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Das große Schalke-Rätsel: Wer war der fünfte Schütze?

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Schalke hat den Pott: Ingo Anderbrügge (l.) und Jens Lehmann im Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand mit dem Uefa-Pokal. Foto: imago
Auch 18 Jahre nach dem Schalker Uefa-Cup-Triumph von Mailand gibt es noch ein großes Geheimnis. Nicht einmal Ingo Anderbrügge kennt es.

Gelsenkirchen. 

Die alte Tribüne im Parkstadion mit dem integrierten Kabinentrakt ist längst abgerissen, sie war beileibe auch kein architektonisches Schmuckstück, aber hier spielten sich Schalker Geschichten ab. Wie im Juni 1991 – Ingo Anderbrügge hat die Bilder heute noch vor Augen. Unten auf dem Parkplatz vor dem Marathontor konnten einige Tausend Fans gar nicht genug bekommen von den Spielern, und die warfen vor Freude alles aus dem Kabinenfenster im dritten Stock, was nicht niet- und nagelfest war – sogar den Pattex-Stuhl von Alex Ristic. „Da”, sagt Ingo Anderbrügge, der 1988 zu den Knappen gekommen war, „konnte man zum ersten Mal richtig diesen Verein spüren.”

Ingo Anderbrügge fand Alex Ristic auf Schalke „als Fachmann fantastisch“

Nach drei Jahren in der 2. Liga war Schalke 1991 endlich wieder erstklassig – den letzten Schritt machte die Mannschaft unter dem kauzigen Trainer Alex Ristic, nachdem zuvor Horst Franz, Didi Ferner und der beliebte Peter Neururer vergeblich versucht hatten, Schalke wieder nach oben zu führen. Ristic war nicht nach jedermanns Geschmack – man musste den Bosnier zu nehmen wissen. Ingo Anderbrügge erzählt eine Geschichte, die sich beim Training zugetragen hatte. Nachdem ihm von zehn Flanken eine hinters Tor gerutscht war, tobte Ristic: „Ingo, flankst du über Münster!” Man muss wissen: Das Tor war in Richtung Norden positioniert, und Münster liegt 75 Kilometer entfernt. „In dem Moment konnte ich nicht darüber lachen”, sagt Anderbrügge heute: „Aber als Fachmann fand ich Ristic fantastisch.”

Es war die Zeit, in der große Namen auf Schalke zählten – koste es, was es wolle. Günter Eichberg, damals ein schwer reicher Klinikbesitzer, hatte sich Schalke zum Hobby gemacht und hielt wenig davon, seine Millionen zu verstecken. Unvergessen die Bilder aus dem Wintertrainingslager zwei Jahre zuvor in Miami/ Florida, als sich Eichberg dabei filmen ließ, wie er in einen gemieteten Cadillac kletterte und dabei seinen stets eisgekühlten Weißwein schlürfte – er fand, das hätte Stil. Die Schalker Mannschaft kam beim „Präses” aber ebenfalls nicht zu kurz: Mit Radmilo Mihajlovic und Bent Christensen holte er Spieler, die Schalke nicht gerade als arme Leute wieder verließen.

Motivator Udo Lattek auf Schalke

Eichbergs größter Coup war freilich die Verpflichtung von Udo Lattek. Der hatte sich als Trainer zwar eigentlich schon aufs Altenteil zurückgezogen und stand auch auf Schalke nicht besonders häufig auf dem Platz, aber „er hatte eine Aura”, erinnert sich Ingo Anderbrügge: „Ihn habe ich nicht als Fachmann wie Ristic in Erinnerung, sondern als Motivator.“ Denn Lattek arbeitete mit allen Tricks – und überraschte damit manchmal auch seine Spieler.

Einmal wunderte sich Ingo Anderbrügge, dass er in der Nacht vor einem Heimspiel das Doppelzimmer mit Steffen Freund teilen sollte – beide waren zuvor noch nie Zimmergenossen gewesen. Doch als Lattek später an die Tür klopfte, wurde klar, was der alte Fuchs damit im Schilde führte: „Ihr werdet beide Nationalspieler”, berichtete Lattek – die Nominierung für den Sichtungslehrgang der DFB-Elf teilte er Anderbrügge und Freund als Motivationsspritze noch vor dem Schalke-Spiel am nächsten Tag mit. Für Anderbrügge ging der Traum freilich nicht in Erfüllung: Er wurde über Nacht krank und musste Spiel wie Lehrgang absagen.

Dieser Makel, dass er nie ein A-Länderspiel absolviert hat, stört ihn noch heute. Damals ärgerte er sich: „Jetzt hast du endlich einmal einen einflussreichen Trainer im Verein, und dann kommt so eine Grippe dazwischen.” Steffen Freund wurde 1996 dann mit der Nationalmannschaft Europameister – Anderbrügge musste noch ein Jahr länger warten, bis er 1997 endlich „seinen” großen Titel gewann.

Sport1-ExperteAuf Schalke hatte in der Zwischenzeit längst Rudi Assauer zum zweiten Mal das Zepter übernommen: Er kam 1993, als Lattek schon Geschichte war und es den Königsblauen mal wieder ganz dreckig ging. Doch „Assi” hatte ein Händchen dafür, um aus ganz wenig viel zu machen: Zusammen mit Trainer Jörg Berger baute er eine Mannschaft auf, die auf Schalke Geschichte schrieb. Eine Mannschaft „mit leidenschaftlichen Profis, mit Emotionen und coolen Typen”, schwärmt Anderbrügge: „Der Uefa-Cup-Sieg 1997 war das Endprodukt einer Geschichte, die in diesen Jahren entstanden ist.”

Ingo Anderbrügge nimmt noch einen Schluck Kaffee, und dann erzählt er von den Kabinenfesten, die es regelmäßig gab. Vom Teamgeist, den Jörg Berger gefördert hatte. Von den Stimmungskanonen wie Mathias Schober und Youri Mulder, vom schrulligen Yves Eigenrauch und vom unvergleichlichen Jiri Nemec. Das Wichtigste aber: „Wir waren alle geil auf Erfolg, denn mit Ausnahme von Olaf Thon hatte noch keiner von uns einen Titel gewonnen.”

Roda, Trabzon, Brügge, Valencia, Teneriffa, Inter Mailand – Schalker können das auswendig

Und so nahm die Geschichte ihren Lauf: Roda, Trabzon, Brügge, Valencia, Teneriffa, Inter Mailand – die Stationen bis zum Uefa-Cup-Triumph 1997 kennt jeder Schalker auswendig. Auch Anderbrügge lässt sie noch mal Revue passieren und sagt: „Wir sind immer verdient weitergekommen. Glück hatten wir im ganzen Wettbewerb nur einmal, als Jens Lehmann beim Rückspiel in Mailand in der Verlängerung einen Schuss an den Pfosten gelenkt hat.”

18 Jahre ist dieser 21. Mai 1997 jetzt her, und so lange hält sich, man kann es kaum glauben, auch unter den Schalker Spielern ein Geheimnis: Das Rätsel um den fünften Schützen beim Elfmeterschießen in Mailand – nur Trainer Huub Stevens und der Schütze selbst könnten es lösen. Stevens war vor dem Elfmeterschießen mit einem weißen Zettel von Mann zu Mann gegangen: Links standen die Ziffern eins bis fünf – rechts trug Stevens immer erst den nächsten Namen ein, nachdem der vorherige zugesagt hatte.

Sport-BeiratIngo Anderbrügge war der Erste, es folgten Olaf Thon, Martin Max und Marc Wilmots. Und weil damit schon alles entschieden war, kam nie heraus, wer als Letzter dran gewesen wäre. Unglaublich: „Wir wissen alle nicht, wer der fünfte Schütze im Finale gewesen wäre“, beteuert Anderbrügge. Mike Büskens und Thomas Linke sagen, dass sie nicht gefragt worden seien – in Verdacht steht Johan de Kock, aber der hatte im Halbfinale auf Teneriffa einen Elfmeter verschossen…

Mailand war der Gipfel eines langen Weges, den Anderbrügge mit Schalke gegangen war: Aus der 2. Liga bis zum Uefa-Cup-Sieg – nur Jens Lehmann und Andreas Müller waren auch so früh seit 1988 dabei. 2000 verließ Anderbrügge dann die Königsblauen. Das nächste Kapitel unserer Serie findet ohne ihn statt. Aber die alte Tribüne des Parkstadions spielt wieder eine Rolle…