Fan-Entsetzen in der Schalke-Kurve - selbst beim Siegtor

Die Schalke-Fans sind frustriert - und ihre Wut richtet sich längst nicht mehr nur gegen die Mannschaft.
Die Schalke-Fans sind frustriert - und ihre Wut richtet sich längst nicht mehr nur gegen die Mannschaft.
Foto: Sebastian Konopka / Funke Foto Services
Schlechte Stimmung auf Schalke: Schweigend, pfeifend und mit Ironie verfolgen die Fans das Spiel gegen Paderborn. Eine Reportage aus der Nordkurve.

Gelsenkirchen.. Ist das gruselig in der Veltins-Arena, einfach gruselig. Bis zum Anstoß auf Schalke sind es noch knapp fünf Minuten, also schnell die Treppen in Block N6 hinunter, etwa auf der Hälfte rechts rein, hier ist noch Platz. Ein Platz für Thorsten, der hier bei jedem Heimspiel seinen Stammplatz hat.

Thorsten erkundigt sich kurz, was bislang passiert ist, oder, wie am Samstag, eben nicht passiert ist. Er erfährt von der Botschaft der Mannschaft an die Fans auf dem Videowürfel: „Vielen Dank für eure tolle Unterstützung. Ihr wart großartig. Wir nicht.“ Er erfährt auch, dass der Doppelpass der Fans mit dem „Quatscher“ beim Vorlesen der Aufstellung an diesem Samstag ein krasser Fehlpass ist. Die Kurve schweigt oder pfeift – letzteres vor allem bei Roberto Di Matteo.

Stimmungsboykott auf Schalke funktioniert

Das Spiel beginnt, und auch Thorsten schweigt jetzt erstmal. So wie alle Fans. Der Stimmungsboykott, zu dem die Ultras am Dienstag aufgerufen haben, funktioniert. Was für eine Disziplin.

Auf dem Platz und auch auf den Rängen gibt der SC Paderborn den Takt an und Thorsten ahnt, dass es das mit der Europa-League-Qualifikation wohl gewesen ist. Sein Vorschlag: Schalke könne sich dann mal auf die zweite Runde im DFB-Pokal konzentrieren. Galgenhumor. Wie übrigens so oft an diesem denkwürdigen Samstag.

Die Kurve schweigt noch immer und Thorsten und seine Kumpels haben Spaß an den Plakaten, die ausgerollt werden. Besonders schön finden sie: „Der Schnee ist geschmolzen, nun sehen wir die Kacke.“ Die Abwandlung eines legendären Zitas von Rudi Assauer. Die Transparente gelten vor allem Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies und Manager Horst Heldt, ihnen geht es an den Kragen. Heftig.

Dann wird es unheimlich

Um kurz nach vier Uhr wird es zum ersten Mal laut. Stuttgart führt gegen den HSV mit 2:1, und weil der Schalker selbst nichts zu feiern hat, feiert er eben Huub Stevens. Mit dem „Oh, wie ist das schön“ kurz vor der Halbzeit stellen Thorsten und die Fans dann den Gesang wieder ein. Für alle, die die Ironie nicht verstanden haben, folgt noch ein kurzes, aber deutliches: „Wir haben die Schnauze voll“.

Etwas skurril wird es, als in der zweiten Halbzeit Schalke immer noch nicht besser spielt und die Kurve tief in der Vereinsgeschichte zu wühlen beginnt. Fritz Szepan wird gefeiert, Ernst Kuzorra sowieso. Auch Stan Libuda wird nicht vergessen. Gerald Asamoah, Jiri Nemec, Ingo Anderbrügge, Ebbe Sand – jedes Grüppchen kreiert jetzt sein eigenes Liedchen. Skurril auch deshalb, weil die mit dem lautesten Organ weder einen Jiri Nemec noch einen Ingo Anderbrügge je spielen gesehen haben dürften.

Thorsten ist 34 Jahre alt, er hat es damals schon im Parkstadion, und verspürt spontan Lust auf einen der gefürchteten weiten Einwürfe von Tomasz Hajto, dem seine Gruppe in N6 jetzt auch ein Lied widmet.

Unheimlich wird es, als die Nordkurve nach 70 Minuten endgültig die Seiten wechselt und bei jedem Angriff des SC Paderborn mitfiebert. Na gut, zumindest Ralf Fährmann bekommt bei jedem Ballkontakt Applaus.

Kaum Jubel nach Paderborner Eigentor

Dann kommt die 88. Minute, Barnetta flankt hoch in den Strafraum und Uwe Hünemeier köpft den Ball ins eigene Tor. Kaum Jubel in der Nordkurve, Entsetzen bei den Paderbornern und in N6.

Dann ist Schluss und Schalke feiert die Paderborner, fordert deren Spieler sogar auf, in die Nordkurve zu kommen. Schalkes Spieler sind direkt in die Kabine geeilt, die Kurve hat dazu eine klare Meinung: „Wir sind Schalker, und ihr nicht.“

Nur Christian Wetklo stellt sich, er diskutiert mit den Vordersten, die hinter dem Tor stehen. Eine Viertelstunde später kommen die Spieler, angeführt von Wetklo, doch aus der Kabine. Die meisten Spieler schlurfen mit hängenden Köpfen über den Rasen. Vor der Nordkurve bleiben sie stehen. Die Reaktion der Fans: Laute Pfiffe und Beschimpfungen. Selbst Wetklo schafft es jetzt nicht mehr, die Fans zu beruhigen. Und als Julian Draxler auch noch genau vor N6 den Kopf schüttelt, kriegt der Weltmeister die volle Breitseite, das blanke Entsetzen der Fans zu spüren. Echt gruselig, dieser Tag auf Schalke.

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