Der schwatte Koslowski und seine ewige Liebe: Schalke 04

Legende auf der Poststelle: Der ehemalige Schalker Meisterspieler Willi „der Schwatte“ Koslowski.                                      Foto: dapd
Legende auf der Poststelle: Der ehemalige Schalker Meisterspieler Willi „der Schwatte“ Koslowski. Foto: dapd
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"50 Jahren und keine Schale in der Hand" - diese Schmähgesänge aus dem Dortmunder Lager gegen den FC Schalke 04 kennt Willi Koslowski sicherlich auch. Allerdings hat er 1958 als Stürmer mit den Königsblauen die letzte Meisterschaft geholt. Der Gelsenkirchener wird 75 Jahre alt.

Gelsenkirchen.. Die Meisterschale aus Pappe, die in seinem Büro an der Wand hängt, droht herunterzufallen. Willi Koslowski rückt sie wieder zurecht, und dabei kommt er ins Sinnieren. „Ja, die Schale“, sagt er, „die hätten wir ja so gerne noch mal. Aber es wird immer schwieriger, die Konkurrenz ist stark.“

Wir sind auf der Poststelle des FC Schalke 04, Willi Koslowski kennt hier schon seit Ende der 80er-Jahre jede Heftklammer. Allen jüngeren Schalkern hat er ein Erlebnis der besonderen Art voraus: Willi Koslowski weiß nämlich aus Erfahrung, wie es ist, wenn Schalke Deutscher Meister wird. Als Stürmer war er 1958 für den letzten Titelgewinn mitverantwortlich: Beim 3:0-Endspielsieg gegen den Hamburger SV in Hannover bereitete Koslowski, bekannt und beliebt als „der Schwatte“, zwei Tore vor. „Als wir am nächsten Morgen mit dem Zug zurückkamen, war die Bahnhofstraße voller Menschen“, erzählt er. „Dann sind wir in offenen Wagen zum Schalker Markt gefahren, die Stimmung war unbeschreiblich. Wir haben tagelang durchgefeiert.“

Am Freitag dieser Woche gibt es für Willi Koslowski wieder etwas zu feiern: Er wird 75 Jahre alt. Das aber ist für den viermaligen Vater und viermaligen Großvater noch lange kein Grund für einen Rückzug ins Private. Er braucht Schalke, und Schalke braucht ihn. „Im Grunde bin ich ja seit zehn Jahren Rentner“, sagt er, „aber ich bin kein Stubenhocker. Hier fühle ich mich wohl, es ist eine wichtige, aber keine schwere Arbeit.“

Jeden Morgen um 8 Uhr leert Willi Koslowski bei der Hauptpost in Gelsenkirchen die fünf Fächer des Vereins, tagsüber füllt er auf Schalke bis zu 20 Kisten, die abgeholt werden. Was etwas später bearbeitet wird, bringt er noch persönlich weg. „Wenn ich um 17 Uhr gehe, liegt hier nichts mehr. Jeder Brief soll am nächsten Tag beim Kunden sein, darauf lege ich Wert.“

Gearbeitet hat er sein Leben lang, Vollprofi war er nie. Willi Koslowski ist ein Königsblauer vom alten Schlag: Einer, der sich mit Fug und Recht „Schalker Knappe“ nennen darf. Als Jugendlicher fuhr er drei Jahre lang auf Zeche Hugo ein. Der Jugend-Nationalspieler Koslowski kündigte allerdings spontan, als ihm ein Fußball-Ignorant, der sich Steiger nannte, die Teilnahme an einem internationalen Turnier in Italien verweigerte.

Aber ein Top-Talent wie der Schwatte war schnell wieder untergebracht. Ernst Kuzorra, legendärer Kapitän der Meistermannschaft aus den Dreißigern und längst eine Institution im Klub, kannte den Direktor einer großen Schalker Glasfirma. „Da konnte ich sofort anfangen – und da bin ich fast 30 Jahre geblieben“, erzählt Willi Koslowski.

Treue ist einem wie ihm wichtig, Schalker ist er seit 1953. Als 15-Jähriger spielte er nebenan bei Buer 07, mit dem Fahrrad fuhr er nach Schalke, um sich dort mal das Training anzuschauen. „Ich stand da am Zaun, und auf einmal kam Trainer Fritz Thelen zu mir und fragte mich, ob ich auch Fußball spiele.“ Der junge Willi war perplex, Thelen hatte sogar schon von ihm gehört. „Ich durfte sofort mittrainieren, und zwei Wochen später habe ich zum ersten Mal in der Schalker A-Jugend gespielt.“

500 Mark als Prämie

Willi Koslowski war ein Frühstarter, Deutscher Meister wurde er schon mit 21, als Jüngster in der Schalker Siegerelf. Der Heldenstatus führte allerdings nicht zum Großverdienst. Neben dem Meisterring gab es 500 Mark Prämie, Willi Koslowski sagt lachend: „Ich hoffe doch sehr, dass alle das Gleiche bekommen haben.“ Ganz sicher weiß er, dass sich alle Spieler noch im Kaufhaus Weiser in Buer kostenlos einkleiden durften. Das war’s.

Aber Willi Koslowski, dreimaliger Nationalspieler und WM-Teilnehmer 1962, beneidet die Millionäre von heute nicht; allenfalls darum, dass sie in einem Fußballpalast auf gepflegtem Grün spielen dürfen: „Auf solch einem Rasen kannst du im Grunde ja gar nichts falsch machen. Auf unserem Matschplatz früher wuchs das Unkraut.“ Aber er hat seine Zeit genossen, eine Zeit ohne Sicherheitsbedenken: „Wenn einer in der Glückauf-Kampfbahn eine Ecke schießen wollte, musste er erst die Leute zur Seite schieben.“

Wer von solcher Fan-Nähe schwärmen kann, muss nicht weiter erklären, warum ihm dieser Verein ein Leben lang wichtig blieb. Sogar am kommenden Freitag kümmert sich Willi Koslowski um die Post, ausnahmsweise aber nur bis 12 Uhr. Am Nachmittag kommt die ganze Familie zum Kaffeetrinken.

 
 

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