Die große Abrechnung auf Schalke

Peter Müller, Dirk Graalmann und Manfred Hendriock
Reichte eine Kündigung ein: Felix Magath. (Foto: dapd)
Reichte eine Kündigung ein: Felix Magath. (Foto: dapd)
Schalke 04 vollzieht mit schweren Vorwürfen die vorzeitige Trennung von Felix Magath. Der antwortet mit einer Kündigung.

Gelsenkirchen. Am Nachmittag hatte Felix Magath noch eine Überraschung für den Verein parat, dem er „für die Zukunft von Herzen alles Gute“ wünschte. Er kündigte schriftlich seinen Vertrag. Sein Anwalt Ralf Höcker teilte zudem mit, dass Magath die Abberufung als Vorstand für „unberechtigt und unwirksam“ hält.

Nach Informationen dieser Zeitung ist dieser juristische Schachzug mitnichten das Friedensangebot eines barmherzigen Samariters oder gar das Zugeständnis, auf weitere Zahlungen zu verzichten. Im Gegenteil: Der am Morgen Geschasste versucht offenbar, eine vertraglich fixierte Zahlung auszulösen. Dem 57-Jährigen stünde demnach, sollte er nach einer Abberufung als Vorstand selbst kündigen, die Zahlung einer Millionensumme zu. Magath aber wurde nicht nur abberufen, sondern ihm wurde nach Ansicht des Vereins parallel fristlos gekündigt. Die Magath-Anwälte halten dagegen, man sei der Kündigung zuvorgekommen. Es ist ein juristisches Scharmützel.

Schon zuvor waren Versuche, die unschöne Angelegenheit mit einem Vergleich diskret zu beenden, gescheitert. Nun droht ein Scheidungskrieg, an dem keine der Parteien ein Interesse haben kann.

Am Mittwochmorgen hatten sich die Fotografen und Kamerateams vor dem Arena-Gelände in Stellung gebracht. Die letzte Dienstfahrt des Felix Magath sollte dokumentiert werden, er hatte ja angekündigt, an der Aufsichtsratssitzung teilnehmen zu wollen. Wenige Minuten vor Beginn aber ließ Magath übermitteln, dass er doch nicht erscheinen werde. So wurde ab 9 Uhr im Raum Libuda ohne ihn offiziell beschlossen, was längst vereinbart war: eine Trennung mit sofortiger Wirkung.

Schon um 10.40 Uhr verkündete Clemens Tönnies die Entscheidung. Für die Trennung gebe es „gute Gründe“, bekräftigte der Aufsichtsratschef, das Votum sei einstimmig ausgefallen. „Es hat ein Schlüsselerlebnis gegeben“, so Tönnies. „Danach habe ich mich um 180 Grad gedreht.“ Der Verein beauftragte Wirtschaftsprüfer. „Wir haben Revision gemacht und festgestellt, dass die Dinge nicht so waren, wie man sie vorfinden müsste“, sagte Tönnies, ohne konkret zu werden. Details verweigerte der Fleischfabrikant „mit Blick auf möglicherweise entstehende juristische Verfahren“, denen Schalke 04 aber „gelassen“ entgegensehe.

Magath, so lautet der unausgesprochene Vorwurf, soll sich nicht an satzungsgemäße Vorschriften gehalten haben. Es war Magaths Pflicht, Ausgaben von über 300.000 Euro vom Aufsichtsrat genehmigen zu lassen. Eine Erhöhung eben dieser Grenze hatten die Klub-Mitglieder vergangenes Jahr abgelehnt. Nach Informationen dieser Zeitung sollen die Wirtschaftsprüfer festgestellt haben, dass Magath bei Spielertransfers die Grenzen des Erlaubten überschritten habe.

Magaths Anwalt Ralf Höcker monierte mangelnden Informationsfluss: „Man sollte nicht glauben, dass ein Fußballverein anders funktioniert als ein Fleischzerlegebetrieb.“ Wenn man einen Mitarbeiter loswerden wolle, würden oft formale Regelverstöße gesucht, die eine vorzeitige Kündigung rechtfertigten, so Höcker. „Welche Regelverstöße allerdings Herr Magath begangen haben soll, darüber rätseln wir immer noch.“ Tönnies reagierte: „Das verwundert mich.“

Schalkes Chefkontrolleur konnte seine Verärgerung über den Mann, den er 2009 selbst geholt und mit einer einmaligen Machtfülle ausgestattet hatte, nicht verbergen. Seine Erklärung geriet zur Abrechnung. Als Kronzeugen dienten ihm die Spieler, die sich über Magaths Führungsstil beschwert hätten. Nach einem ersten Gespräch zwischen Tönnies und Magath habe die Mannschaft signalisiert, dass es „immer schlimmer“ geworden sei. Tönnies verschärfte daraufhin den Tonfall gegenüber Magath: „Ich habe ihm gesagt: So funktioniert Schalke nicht! Das war eine ziemliche Auseinandersetzung zwischen uns.“

Seit einer Woche hatte die Öffentlichkeit auf Erklärungen von Tönnies gewartet, die Außendarstellung des Vereins wirkte teilweise verheerend. „Aber wir wussten ganz genau, was wir tun“, betonte Tönnies, der sich wegen der andauernden Wirtschaftsprüfung dazu gezwungen sah, auf Zeit zu spielen. Die aktuellen sportlichen Erfolge hätten die Entscheidung nicht erschwert: „Es hieß: Er eiert ‘rum. Die Wahrheit ist, dass die Revision noch nicht fertig war.“

Die Tatsache, dass Tönnies mit Verweis auf juristische Folgen nach wie vor keine Details nannte, bestärkte zwar weiter diejenigen Schalke-Fans, die aus Sehnsucht nach dem versprochenen Meistertitel den Magath-Mythos pflegen. Die Klubführung aber glaubt, sich am Ende als Sieger wähnen zu dürfen. Nur so lässt sich die Erklärung nach Magaths Kündigung interpretieren: „Durch das heutige Verhalten von Felix Magath fühlen wir uns bestätigt und stellen fest, dass er keine Ansprüche mehr gegen den FC Schalke 04 hat.“