Ausgerechnet Boateng lässt verunsicherte Schalker aufatmen

Manfred Hendriock
Nach dem 3:2 stand Schalke Kopf: Kevin-Prince Boateng feierte artistisch seine Vorarbeit, denn den Ball drückte letztlich Stuttgarts Florian Klein zum Endstand über die Linie.
Nach dem 3:2 stand Schalke Kopf: Kevin-Prince Boateng feierte artistisch seine Vorarbeit, denn den Ball drückte letztlich Stuttgarts Florian Klein zum Endstand über die Linie.
Foto: Sebastian Konopka
Boateng und der nach langer Zeit wieder treffsichere Huntelaar sorgten nach einem 1:2-Rückstand für den 3:2-Sieg des FC Schalke 04 gegen Stuttgart.

Gelsenkirchen. Irgendwann hatte Horst Heldt seinen Tribünenplatz verlassen, und es lag der Verdacht nahe: Selbst für den Manager des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 war es nicht mehr zum Hinsehen. In der Arena braute sich ein unheilvolles Gemisch zusammen, das gespeist wurde durch dilettierende Fußballer und sich vom Spielgeschehen abwendende Fans. Man konnte das große Gewitter für Schalke 04 förmlich aufziehen sehen. Dass es am Ende doch wieder vertrieben wurde und der schon abgeschriebene Kevin-Prince Boateng entscheidenden Anteil daran hatte, ist auch eines der Dramen, die dieser Klub immer wieder produziert – selbst in einer solchen Saison.

Schalke-Fans feiern Jahrhunderttrainer Huub Stevens

Man fängt also am besten bei Boateng an, um die Geschichte dieser Aufführung beim 3:2-Sieg des FC Schalke 04 über den VfB Stuttgart zu beschreiben. Das Bild, das sich dazu einprägt, verrät eine tiefe Genugtuung: Es zeigt Boateng, wie er sich kurz vor Schluss ganz allein vor der Haupttribüne in Position bringt und Küsschen in Richtung seiner Freundin Melissa wirft. Dass die Schalker Spieler das Siegtor ganz woanders feierten, war ihm offensichtlich nicht so wichtig. Boateng genoss es, dass ausgerechnet er es war, der Schalke 04 vor einer ganz heiklen Situation bewahrt hatte: Seinen Schuss lenkte der Stuttgarter Florian Klein in der 89. Minute zum glücklichen Schalker Siegtreffer ins Netz. Ein Eigentor. Boateng schlug erst einen Purzelbaum – und rannte dann weg.

20 Minuten zuvor war eine solche dramaturgische Wende nicht mehr zu erwarten. Das Happy End schien Schalkes Jahrhunderttrainer Huub Stevens vorbehalten zu sein, dessen Stuttgarter Mannschaft nach Toren von Harnik (22.) und Kostic (51.) mit 2:1 führte. Schalkes Fans in der Nordkurve wandten sich von ihrer Mannschaft ab, riefen Stevens’ Namen und stimmten den Ohrwurm aus seiner großen Zeit an („Wir schlugen Roda…”). Schalkes Verantwortliche hielten diese Huldigung für Stevens aufgrund seiner Verdienste später für normal. Doch in Wahrheit war es eine schallende Ohrfeige für das aktuelle Schalke. Denn Stevens wurde erst gefeiert, als der Frust am größten war.

Schalke-Torjäger Huntelaar beendet eine Negativserie

Roberto Di Matteo hatte schon vorher reagiert und nach dem Rückstand drei neue Offensivkräfte eingewechselt: Julian Draxler, Kevin-Prince Boateng und später auch Max Meyer. Zumindest diese Art der äußeren Einwirkung funktionierte, denn Draxler und Boateng rissen das Spiel an sich: Schon vor dem Schlussakkord bereitete der Deutsch-Ghanaer den 2:2-Ausgleich durch Klaas-Jan Huntelaar in der 78. Minute vor.

Auch der „Hunter” hatte an diesem Tag seine eigene Geschichte: Er schoss zwei Tore und beendete damit krachend seine persönliche Negativserie, nachdem er zuvor 13 Bundesliga-Spiele lang nicht getroffen hatte. Dass er sich in der Schlussphase seine fünfte Gelbe Karte einhandelte und damit am Sonntag in Köln gesperrt ist, unterstrich immerhin, wie engagiert Huntelaar um diesen so wichtigen Sieg gekämpft hatte. Denn so verteidigte Schalke den fünften Platz, mit dem die Minimal-Vorgabe erfüllt würde: einen Platz in der Europa League zu erreichen.

Dennoch war jedem Einzelnen anzusehen, wie sehr es an diesem Tag auf Schalke geknistert hatte. Am meisten vielleicht der Vereinsführung. Manager Horst Heldt musste sich erst einmal sammeln: Nachdem er seinen Tribünenplatz verlassen hatte, sah er die späten Schalker Tore auf einem Fernsehschirm in den Katakomben der Arena; angeblich hatte er sich schon vor dem Spiel vorgenommen, einfach mal irgendetwas anders zu machen. Und Vereinschef Clemens Tönnies gab zu, dass er nach dem Rückstand schon seine Zweifel hatte, ob das noch gut ausgehen würde.

Als er doch durchatmen durfte, bedankte er sich bei Boateng und sagte: „Das ist Kevin. Den darf man nicht abschreiben. Wenn er will, ist er grandios.” Nur bei der Frage, warum Boateng nicht öfter will, zuckte Tönnies mit den Schultern: „Das weiß ich nicht. Fragen Sie ihn.”

Doch seit geraumer Zeit will Boateng keine Antworten mehr geben. Zumindest nicht abseits des Platzes.