wird auch keinen Hinweis darauf finden. Kein Foto, keine Zeitungsartikel, keine Trophäen – nichts. Mathias Schipper reicht es, dass ihn viele seiner Patienten ohnehin gut kennen. Es käme dem 55-Jährigen nicht in den Sinn, mit seinen 189 Bundesligaspielen für Schalke 04 zu prahlen. Nicht einmal für Werbezwecke.

Aber so spielte er ja auch damals schon Fußball. Mathias Schipper war ein zuverlässiger Abwehrmann, keiner für die phänomenalen, die atemraubenden Momente. Er hielt den Stars aus Mittelfeld und Angriff den Rücken frei.

Der Wert solcher oft selbstlosen Arbeiter für eine Mannschaft wird in der Öffentlichkeit oft unterschätzt. Aber schon die Nachwuchstrainer wussten die Qualitäten des gebürtigen Castrop-Rauxelers richtig einzuordnen. Nach den Anfängen bei Blau-Weiß Ickern und VfB Habinghorst landete er über die Kreisauswahl schon als 14-Jähriger bei der Westfalia in der Nachbarstadt Herne und geriet so fast zwangsläufig in den Blickpunkt der Späher von Schalke 04.

Siebert bemüht sich um das Talent

Günter Siebert erklärte den Fall sogar zur Chefsache. „Als ich in die Schüler-Nationalmannschaft berufen wurde, war Siebert ganz heiß darauf, mich vor meinem ersten Länderspiel zu holen, ich sollte dann schon Schalker sein“, erzählt Mathias Schipper. „Also bin ich bereits nach einem Herner Jahr gewechselt.“

Die Schalker zogen den B-Jugendlichen sofort in die A-Jugend hoch, da musste er sich dann schon im Training mit Top-Leuten wie Rüdiger Abramczik und Bernd Thiele messen, die kurz darauf Profis wurden. Mathias Schipper lernte dadurch früh, sich zu behaupten. Als er dann auch vom Alter her A-Jugendlicher war, wurde er 1976 mit dem Vorzeigeteam des königsblauen Nachwuchses Deutscher Meister, und er debütierte bereits in der Bundesliga in einem Spiel gegen den Hamburger SV.

Schalker Lehrjahre unter Merkel

In den ersten beiden Jahren danach tastete er sich langsam an Schalkes Profiteam heran, er kam auf insgesamt 15 Einsätze. Es waren spannende Lehrjahre, sein erster Bundesligatrainer war Max Merkel, der Zampano aus Wien. „Der ließ die Stars stramm stehen, aber uns Jugendliche förderte er“, sagt Mathias Schipper. Zu Schalke passte Merkel allerdings wie Sachertorte zur Currywurst. Er wurde von Friedel Rausch abgelöst, und zur Saison 78/79 war Ivica Horvat wieder da, der Vater des legendären Pokalsieger-Teams von ‘72. Dieser feinfühlige Trainer schob Mathias Schippers Karriere entscheidend an.

„Schon beim ersten Training kam er zu mir und sagte: Schippi, du bist mein Mann auf der linken Abwehrseite. Egal, was passiert, ich halte dir den Rücken frei.“ Ein psychologischer Kniff. Der damals 20-Jährige steigerte sich durch dieses Vertrauen enorm und bestritt in jener Saison tatsächlich als einziger Schalker alle 34 Spiele.

Der Dank für die Beständigkeit? Ein Tritt in den Allerwertesten.

Vor den letzten Spielen der Saison hatte sich der Verteidiger wochenlang fitspritzen lassen, Präsident Siebert versicherte ihm, die Vertragsverlängerung sei reine Formsache. „Dann musste die weiche Leiste operiert werden, ich habe einen Kurzurlaub in Portugal angehängt, und da hat mich dann mein Vater angerufen und mir mitgeteilt, dass Post von Schalke da sei. Ich dachte: Das ist der neue Vertrag. Aber es war die Kündigung zum 30. Juni.“ Mit seltsamen Begründungen wurde „Mattes“, der Schalker Junge, abgespeist. Wenn er davon erzählt, schmerzt es ihn heute noch: „Die Art und Weise war schlimm.“

Er wechselte zu Alemannia Aachen in die Zweite Liga und blieb dort drei Jahre. In Schalke nahm zeitgleich das Chaos zu. 1981 stieg Königsblau erstmals ab, und Mathias Schipper musste in Liga zwei gegen seinen Herzensklub spielen.

Assauer holt Schipper zurück

1982 holten ihn Manager Rudi Assauer und Trainer Sigi Held zurück. „Ich saß bei Assauer zu Hause“, erzählt Mathias Schipper, „und anschließend habe ich sofort meine Eltern angerufen und gesagt: Ich bin wieder Schalker! Das war für mich das Größte.“ Aber Schalke war nur noch ein Name. Sportlich glich der Klub einem Trümmerfeld. Gleich im ersten Jahr nach seiner Rückkehr erlebte auch Mathias Schipper einen qualvollen Abstieg mit.

Wie das passieren konnte, dass ein so traditionsreicher Klub mit grandiosen Fans und einem riesigen Stadion so versank? Mathias Schipper hat die Antwort sofort parat: „Es gab keine Struktur“, sagt er. „Führung und Trainer wechselten häufig, die besten Spieler gingen weg, die finanziellen Sorgen wurden größer. Im Grunde zog sich diese Unbeständigkeit über all die Jahre, in denen im Parkstadion gespielt wurde.“

In den Achtzigern seien außerdem viele Spieler geholt worden, die mit Schalke nichts am Hut hatten. „Zum Glück wird darauf heute wieder mehr geachtet“, meint der Gladbecker, der selbst noch viele Jahre in der Traditionsmannschaft spielte, bevor das Knie streikte. „Nur wenn die Spieler mit unserer Geschichte und den Besonderheiten des Vereins konfrontiert werden, dann kann auch so etwas Tolles dabei herauskommen wie bei Raúl.“

Damals aber ging Schalke noch ein drittes Mal baden, ‘88 war das, und danach war für Mathias Schipper Schluss. Er wollte sich im Verein weiter nützlich machen, bot sich als Bindeglied zwischen Vorstand, Mannschaft und Fans an, doch das war nicht erwünscht. Aber er war längst vorbereitet, hatte die Abendschule besucht und ließ sich zum Physiotherapeuten ausbilden. Der Name half natürlich, als er 1994 die eigene Praxis eröffnete, es war nicht schädlich, Bundesligaspieler auf Schalke gewesen zu sein.

Behandlung für Paul McCartney

Anfangs bekam er an einem Freitag einen Anruf von einer Bekannten, die in einem Hotel arbeitete. Ob er am Samstagmorgen Zeit habe, ein besonderer Gast brauche eine Behandlung. Mathias Schipper fuhr hin und kümmerte sich eine Stunde lang um Paul McCartney, der samstags in Dortmund ein Konzert gab.

Der Therapeut war begeistert, aber er brachte weder ein Autogramm mit noch ein gemeinsames Foto mit dem Star. „So etwas mache ich nicht“, sagt er. „Auch nicht bei einer lebenden Legende.“ Deshalb hängen an den Wänden der Praxisräume auch keine Erinnerungsfotos aus seinen Schalker Jahren. Mathias Schipper klopft sich mit der Hand vor das Herz. „Das ist alles hier drin.“