RWE und der lange Weg zur dritten Kraft im Revier

Klaus Wille
Vor dem Derby gegen Rot-Weiß Oberhausen.  RWE-Präsident Michael Welling im Gespräch.
Vor dem Derby gegen Rot-Weiß Oberhausen. RWE-Präsident Michael Welling im Gespräch.
Foto: Jakob Studnar
Am Samstag (14 Uhr, Stadion Essen) steigt in der Regionalliga West ein großes Derby aus erfolgreicheren Zeiten. Rot-Weiss Essen gegen Rot-Weiß Oberhausen. Im Interview spricht RWE-Präsident Michael Welling über seine alte Liebe St. Pauli, seine neue Liebe Rot-Weiss Essen, über Fans und Visionen und warum man Frauen den Fußball nicht erklären kann.

Essen. Wer sein Herz an Rot-Weiss Essen verloren hat, hat längst gelernt, tapfer zu sein. Der lässt sich auch von der Beichte von RWE-Präsident Michael Welling nicht schocken, der sich Jahr für Jahr bei einem anderen Verein eine Dauerkarte kauft. Ein Gespräch mit dem Doktor der Betriebswirtschaft über seine alte Liebe St. Pauli, seine neue Liebe Rot-Weiss Essen, über Fans und Visionen und warum man Frauen den Fußball nicht erklären kann.

Herr Welling, es ist Zeit für eine Beichte. Sie waren Fan des FC St. Pauli!

Michael Welling: Und ich habe immer noch meine Dauerkarte. Stehplatz, Gegengerade. Obwohl ich sie kaum noch nutzen kann.

Wie kommt man als RWE-Chef zu St. Pauli?

Welling: St. Pauli war ja zuerst da. Ich komme nicht aus dem Ruhrgebiet, sondern aus dem Emsland. Schwager Gerd hat mich zu St. Pauli gebracht.

Ihr Schwager?

Welling: Nein, wir haben ihn nur so genannt. Das war damals der Freund der älteren Schwester meines besten Freundes. Er hat uns mitgenommen zu St. Pauli. Da standen wir Knirpse vom Dorf und dachten: Boah! So kommt man zu seinem Verein. Später bin ich mit dem Totenkopf auf der Jeansjacke durch das erzkatholische Lingen gelaufen. Das fand ich cool, war aber nicht immer einfach.

Und wer nutzt Ihre Dauerkarte?

Welling: Der Sohn von Gerd. Die Zeit vergeht.

Am Samstag spielt Ihr Verein RWE gegen den Reviernachbarn RWO. Bevor wir über Essen reden: Was fällt Ihnen zu RWO ein?

Welling: Ich weiß ja, dass das in Essen nicht gerne gehört wird, aber RWO ist Verein, den ich sympathisch finde, vielleicht wegen seiner gebrochenen Geschichte. Hinzu kommt, dass die Leute um Präsident Hajo Sommers komplett gerade geblieben sind. Das finde ich einfach angenehm. Was RWO in den letzten Jahren mit seinen begrenzten Möglichkeiten gerissen hat, ist aller Ehren wert. Dass es zuletzt nach unten gegangen ist, ist traurig.

Was wir schon geklärt haben: Sie kommen nicht aus dem Ruhrgebiet. Man hat Sie sozusagen für RWE eingekauft?

Welling: Sagen wir es so: Der Insolvenzverwalter von RWE hat mich 2010 angesprochen. Man hat vorher wohl ein paar Kriterien aufgeschrieben, die der neue Mann erfüllen soll. So sind die auf mich gekommen. Eins lautete: der Neue soll unvorbelastet sein und von außen kommen. Vielleicht war ich auch nur der einzige, der bekloppt genug war, um das bei RWE machen zu wollen.

Was muss man denn mitbringen, um Präsident von RWE zu werden? Eitelkeit? Masochismus?

Welling: Also einen Schuss Masochismus auf jeden Fall. Eitelkeit? Kennen wir doch alle. Mal im Ernst: Vielleicht war das die Erfüllung eines Jugendtraums. Ich habe mit 15 gemerkt: zum Profi reicht es nicht. Dann ist es schön, dass man beim Fußball bleiben kann. Und Rot-Weiss ist einfach ein geiler Verein. Das habe ich übrigens schon gesagt, als ich noch beim VfL Bochum gearbeitet habe.

Ach…

Welling: Ja klar. Schalke und Dortmund, die sind hier im Revier ganz weit weg. Aber RWE wäre eigentlich der natürliche Wettbewerber des VfL, wenn es um Platz drei geht. Essen ist der Verein, vor dem Bochum Respekt haben müsste. Außerdem fand ich die Geschichte von RWE immer schon faszinierend.

Ist das nicht eine Geschichte vom schlafenden Riesen?

Welling: Daran glaubt man, wenn man hier Präsident wird. Aber mein Doktorvater hat einmal gesagt: Wer zu lange von Potenzialen redet, macht etwas falsch. Ein schlafender Riese ist RWE seit den 50er Jahren. Aber Rot-Weiss hat ja noch eine ganz andere Geschichte.

Jetzt sind wir beim Boss?

Welling: Natürlich. Helmut Rahn hat Deutschland 1954 zum Weltmeister-Titel geschossen. Also von daher: ohne Helmut Rahn und ohne Rot-Weiss Essen gäbe es vielleicht den Gründungsmythos der Bundesrepublik nicht. Jedenfalls nicht so.

Jetzt greifen Sie aber ganz hoch ins Register…

Welling: Also Sie werden mir zumindest das zugestehen: Der Beitrag von Helmut Rahn für den Gründungsmythos der BRD ist größer als der Beitrag von David Hasselhoff zum Fall der Berliner Mauer. Da sind wir uns doch einig, oder?

Lieber „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“ als „I’ve been looking for freedom“?

Welling: Genau! Aber es geht ja nicht nur um die 50er. Nehmen Sie nur die Essener Stürmer: Mill, Burgsmüller, Lippens. Und in der 4. und 5. Liga zieht RWE immer noch 7000 bis 12000 Leute. Das ist schon bekloppt, das macht Spaß. Das ist das, warum wir Fußball gut finden. Und dann hab ich irgendwann gesagt: Das mach ich jetzt. Vielleicht war ich da ein bisschen naiv.

Wie oft haben Sie Ihren Entschluss bereut?

Welling: Bereut ist das falsche Wort, bereut habe ich das nie. Es ist eher so, dass man mal Tage und Momente hat, in denen man denkt, das ist jetzt gerade ne ziemliche Scheiße hier.

Bei dieser Gelegenheit: Müssen wir das Gespräch eigentlich autorisieren lassen?

Welling: Weil ich das gerade so formuliert habe? Von mir aus können Sie mich genau so zitieren, da bin ich sehr entspannt. Ich komme vielleicht nicht aus dem Ruhrgebiet, aber ich habe längst gelernt: Hier nennt man die Dinge beim Namen.

RWE als dritte Kraft im Ruhrgebiet 

Und in diesem Ruhrgebiet soll RWE die dritte Kraft werden?

Welling: Wir haben das „Projekt 3“ genannt. Das ist eher eine Vision, obwohl wir dann sofort bei Helmut Schmidt und seinem Spruch sind: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Während der Insolvenz waren sich alle einig, dass es erstmal nur ums nackte Überleben geht. Wenn sie das gepackt haben, kommt aber ein Punkt, an dem man diskutiert: Wie geht es weiter? Worauf wollen wir hin arbeiten? So kam es, ich gebrauche das Wort jetzt doch, zur Vision, die dritte Kraft im Pott werden zu wollen. Aber bitte, das ist zeitlich unbestimmt. Große Zeitpläne, die dann nicht eingehalten worden sind, hat es bei Rot-Weiss Essen genug gegeben.

Wie wollen Sie den MSV Duisburg und den VfL Bochum abhängen?

Welling: Es geht jetzt noch nicht darum, sportlich die dritte Kraft zu sein. Das ist etwas, was hoffentlich irgendwann mal folgt. Aber wir wollen an anderen Schrauben drehen: Mitgliederzahl, verkaufte Dauerkarten, Zuschauerschnitt. Als wir das Projekt ausgerufen haben, waren wir Fünfter bei den Mitgliederzahlen. Jetzt sind wir an Bochum vorbei und kratzen Duisburg an. Wir haben 5000 Dauerkarten verkauft. 5000 in der 4. Liga. Natürlich ist das alles ein Wechselspiel mit dem Sport, aber da kann ich nicht mehr sagen, als dass wir ruhig und solide arbeiten wollen und hoffen, dann auch erfolgreich zu sein. Ich sage nicht, wir müssen in der nächsten Saison aufsteigen. Das wäre Quatsch.

Zumal man aus der 4. Liga kaum rauskommt. Fünf Regionalligen, fünf Meister, aber nur drei Aufsteiger.

Welling: Stimmt. Die fünf Meister und der Zweitplatzierte aus dem Südwesten spielen in einer Playoff-Runde drei Aufsteiger aus.

Fair?

Welling: Ich skizziere jetzt mal das Extrem: Ich spiele eine Saison mit 36 Spielen, ich hole 36 Siege, kassiere kein einziges Gegentor. Dann muss ich in diese Playoff-Runde, spiele auswärts beim Nord-Meister 0:0 und im Rückspiel daheim 1:1. Ergebnis: Ich steige nicht auf nach 38 Spielen ohne Niederlage mit einem Gegentor. So eine Idee entspricht doch keinem Gedanken, der mit Sport zu tun hat.

Was würden Sie empfinden, wenn Sie in einer Aufstiegsrunde auf Red Bull Leipzig treffen würden?

Welling: Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Als Fußball-Fan wünsche ich mir auch lieber ein Spiel Rot-Weiss Essen gegen Rot-Weiß Oberhausen als Red Bull Leipzig gegen die TSG Hoffenheim. Man muss sich wohl von diesen romantischen Vorstellungen verabschieden. Fußball ist ein Mega-Geschäft, in dem Geld eine bedeutende Rolle spielt. Was diese Vereine wie Red Bull oder Hoffenheim mit dem Geld machen, ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Beide schaffen auch eine Infrastruktur. Wir stehen eben alle im Wettbewerb, und man sieht, wenn der Scheich zum Traditionsverein 1860 kommt, werden die auch schwach. Die Diskussion ist also ein bisschen bigott, weil wir alle aufsteigen und erfolgreich sein wollen. Ich würde diese Entwicklung nicht per se verdammen. Als Fußball-Fan sage ich aber: Ich habe da wenig Bock drauf.

Es hat aber auch niemand richtig Lust auf die U23-Talentschmieden der großen Vereine. Wie schwer machen Ihnen diese Reserve-Mannschaften das Leben?

Welling: Das Problem für Vereine wie uns ist nicht die Traditions-Debatte. Das Problem ist die Schere, die sich immer weiter öffnet. Im neuen Fernsehvertrag bekommen die Regionalligisten nichts, oben gibt es noch mehr Geld. Die Folge ist, dass es den großen Vereinen noch leichter als zuvor fällt, große Mittel in ihre U-23-Mannschaften zu stecken. Wir können mit den Gehältern, die bei Schalkes und Dortmunds U 23 gezahlt werden, schon heute nicht mithalten. Die verdienen da mehr als unsere Jungs, die verdienen teilweise in der U19 schon mehr. Auch das prangere ich nicht prinzipiell an. Dahinter steckt aber ein Strukturproblem. Für das ich ehrlicherweise keine Lösung aus dem Ärmel ziehen kann.

Sie haben eine Art Red Bull in der Liga. Viktoria Köln lebt von seinem Gönner Franz Josef Wernze, das Team ist von den Namen her eher Zweit-, als Viertligist. Neidisch?

Welling: Ich gucke schon mit ein bisschen Neid auf die finanziellen Mittel, aber wir versuchen es anders. Wir haben Viktoria geschlagen, das war schon ein süßer Sieg. Auf Dauer aber setzt sich dieses finanzielle Engagement oft durch. Muss aber nicht, das ist ja das Schöne am Fußball. Und noch mal, wir wollen nicht bigott sein, es ist nicht so lange her, dass RWE die gleiche Strategie gefahren hat.

Ein Mäzen klassischer Schule bei RWE 

Wäre ein Mäzen klassischer Schule bei RWE noch denkbar?

Welling: Also wenn Herr Wernze sagen würde, er möchte bei RWE einsteigen, setze ich mich sofort ins Auto, fahre nach Köln und spreche mit ihm. Wobei man wissen muss, dass es bei einem Verein wie RWE mit seinen gewachsenen Fan-Strukturen viel schwieriger als bei Viktoria Köln ist, bestimmte Dinge durchzusetzen. Herr Wernze würde dafür in Essen vieles vorfinden, was er in Köln auch mit noch so viel Geld nicht realisieren kann.

Sie spielen an auf das große Fan-Potenzial von RWE. Ist Rot-Weiss nicht immer noch für Teile seines Anhangs gefürchtet?

Welling: Unser Image in vielen Köpfen ist leider noch: Hilfe, da kommen die Essener. Das war auch mal so, daran gibt es nichts zu deuteln, auch wenn das vor 20 Jahren vielen Vereinen so ging. Aber wir haben seit über 15 Jahren ein Fanprojekt am Start, das vieles sehr gut in den Griff bekommen hat. Es gibt kaum noch Vorfälle bei Rot-Weiss Essen. Dieses Image ist überholt.

Samstag kommt RWO. Haben Sie keine Sorge, dass ein paar Verrückte austicken?

Welling: Da kann auch der VfB Hüls kommen - wenn sich ein paar Idioten unbedingt aufs Maul hauen wollen, kann man das ja kaum verhindern. Die Sorge hat man immer, aber in Essen ist sie deutlich kleiner geworden.

Obwohl das Thema Gewalt die Schlagzeilen beherrscht?

Welling: Also erstmal reden da viele Leute auf vielen Seiten mit, ohne Basiswissen zu haben. Das fängt mit der verkürzten Darstellung in vielen Medien an. Ultras? Hooligans? Schon da fehlt die Differenzierung.

In den Niederlanden stirbt ein Linienrichter. Ist das die Zeit für Differenzierung?

Welling: Ein Linienrichter wird von jugendlichen Fußballern umgebracht. Ich denke: Um Gottes willen! Geht es eigentlich noch in dieser Welt? Aber, und das muss man unterscheiden, dieser Vorfall hat nichts mit Fan-Gewalt zu tun. Deshalb sage ich, wir reden von zwei verschiedenen Dingen. Zum Thema Fan-Gewalt kann ich nur sagen: es ist nicht so schlimm , wie es dargestellt wird, gefühlt nicht und auch nicht, wenn man auf die Zahlen schaut. Aber in den Köpfen bleiben Schlagzeilen, nicht die Details. Und die, die sich mit Fußball sonst nicht beschäftigen, kommen jetzt mit ihren Reflexen. Die Vereine sollen die Polizei-Einsätze bezahlen? Gilt das dann künftig auch für Schützenfeste? Oder fürs Oktoberfest mit seinen 600 Verletzten pro Tag? 600 pro Tag! Worüber reden wir eigentlich?

Verniedlichen Sie jetzt nicht?

Welling: Nein. Man muss alles gegen Gewalt tun, man muss präventiv arbeiten, deeskalierend. Und wenn etwas passiert, muss man reagieren und klar machen: So nicht. Jeder verletzte Fingernagel wegen Gewalt rund um ein Spiel ist nicht hinzunehmen, das ist doch völlig klar. Aber was mich stört, ist dieser Aufregungsmechanismus, den wir gerade erleben. Zu viele Leute geben interessengeleitete Kommentare ab.

Das Sicherheitspapier der DFL 

Das große Thema ist das Sicherheitspapier der DFL, das am 12.12. beraten werden soll. Die Fans halten mit ihrer großen Aktion dagegen: Zu Beginn der Spiele wird 12 Minuten und 12 Sekunden lang geschwiegen. Ihre Position?

Welling: Mich stört schon, dass da 36 Profi-Vereine etwas alleine machen. Das Problem stellt sich doch auch in der 3., 4. und 5. Liga. Vereine wie Offenbach oder wir haben mehr Fans im Stadion als mancher Zweitligist. Aber uns hat keiner gefragt. Die Fans übrigens auch nicht. Da habe ich viele Störgefühle.

Ihr Team offenbar auch?

Welling: Unsere Fans sind da sehr aktiv, und wir unterstützen das. Gegen RWO will sich unsere Elf in Trikots warmmachen, auf denen 12:12 steht.

Haben sie keine Angst, sich damit zum verlängerten Arm derjenigen zu machen, die man gar nicht mehr erreichen kann? Die gewaltbereit sind?

Welling: Der Grat ist schmal, das gebe ich zu. Aber der Fan-Protest richtet sich dagegen, dass in diesem Papier nicht differenziert wird. Das unterschreiben wir. Auf der anderen Seite beziehen wir klar Position. Brauche ich eine Fan-Charta, um mich gegen Gewalt und Rassismus zu stellen? Das steht bei uns längst in der Vereinssatzung. Natürlich gehört Gewalt nirgendwo hin, nicht ins Stadion, nicht ins Schützenzelt, nicht auf die Kettwiger Straße. Diskriminierung ist scheiße. Gewalt ist scheiße. Für diese Feststellung brauche ich keine von oben verordnete Fan-Charta. Ich muss pro-aktiv mit den Fans arbeiten, wenn ich etwas erreichen will.

Glauben Sie an die Selbstreinigungskräfte der Fan-Szene?

Welling: Im Spiel gegen Lotte flog aus unserem Block ein Böller aufs Spielfeld. Das Stadion hat geschlossen gebuht, die Fans haben den Werfer identifiziert und gestellt. Das kann irgendwann auch wieder anders sein: Diese Szene ist extrem heterogen. Ich hoffe einfach, dass es bei uns mit dem Selbstreinigungsprozess weiter geht. Aber: schwieriges Thema. Man fordert immer Zivilcourage, aber die Leute sollen sich ja auch selbst nicht gefährden.

Es war eine endlose Geschichte, aber nun hat RWE als Viertligist ein neues Stadion. Wie stemmt der Verein das, wenn doch der MSV Duisburg zwei Klassen höher nicht weiß, wie er die Arena zu Ende finanzieren soll?

Welling: Wir haben das Glück, dass wir das Stadion nicht selbst bauen mussten. Entsprechend haben wir nicht die Belastungen wie in Duisburg oder Aachen. Die Zahlen, die man da hört, sind ja der Wahnsinn. Ich glaube, dass wirtschaftlich gesehen nur ganz wenige Vereine so einen Bau aus eigener Kraft stemmen können.

Woher kommt der Glaube, mit einem neuen Stadion ginge alles von alleine?

Welling: Der Glaube ist in Grenzen sogar richtig. Es geht dabei immer um den Hospitality-Bereich, also den Teil des Stadions, den die Menschen nutzen, die mehr Geld ausgeben können als andere. Es geht nicht so sehr um die Steigerung der Zuschauer insgesamt, sondern um die Vip-Bereiche. Da hofft man dann auf eine breitere Basis, auf neue Kontakte, auf neue Sponsoren. Das ist der Teil, mit dem sie in einem Stadion Geld erwirtschaften können. Aber die Gleichung, dass ein neues Stadion an sich größeren sportlichen Erfolg garantiert, die geht nicht auf. Erst recht nicht, wenn es so viele versuchen. In der Ökonomie spricht man vom Rattenrennen-Effekt: Alle investieren, laufen auf das Ziel los, aber am Ende bekommt immer nur einer den Käse.

Von Unterstützern und Sponsoren 

Im Grunde müsste doch Ihr Leben angesichts der vielen Konzerne, die in Essen zuhause sind, viel leichter sein?

Welling: Eigentlich haben wir die besten Voraussetzungen aller Revierstädte. Wir haben in der Quantität die meisten Unternehmen, wir haben in der Gesamtwirtschaftskraft die größten Unternehmen, wir haben nach München die zweitmeisten DAX-Unternehmen. Aber natürlich gucken die sich rechts und links um. Evonik ist ein Essener Unternehmen und wirbt bei Borussia Dortmund auf der Brust.

Ist das der Preis, den man für 20 Jahre in der sportlichen Versenkung zahlen muss?

Welling: Es ist doch illusorisch zu glauben, dass Evonik sagt; Wir sind ein Essener Unternehmen, deshalb müssen wir RWE Geld geben. Das ist doch Quatsch. Es geht darum, die Marke Evonik populär und sexy zu machen, und da gehe ich nicht in die 4. Liga und sage: RWE, mach meine Marke bekannt. Das können wir doch gar nicht leisten. Ich gehe also nach Dortmund und erziele dort positive Imagewerte. Wir müssen das anders lösen, wir sind deshalb inzwischen sehr breit aufgestellt. In der Insolvenzsaison vor zwei Jahren hatten wir gut 90 Partner, jetzt sind es dreimal soviel.

Warum geben die Menschen einem Verein wie RWE, der wirtschaftlich über Jahrzehnte hinweg vor die Wand gefahren worden ist, sogar in der Insolvenz noch Geld?

Welling: Das ist ja gerade das Geile, was den Fußball ausmacht. Fußball ist ein irrationaler Bereich, weit weg von der Rationalität. Gerade in so einer Verlust-Situation sagen viele Leute: jetzt erst recht. Weil sie nicht wollen, dass ein Stück des eigenen Lebens, der eigenen Sozialisation verloren geht. Man hat heute vielleicht mehrere Beziehungen und Ehen, mehrere Arbeitgeber. Man wechselt die Wohnorte. Aber nicht den Verein. Fußball bietet Identität. Die Leute haben etwas, woran sie festhalten können.

Man kann Fußball nicht verstehen?

Welling: Ich versuche seit 20 Jahren, meiner Frau zu erklären, warum ich Fan bin. Es geht nicht, weil ich kein einziges Argument habe. Fußball kannst du nicht erklären, den musst du fühlen.