Flächenbrand bei Schalke 04 - Europa League ist in Gefahr

Manfred Hendriock
Die Gesichter der Profis vor der Fankurve Fans sagen alles: Vorne stehen Sead Kolasinac, Klaas-Jan Huntelaar und Matija Nastasic.
Die Gesichter der Profis vor der Fankurve Fans sagen alles: Vorne stehen Sead Kolasinac, Klaas-Jan Huntelaar und Matija Nastasic.
Foto: imago
Durch die Niederlage in Mainz rücken auf Schalke alle in die Verantwortung. Aber die Suche nach den Gründen für die Krise beginnt bei den Spielern.

Gelsenkirchen. Es war dicke Luft in der Kabine, Ralf Fährmann beschrieb die Atmosphäre hinter der verschlossenen Tür als „sehr, sehr angespannt“. Den Spielern klangen die Rufe der Fans („Scheiß Millionäre“) noch in den Ohren, Manager Horst Heldt war aschfahl im Gesicht und Trainer Roberto Di Matteo kniff die Lippen zusammen. Die 0:2-Niederlage am Freitag bei Mainz 05 hatte eine Art Flächenbrand auf Schalke ausgelöst: Jeder rückte in die Verantwortung. „Wir können keinen ausnehmen. Den Trainer nicht, die Spieler nicht, mich nicht“, sagte Heldt.

Die Hauptschuld an der Krise wird aber den Spielern zugeschrieben: Sie sollen ab diesem Montag in einem viertägigen Trainingslager in der Klosterpforte in Marienfeld härter angepackt werden.

Die Mannschaft

Schalkes Mannschaft lässt sich in mehrere Gruppen unterteilen, und im Moment patzen sogar diejenigen, die sonst den Laden zusammenhalten: Leute wie Fährmann, Höwedes, Matip, Huntelaar und auch Choupo-Moting. Interne Auswertungen haben ergeben, dass vor dem ersten Gegentor in Mainz Höwedes seinen Gegenspieler beim Eckball aus den Augen verlor und vor dem zweiten Treffer Fährmann zwei Schritte in die falsche Richtung machte – sonst hätte er den Kopfball halten können. „Wir waren nicht konsequent genug am Mann”, gab Höwedes zu. Er ärgerte sich aber mehr noch, dass Schalke zuvor „klarste Möglichkeiten verballert” hatte: Huntelaar ist seit 1187 Minuten ohne Tor, Choupo-Moting, in der Hinrunde zeitweise der beste Scorer der gesamten Bundesliga, steht völlig neben sich.

Dann gibt es die Gruppe der Spieler, bei denen sich der Eindruck durchsetzt, dass sie Schalke nicht verstanden haben: Neustädter, der mehr durch seine Frisur als durch Einsatz auffällt, Boateng, der gar nicht mehr spielen darf, oder Aogo, bei dem man sich manchmal fragt, wo er auf dem Platz mit seinen Gedanken ist. Bei dieser Gruppe, die sich noch durch den einen oder anderen Namen erweitern ließe (Sam!), hat man den Eindruck: Sie passen nicht nach Schalke.

Die dritte Gruppe sind die Spieler, die lange verletzt waren und nicht in Form sind: Draxler, Goretzka, auch Farfan. Mit ihrer Rückkehr hatten sich große Hoffnungen verbunden, aber diese Spieler können sie aus logischen Gründen (noch) nicht erfüllen.

Bleiben schließlich die Jungen um Meyer und Sané. Sie brauchen ein stabiles Gebilde, finden das aber auf Schalke momentan nicht. So bleibt das, was. Kapitän Höwedes für die ganze Mannschaft jetzt fordert: „Wir müssen langsam den Arsch hochkriegen.”

Der Trainer

Roberto Di Matteo wirkt im Moment wie ein Ritter der traurigen Gestalt. Man kann sich in den letzten 15 Jahren nur einmal an eine ähnlich ratlose Rückrunde erinnern: Im Frühjahr 2009 unter Fred Rutten – der wurde dann entlassen.

Nun ist die Frage ist, wie sehr Di Matteo für den Zustand verantwortlich zu machen ist. Definitiv darf man ihm unterstellen, dass er einen klaren Plan für die Mannschaft hat und nicht vorwiegend nur auf die individuelle Klasse einzelner Spieler hofft, wie das unter Jens Keller oft den Anschein hatte (Fährmanns Paraden, Huntelaars Tore). Aber: Di Matteos Personalauswahl ist zu hinterfragen: Warum spielte Max Meyer in Mainz nicht? Ist Kevin-Prince Boateng wirklich noch schlechter als Roman Neustädter? Oder, vor Wochen: Wäre Christian Wetklo nicht der bessere Fährmann-Ersatz gewesen als Timon Wellenreuther?

Auffällig: In Mainz pfiff Di Matteo die Spieler immer wieder nach vorne, coachte intensiv, fand aber kein Gehör. Die Vorgesetzten bezeichnen Di Matteo als „akribisch“ (Horst Heldt) und „bienenfleißig“ (Clemens Tönnies). Aber hat er wirklich so viel Durchsetzungsvermögen, wie es immer heißt?

Das Management

Man kann die Arbeit von Horst Heldt gegenwärtig nicht ohne Roberto Di Matteo betrachten: Der Italiener war seine Wahl – nicht aus einer Notlösung heraus wie 2011 bei der Rückholaktion von Huub Stevens, sondern nach einer intensiven Prüfung (Di Matteo stand bei ihm schon lange unter Beobachtung). Interessant ist ein Rückblick: Andreas Müller wurde im Frühjahr 2009 vom Schalker Aufsichtsrat auch deswegen als Manager abgelöst, weil er sich nicht von seinem Wunschtrainer Fred Rutten trennen und sogar dessen Vertrag verlängern wollte. Diesen Fehler, einen Alleingang gegen den Rat des oberstes Vereins- und Kontrollgremiums zu wagen, wird Heldt nicht machen, dafür ist er zu schlau.

Die Fans

Wie groß die Wut ist, zeigte sich nicht nur in Mainz („Scheiß Millionäre”), sondern auch in den Reaktionen am Wochenende in diversen Diskussionsforen und Leserbriefspalten. Schalke reagierte in Mainz besonnen: Ralf Fährmann und Benedikt Höwedes brachten als Sprecher der Mannschaft Verständnis auf – der Kapitän rieb sich lediglich ein bisschen daran, dass direkt nach dem Rückstand bereis erste Rufe („Wir woll’n euch kämpfen sehen“) aufkamen, weil Schalke zuvor ja gut im Spiel gewesen sei. Trainer Roberto Di Matteo blieb diplomatisch („Wir sind alle sehr verärgert und enttäuscht, auch unsere Fans. Das muss man verstehen“) und Manager Horst Heldt betonte auch noch einmal am Wochenende deutlich: „Unsere Fans erfüllen Champions-League-Niveau, sie begleiten uns so intensiv – da habe ich absolutes Verständnis für alles, was sie sagen.“

Keiner hat Öl ins Feuer gegossen. Damit aus dem Flächenbrand nicht noch eine Explosion entsteht.